ARCH+ 227

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Erschienen in ARCH+ 227,
Seite(n) 1-2

ARCH+ 227

Editorial

Von Ngo, Anh-Linh

IT’S THE CLIMATE, stupid!

Eine der frühesten Bild-Erinnerungen meiner Kindheit ist ein Basrelief an der Kirchenfassade meiner vietnamesischen Geburtsstadt. Hoch über dem Seitenportal der neogotischen Kirche ist in eindrucksvoller Größe der Erzengel Michael im Kampf gegen einen Drachen dargestellt. In römischer Rüstung das Schwert über den Kopf schwingend holt er gerade zum finalen Sto aus um den Drachen, der sich zu seinen Füßen windet, in die Hölle hinabzustürzen. Die hybride Figur – halb asiatisch, halb europäisch – gab mir damals einige Rätsel auf: War der Drache etwa doch nicht das ehrwürdige, gutmütige Fabelwesen, das mir überall im sonstigen vietnamesischen Alltag begegnete? Wozu hatte der Drache die verkümmerten Flügel, wo doch jedes Kind weiß, dass Drachen zum Fliegen gar keine Flügel brauchen? Darf man einen Drachen überhaupt töten, obwohl er – wie mir erklärt wurde – segensreichen Regen spendet und als Symbol für Glück und Fruchtbarkeit verehrt wird? Das war meine erste Lektion in Sachen Relativismus: Drache ist nicht gleich Drache. Während die europäische Spezies ein feuerspeiendes Ungeheuer ist, kommt seinem Artgenossen in Vietnam die Rolle des glückbringenden Regenmachers zu. Der mythologische Dreisatz lautet hier: Ohne Drachen gibt es keinen Regen, ohne Regen kein Leben, ohne Leben keine Kultur. Noch heute werden bei anhaltender Trockenheit in ländlichen Gebieten Vietnams Drachentänze aufgeführt, um den lang ersehnten Regen herbeizurufen.

Der Drache auf dem Cover dieser zweiten Vietnam-Ausgabe steht, wie der Exkurs zeigt, nicht nur sinnbildhaft für Regen, also im weiteren Sinne für das Thema des Klimas, sondern auch für die Tatsache, dass kulturelle Phänomene meist nur in ihrem eigenen Kontext verstanden werden können. Das nennt man Kulturrelativismus. Nicht, dass ich als Kind einen rechten Begriff davon hatte, doch die Ambivalenz des west-östlichen Drachen konfrontierte mich auf anschauliche Weise zum ersten Mal mit der Erkenntnis, dass kulturelle Codes nicht universell gelten.

Für die beiden nun vorliegenden Themenhefte über Vietnam heißt das, die Spannung zwischen regionaler und universaler Argumentation zu balancieren und die kulturalistischen Fallstricke zu erkennen, die der Rückbezug auf echte oder vermeintliche Traditionen mit sich bringt. Der bereits erschienene erste Band hat gezeigt, wie wir bereits vor einigen Jahren in ARCH+ 211/212 (Think Global, Build Social!) geschrieben haben, dass sich die „Debatte um das vernakuläre Bauen in erster Linie um soziale Fragen [dreht], während jene der kulturellen Identität meist implizit mitverhandelt werden. […] Dies kann unter anderem dazu führen, dass die Projekte zwar scheinbar traditionelle Sehnsüchte nach dem Einklang mit der eigenen Kultur erfüllen. Im Fokus steht jedoch die (Selbst-)Vergewisserung der eigenen Ressourcen und des kollektiven Wissens vor Ort, und zwar aus Gründen der Billigkeit (im doppelten Sinne des Wortes). Umgekehrt erzwingt gerade dieser ökonomische Ausgangspunkt die Auseinandersetzung mit dem lokalen Kontext, dieses Mal aus sozialen Gründen.“

Dieser „lokale Kontext“ umfasst neben den kulturellen Aspekten auch das Klima als bestimmenden Faktor der traditionellen Raumproduktion. Damit sind die zwei global relevanten Tendenzen benannt, die wir am Beispiel Vietnams behandeln: ARCH+ 226 Vietnam – Die stille Avantgarde hat das Augenmerk auf eine sich derzeit vollziehende, einschneidende Wende gerichtet. Nicht nur in Vietnam, sondern weltweit zeigt sich ein neues soziales Engagement der Architektur, das sich als Ausgangspunkt einer Neufundierung der Disziplin erweist. Das vorliegende Heft, das unseren Vietnamfokus abschließt, konstatiert einen Paradigmenwechsel im Umgang mit den Herausforderungen des Klimas. Statt klimatische Probleme konventionell technisch zu bearbeiten, löst die junge vietnamesische Architektengeneration sie kreativ mit architektonischen Mitteln. Neben dem sozialen Bauen eröffnet das klimagerechte Entwerfen der Architektur den Weg zu einer neuen gesellschaftlichen Relevanz.

