ARCH+ 227

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Erschienen in ARCH+ 227,
Seite(n) 50-59

ARCH+ 227

HTA+Pizzini Architects: In Situ

Von Pizzini, Archie /  Trần, Hoành

In ihrer hier auszugsweise publizierten Ausstellung In Situ untersuchen die beiden Architekten Archie Pizzini und Hoành Trần, die gemeinsam das Architekturbüro HTA+Pizzini Architects in HCMC führen, den durch die rasante Urbanisierung ausgelösten sozialen und kulturellen Wandel in Vietnam. Die mit Mitteln der Fotografie durchgeführte Analyse fokussiert auf die Verdrängung der kleinteiligen lokalen Kultur, die auf Adaptation und Aneignung basiert, durch multinationale Großkonzerne, die mit der Öffnung des Landes in diesen Kontext hineinbrechen.

Während Archie Pizzini das Konzept des Rasquachismo, einer Tendenz, die Kreativität aus den Beschränkungen zieht, auf die Architektur zu übertragen sucht, argumentiert Hoành Trần für den Erhalt des akkumulativen Charakters der vietnamesischen Kultur, die das Spezifische und Lokale mit fremden Einfüssen hybridisiert.

VERLASSENE GÖTTER

In nahezu allen Geschäftsräumen und Haushalten in Vietnam gibt es einen Altar mit Göttern, denen regelmäßig Opfergaben wie Speisen, Getränke und Zigaretten dargebracht werden. Oberflächlich betrachtet mag dies als Zeichen einer zutiefst spirituellen Gesellschaft erscheinen, doch wie von jedem anderen Akteur innerhalb des traditionellen gesellschaftlichen Gefüges wird auch von den Göttern erwartet, dass sie ihren Beitrag leisten. Sie müssen, wenn schon keine Reichtümer, dann doch zumindest ein akzeptables Maß an Schicksalsgunst und Schutz vor Unglück bieten – andernfalls droht selbst den Göttern, in Missgunst zu fallen und ausgewechselt zu werden.

Oft lösen Wechselfälle des Lebens einen solchen Götterwechsel aus. Auch wenn sie ausgedient haben, wagt man es jedoch nicht, einen Götzen in den Müll zu werfen. Und so finden sich auf Straßenaltären oder an Tempeleingängen häufig zurückgelassene Götterfiguren – gebrochene, unglückliche oder einfach nur ihrer Behausung beraubte Götzen. Nur wenige wagen es, sie zu adoptieren, denn wer weiß schon, welches Unheil sich unter ihren Augen ereignet hat? Möglicherweise gab es da ja einen Arbeitsplatzverlust, eine Geschäftsaufgabe, einen Brand oder Autounfall, vielleicht sogar den Tod eines Kindes. Den Willen des Himmels zu missachten, ist zu riskant – denn selbst Götter unterliegen einem unabänderlichen Schicksal.

Es gibt jedoch unter beruflich und finanziell erfolgreichen Vietnamesen zunehmend die Überzeugung, dass man sein Schicksal in die eigene Hand nehmen könne und die Götter wenig damit zu schaffen hätten. Damit verwerfen sie die traditionelle Anschauung, der zufolge das Leben darin besteht, nach Handlungsmöglichkeiten innerhalb einer im Wesentlichen vorherbestimmten Welt und eines festgelegten Schicksals zu suchen. Trotz dieses Umdenkens werden weiterhin Götterfiguren in den Schreinen und Tempeln der Stadt ausgesetzt. Und auch jene, die tatsächlich im Müll landen, sind nicht unwiederbringlich verloren: Sie werden in provisorischen öffentlichen Schreinen wiederverwendet, die sich häufig unter Bäumen befinden – als Verweis auf die Erleuchtung Buddhas unter dem Bodhi-Baum – oder am Straßenrand, um sich dort der Seelen der Verkehrstoten anzunehmen. Selbst Vietnams Gottheiten, so scheint es, können sich gelegentlich glücklich schätzen, recycelt zu werden und ein neues Leben zu erhalten.

