ARCH+ 228

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Erschienen in ARCH+ 228,
Seite(n) 1-2

ARCH+ 228

Editorial

Von Ngo, Anh-Linh

„Das Land belagert die Stadt.“ Diese rätselhafte Parole von Mao Zedong hat sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt, als ich vor über 13 Jahren als frisch bestallter Redakteur meine erste Ausgabe von ARCH+ betreute. Mitten in der damaligen China-Euphorie zog das Heft eine erste kritische Bilanz des „chinesischen Hochgeschwindigkeitsurbanismus“ und ging dabei auch auf das prekäre Stadt-Land-Verhältnis ein.1 Doch was der Satz uns heute zu sagen hat, war mir damals noch nicht ganz klar. 13 Jahre später hat sich der Stadtdiskurs weiterentwickelt und – nicht erst seit Rem Koolhaas’ Countryside-Projekt – den ländlichen Raum verstärkt in den Fokus genommen. Die dialektische Beziehung zwischen Stadt und Land erweist sich erneut als ideologisch umkämpftes Feld; die Positionierung in diesem antagonistischen Kampf war schließlich schon immer Ausdruck bestimmter Gesellschaftsvorstellungen. Neu ist allerdings, dass die Gegensätze von Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, Kultur und Natur zunehmend aufgelöst werden. In diesem Kontext erscheint das Mao-Zitat irritierend aktuell, da es präzise die Konfliktfelder der Zukunft beschreibt: „Das Land belagert die Stadt“ – die ursprünglich machtpolitisch gemeinte Parole hat ihre raumstrategische Bedeutung nicht verloren. Nur sind es heute nicht mehr bäuerliche Revolutionäre, sondern die globalen technischen Infrastrukturen, die das Hinterland benutzen, um die Städte zu umzingeln und einzunehmen.2 Die Umkehrung der Perspektive stellt das bisherige Machtgefüge auf den Kopf.

Wir erleben eine Verlagerung des Konflikts, bei der der hierarchische Blick von der Stadt auf das Land umgekehrt wird. Zugleich wird die romantische Verklärung des ländlichen Raumes als Ort der Natürlichkeit und Ursprünglichkeit, als Opfer der Industrialisierung und Verstädterung in Frage gestellt. Das Land wird zu einem ambivalenten Akteur, in mancherlei Hinsicht zum Täter und Vorreiter. Es ist diese Verschiebung des Blickwinkels, die uns an der Thematik der IBA Thüringen interessiert und zu dieser gemeinsamen Ausgabe geführt hat: Stadtland.

Interessanterweise hat Martin Wagner den Begriff bereits 1932 in seiner Studie das Neue Berlin II formuliert, mit dem er „ein grossangelegtes Versöhnungswerk zwischen Stadt und Land“ einleiten und ein „Stadt-Land“ entstehen lassen wollte (Trezib, S. 82–89). Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin der IBA Thüringen, formuliert das Ziel des neuen, systemischen Stadtkonzepts heute etwas nüchterner: „Stadtland vollzieht eine Einbettung in natürliche Zusammenhänge, wo einige Jahrhunderte lang Abkopplung die Maxime war.“ (S. 12–19)

Den theoretischen Hintergrund des Heftes bildet die Publikation La révolution urbaine des französischen Soziologen Henri Lefebvre von 1970. Lefebvre beschrieb darin die Urbanisierung als ein „totales“ Phänomen, das den Stadt-Land-Gegensatz und damit die historischen Kategorien von Stadt und Land obsolet mache (Schmid, S. 22–27). Stattdessen spricht er von drei raum-zeitlichen Feldern, distinkten sozialen Formationen, die Denk-, Handlungs- und Lebensweisen umfassen: das Rurale, das Industrielle und das Urbane. Trotz der fortschreitenden Urbanisierung bestehen diese Felder nebeneinander fort, koexistieren und überlappen sich. Dieses Wirrwarr sich überlagernder gesellschaftlicher Auseinandersetzungen untersucht das vorliegende Heft am Beispiel der besonderen Siedlungsstruktur Thüringens. Dabei blicken wir auch über die zeitlichen und territorialen Grenzen des Bundeslandes hinaus, um die Entwicklung historisch und global einzuordnen.

So schaut das erste Kapitel „Stadtland Koexistenz“ nicht nur in die Uckermark (TKA, S. 28–55), sondern bis nach China (RUF, S. 68–77), um die Untersuchung in eine nationale wie internationale Perspektive zu rücken. Frank Dikötter erinnert daran, wie lange Umwälzungen im Stadt-Land-Gefüge nachwirken können (S. 64–67). So wurden in China Anfang der 1970er-Jahre ganze Abschlussjahrgänge städtischer Jugendlicher umgesiedelt, um das Gefälle zwischen Stadt und Land zu nivellieren. Ironischerweise „waren es diese jungen Städter, die dafür sorgten, dass städtische Gewohnheiten und Manieren, Bildung, Kultiviertheit, ja sogar städtische Schönheitsvorstellungen bis in die tiefste Provinz des gewaltigen Landes vordrangen“ 3. Die Urbanisierung des Habitus ging der eigentlichen Verstädterung voraus.