Allerdings bergen beide Tendenzen Gefahren: Bei den Ansätzen im ersten Band muss man sich vor einem kulturellen Determinismus hüten. Und ebenso ist bei der Herleitung der Architektur aus den klimatischen Bedingungen im zweiten Band Vorsicht vor einem klimatischen Determinismus geboten. Letzterer neigt dazu, alle kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse bis hin zu sogenannten „Volkscharakteren“ auf das Klima zurückzuführen. Doch neben weiteren Faktoren wie sozialen Einflüssen dürfen wir auch den aktiven Einfluss des Menschen auf seine Umwelt nicht außer Acht lassen. Spätestens mit den anthropogenen Veränderungen des Klimas stellt dieses keinen „quasi zeitlosen, vereinheitlichenden Rahmen historischer Entwicklungen“ mehr dar, sondern ist „zu einer dynamischen Größe geworden, die weder über einen stabilen Rhythmus noch über ein gesellschaftlich klar eingegrenztes Wirkungsfeld verfügt“, wie Sascha Roesler im einleitenden Essay konstatiert. Der menschengemachte Klimawandel hält sich nicht an hergebrachte territoriale Grenzen. Auch die Einteilung in ein „natürliches“ Außenklima und ein „künstliches“ Binnenklima sei, so Roesler weiter, mit der Schaffung des anthropogenen „Stadtklimas“ obsolet: „Das epistemisch ausschlaggebende Untersuchungsobjekt ist nicht mehr das isolierte Einzelgebäude, sondern das Quartier oder gar die Stadt […]. Die Stadt löst das Gebäude als jene Innenraum konstituierende Sphäre ab, die thermisch und hinsichtlich des Komforts durch Architekten konzipiert werden muss.“

Die Erkenntnis, dass wir nicht mehr nur Häuser, sondern den Stadtinnenraum bewohnen, führt zu einem echten Paradigmenwechsel. Beispiele dafür sind das House for Trees von Vo Trong Nghia Architects in ARCH+ 226 oder das Saigon House von a21studĩo in dieser Ausgabe. Deren Ansätze zeichnen sich dadurch aus, dass sie keinen kontinuierlichen, abgeschlossenen Innenraum mehr besitzen, sondern die Funktionen in separaten Volumen untergebracht sind. Das Aufbrechen der Form aktiviert die Zwischenräume und führt zu komplexeren Beziehungen zwischen den individuellen und gemeinschaftlichen, den privaten und öffentlichen Bereichen, zwischen innen und außen, künstlich und natürlich. Die Aufhebung dieser Gegensätze erlaubt es, die Architektur „als Teil einer politischen Ökologie der Stadt neu zu denken“, wie Roesler in Anlehnung an Bruno Latour argumentiert. Gleichzeitig können wir dadurch der Gefahr entgegenwirken, dass die Rückkehr des Klimas in die Architekturdebatte in eine regressive Bewegung mündet, die die moderne Lebenswirklichkeit mit ihren vielfältigen Ansprüchen negiert.

Welche Chancen das klimaangepasste Bauen bietet, fasst Manfred Speidel in seinem Essay über Bruno Tauts Konzept eines „natürlichen Bauens“ luzide zusammen. Nicht nur helfe es, „die kulturelle Vielfalt widerzuspiegeln und die Architektur zu bereichern“: Indem es auf der Autonomie der Architektur beharrt, kann es sich auch in Zeiten des Klimawandels der technischen Nivellierung des Raumes und dem globalen Formalismus widersetzen.

Doch Autonomie heißt nicht, auf die Reinheit von Althergebrachtem zu pochen. Das zeigen die Projekte des Büros a21studĩo auf eindrucksvolle Weise: Tradiertes Wissen um typologische Vielfalt und klimagerechtes Bauen kann nur im Verbund mit kultureller Offenheit und Freiheit im Ausdruck lebendig bleiben. Diese Haltung gebiert hybride Formen wie den Drachen an der Kirchenfassade in Vietnam – auch er ist ein hybrides Wesen.

 

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