DAS FLUGZEUGCAFÉ

In den letzten Tagen des Vietnamkriegs setzte sich die Besatzung eines Verkehrsflugzeugs von Saigon nach Hongkong ab und ließ die Maschine dort zurück. Nach Kriegsende geriet das Flugzeug fast in Vergessenheit. Erst Monate später fand sich jemand, der die Boeing 707 nach Vietnam zurückfliegen konnte. Vietnam Airlines setzte sie für eine Weile im Linienflug ein, doch bald konnte sich die staatliche Fluglinie die Betriebskosten für das Aushängeschild ihrer Flotte nicht mehr leisten.

Daraufhin wurde es auf unbestimmte Zeit in Sichtweite des Hauptsitzes der Fluggesellschaft abgestellt, doch damit war sein Einsatz keineswegs beendet. In den mageren Zeiten, die nun folgten, fungierte das Flugzeug als gigantische Kulisse für Touristenfotos. Frischvermählte und Besucher aus ländlichen Regionen bezahlten ein paar Đồng, um sich vor einem echten amerikanischen Düsenjet fotografieren zu lassen.

Die große bauchige Boeing bot gleichermaßen Schutz vor Sonne wie Monsunregen, so dass sich mit den Jahren darunter fast zwangsläufig ein Straßencafé einnistete. Die Mitarbeiter der Airline nahmen dort gern den Morgenkaffee ein; nachmittags genoss man im Schatten der breiten Tragflächen einen Cà phê sữa đá, den erfrischenden vietnamesischen Eiskaffee. Irgendwann mussten die Triebwerke abmontiert, dann die maroden Flügel abgestützt werden. Schließlich wurde der Rumpf noch von allerlei fliegenden Bauten umstellt. Dieses elegante Stück Technik, das einst hoch über den Wolken seinen Zweck erfüllt hatte, blieb jahrzehntelang weiter im Dienst und verwandelte sich mit jedem Tag immer mehr von einem Geschöpf der Lüfte in ein erdgebundenes Element.

DIE TREPPE

In Saigon gab es in einem alten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ein Café. Man betrat es über eine eigenwillige Treppe, die sich halb im Altbau und halb in einer Erweiterung aus den 1930er-Jahren befand. Man hatte die Originaltreppe mit einer neueren verbunden, was man an den Stufen erkennen konnte, deren Trittflächen zur Hälfte gefliest waren und zur Hälfte aus nacktem Estrich bestanden. Ging man hinauf, gelangte man aus dem 21. in das frühe 20. Jahrhundert, passierte einen Absatz, einen Treppenlauf, setzte kurz im 19. Jahrhundert auf, nur um gleich darauf, hatte man das oberste Ende der Treppe erreicht, in die 1930erJahre einzutauchen. Dann rechts, einen langen Korridor entlang, und man gelangte in einen großen Raum, vermutlich aus dem späten 19. Jahrhundert, der durch riesige Bogenfenster belichtet wurde.

Während des 40-sekündigen Aufstiegs zum Café schufen die vielen zeitlichen und räumlichen Entrückungen jedes Mal eine gedankliche Distanz zwischen dem lärmerfüllten Gehweg und der stillen Zeitlosigkeit des sonnigen Saals oben. Die abgetretenen Läufe umschrieben ein schiefwinkliges Treppenauge. Dieser Luftraum wurde irgendwann durch Wände abgetrennt; darin lebte ein Paar, wie in einem Kokon, außerhalb jeder Normalität von Zeit und Raum, weder im Erdgeschoss noch darüber, weder ganz in der Epoche des französischen, des amerikanischen noch des vietnamesischen Saigon. Direkt von den Trittstufen führte eine Tür in ein winziges Zimmer mit zwei Fenstern, von denen sich das eine in der Außenwand und das andere in der Wand zum Treppenhaus befand. Von der Treppe aus konnte man ohne weiteres erkennen, dass jemand darin wohnte, doch das Gemach schien wie quer durch einen anderen Raum hineingebaut, und man hatte beim Eintreten das Gefühl, eine Schwelle zu einer anderen Dimension zu überschreiten – mitsamt der Gefahr, nie mehr in die Welt der normalen Physik zurückzufinden.

2010 wurden die Gebäude abgerissen, die seltsame Treppe und das Café für ein bis heute nicht realisiertes Spekulationsobjekt zerstört. Doch wer kann schon mit Bestimmtheit sagen, ob die winzige Wohnung nicht überlebt hat, unversehrt in ihrer eigenen Dimension, unsichtbar für die Welt und den unersättlichen Hunger, der sie antreibt?

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