ARCH+ 227

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Erschienen in ARCH+ 227,
Seite(n) 106-107

ARCH+ 227

Architektur als natürlicher Prozess

Von a21studĩo /  Nghiêm, Đình Toàn

Um die Jahrtausendwende begannen sich die Rahmenbedingungen für die Architektur in Vietnam grundlegend zu ändern. Durch die Verbreitung des Internet erhielten die Menschen Zugang zu vielen verschiedenen Informations- und Wissensquellen, die Gesellschaft wurde offen für Neuerungen. 2006 erregte Võ Trọng Nghĩa als erster vietnamesischer Architekt weltweit Aufsehen durch seine experimentellen Bambusbauten. Er trug wesentlich zur konzeptuellen Entwicklung der Architektur und zur Stärkung der Rolle des Architekten in Vietnam bei.

2009 gründeten wir das Büro a21studĩo mit fünf Mitgliedern. In unserer Arbeit fließen sowohl Einflüsse der traditionellen vietnamesischen Baukunst als auch der sogenannten tropischen Architektur wie jene von Luis Barragán oder Geoffrey Bawa ein. Bereits bei unseren ersten Projekten verfolgten wir einen nachhaltigen Umgang mit Raum und Material: Wir investierten viel Zeit in die Recherche nach architektonischen Lösungen, machten typologische Studien zu Hofhäusern und untersuchten unterschiedliche Bauweisen.

Nach den frühen Bauten wie dem a21 House sowie zahllosen unvollendeten Projekten folgte ab 2012 die Suche nach einer neuen, freieren Ausdrucksweise. The Nest war das erste Bauwerk dieser Phase. Wir ließen uns bei dem Projekt von Vögeln inspirieren, die ihr Nest einfach aus dem bauen, was sie um sich herum vorfinden. Entsprechend besteht das Bauwerk aus gebrauchten Materialien und aussortierten Resten unserer ausufernden Konsumwelt. Das Haus besitzt dadurch ad hoc eine Geschichte, die sich aus den Geschichten seiner einzelnen Komponenten zusammensetzt. Das Recycling ermöglicht nicht nur eine gleichermaßen umweltverträgliche wie nutzerfreundliche Umgebung, sondern hat auch die Baukosten im Vergleich zu Projekten in konventioneller Bauweise reduziert. Die Bedeutung dieser Projekte liegt nicht nur in der Nutzung gebrauchter Materialien oder der Kostenersparnis für die Auftraggeber, sondern gerade auch darin, Schönheit im Alltäglichen zu finden – und so die Fesseln der Sehgewohnheiten und die Doktrin der konventionellen Ästhetik abzustreifen, die sonst in Bauwesen und Design vorherrschen.

Das Jahr 2014 wurde zu einem Meilenstein für uns, als das Projekt The Chapel mit dem Preis World Building of the Year des World Architecture Festival ausgezeichnet wurde. Der Entwurf orientiert sich am Typus des Đình, eines öffentlichen Gebäudes, in dem sich die Dorfgemeinschaft trifft und an kommunalen Aktivitäten teilnimmt. Der Bau beschreitet einen neuen Weg im Umgang mit traditionellen Formen der Architektur: Er bedient sich tradierter Werte und Formen, um den gegenwärtigen Gesellschaftsentwurf und die damit verbundenen Probleme zu reflektieren. Bei diesem Gebäude geht es grundlegend um das schwierige Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft in einer modernen Gesellschaft. Die Auszeichnung ermutigte uns, die Suche nach neuen architektonischen Ansätzen für die Gemeinschaft fortzusetzen.

Nach The Chapel haben wir im Jahr 2014 anhand einer Reihe von Projekten unsere Haltung weiter geschärft. Wir haben unsere Entwurfs- und Arbeitsmethoden optimiert, das Re- und Upcycling sowie Bearbeitungsprozesse vereinfacht. Bauzeit sowie Auswirkungen auf die Umwelt wurden dabei verringert. Sämtliche Komponenten lassen sich zudem ohne großen Ressourcenverbrauch wieder zurückbauen und wiederverwenden. Heute sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir die Architektur nicht nur als Bauen begreifen, sondern als Mittel der Reflexion über unsere Gesellschaft – einer materialistischen Gesellschaft, die die Spiritualität einerseits unterdrückt und andererseits für allerlei Heilsversprechen empfänglich ist. Das Projekt Pagoda spiegelt diese Überlegungen wider, es ist ein fast immaterielles Gebäude, eine Pagode in ihrem ursprünglichen Sinn: ein Schattenspender für die Meditation. Mit dieser Radikalität haben wir eine neue Freiheit für unser architektonisches Denken entdeckt.

Im Gegensatz dazu bringt das Saigon House aus dem Jahr 2015 unsere Gefühle gegenüber unserer Heimatstadt sehr konkret zum Ausdruck. Wir haben Materialien, Farben sowie die Anordnung einzelner Volumina unter einem Dach und auf einer Parzelle bewusst eingesetzt, um vertraute Bilder von Saigon zu evozieren, die von der Vielfalt der Dachlandschaft und Gassen geprägt sind. Unser Ziel ist es, dass die Menschen, die unsere Architektur benutzen, diese bewusst erleben und als anregend empfinden, anders als es bei der Mehrzahl charakterloser Gebäude der Fall ist, die im ganzen Land entsteht.

Nach über fünf Jahren des Experimentierens und der Suche im Bereich Entwurf und Konstruktion wenden wir uns mit mehr Erfahrung wieder traditionellen Aspekten der Architektur zu, ohne von rein formalen Faktoren geleitet zu werden. Für uns gibt es im Entwurfsprozess keine Einschränkungen hinsichtlich Form, Konstruktion oder Konzept. Stattdessen betonen wir die kulturelle Offenheit und die Freiheit im Ausdruck, damit das tradierte Wissen um typologische Vielfalt und klimaangepasstes Bauen nicht verlorengeht, sondern in eine andere Form von Schönheit überführt wird – eine, die dem gesellschaftlichen Wandel angemessen ist. Darin gründet auch unsere Überzeugung, dass wir mehr Verantwortung für den Schutz unserer Lebensräume tragen müssen.

Wir müssen die Auswirkungen der Architektur auf die Umwelt minimieren. Dafür muss ein Gebäude von jedem erbaut werden können, von Handwerkern, Nutzern oder Architekten. Es sollte leicht zu errichten und auch leicht wieder abzubauen sein, damit Architektur zu einem wahrhaft natürlichen Prozess werden kann: Sie wird geboren und vergeht, frei von der Gier nach Permanenz.

 

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