Heute übernimmt die digitale Vernetzung diesen Angleichungseffekt. Zudem erobert im Umland der Metropolen eine Vorhut von Entschleunigungsromantikern mit ihrem LOHAS-Habitus das Land. Während also die Städter, wie Philipp Oswalt im zweiten Kapitel „Stadtland Wirtschaft“ schreibt, eine Art „Reenactment und Simulation eines vermeintlich traditionellen Landlebens“ aufführen, mutieren die Landwirte immer mehr zu IT-Spezialisten angesichts der unaufhaltsamen Industrialisierung und Automatisierung der Landwirtschaft mittels Robotik, GPS-gesteuerter Maschinen, Drohnenüberwachung und automatischer Datenanalyse. Das Land erlebt eine technische Aufrüstung, angesichts derer alle Smart-City-Apologeten vor Neid erblassen müssten (S. 92–99).

Wie diese unterschiedlichen globalen (politischen), urbanen (gesellschaftlichen) und privaten (individuellen) Handlungsebenen ineinandergreifen und komplexe räumliche Regimes ausbilden (Petrin, S. 137–141), ist Gegenstand des dritten Kapitels „Stadtland Welt“. Auf globaler Ebene beschreibt Pierre Bélanger anhand des kanadischen Rohstoff-Imperiums die entgrenzten räumlichen Effekte der Globalisierung, die die Erde (und damit das Land) zum reinen Rohstofflieferanten reduziert (S. 132–136). 

Im Gegensatz dazu formulierte Bruno Taut vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges eine andere Form der Entgrenzung: die Auflösung von Städten und Staaten als ein Friedensprojekt (Speidel, S. 124–131). In Verbindung mit einer radikalen Subsidiarität könnten die historischen Regionen Europas, so die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot, in die Fußstapfen der Nationalstaaten treten, um die Idee einer Europäischen Republik zu verwirklichen. Doch diese regionale Verwurzelung kann nur gelingen, wenn die Bürger Europas den Begriff der Heimat nicht den extremen Rechten überlassen, die sich heute nicht von ungefähr Identitäre nennen (S. 148–151).

Genau hieran knüpft das vierte und letzte Kapitel an: „Stadtland Heimat“. Die Demografie der ländlichen Räume erfordert in der Tat eine neue Kultur der Daseinsvorsorge, die das Prinzip der Eigenverantwortung und Selbstermächtigung neu denkt (Faber, S. 176–181; Haimerl, S. 192–219). Ausgehend von einer Analyse der völkischen „Metapolitik“ neurechter Siedler auf dem Land (Trüby, S. 154–161) fragt der Abschnitt danach, wie im Zeitalter des Populismus eine progressive Vision des Selbsterhalts entwickelt werden kann (Anders, S. 174–175). Wie nah antikapitalistische Stadtkritik und regressive, anthropologisch begründete autarke Lebensweisen beieinanderliegen, zeigt der Architekturhistoriker Giorgio Ciucci am Beispiel von Frank Lloyd Wrights Broadacre City: „Was Wright anstrebte, war die Verwandlung der Mittelschicht – ‚das wahre Subjekt seiner Angst‘ – in konservative Farmer, mit dem Ziel einer Wiedergewinnung ihrer ‚menschlichen Integrität‘“ (S. 166–173). Der Traum vom ganzheitlichen Leben erweist sich immer wieder als reaktionäres Rückzugsgefecht vor den Zumutungen der Moderne. Diesem Traum sind nicht nur neurechte Siedler erlegen, die von völkischen Rückzugsräumen im ländlichen Raum fantasieren, sondern auch Generationen von Architekten und Planern.

Auch wenn Grund zur Sorge besteht, ist eine regressive Rückeroberung des Landes eher unwahrscheinlich. Zu sehr haben die neuen industriellen Produktionsweisen eine zunehmende Verschmelzung von Stadt und Land bewirkt. Diese Verschmelzung ist das Ergebnis der territorialen Durchdringung des Kapitals, die den Raum einer gleichmäßigen Logik unterwirft.

Das Land ist durchtechnisiert und global, oder, um es mit dem Philosophen Armen Avanessian zu sagen, dem wir das Feature in dieser Ausgabe gewidmet haben: „Stadt und Land(schaft) sind heute notwendig technologisch und als computational zu denken.“ Ihm zufolge sind Städte heute nur mehr vom Land aus zu betrachten, und dieses Land sei genauso wenig „natürlich“ wie der Rest der Natur.

Unter dem räumlichen Regime von Stadtland gibt es kein „Zurück-aufs-Land“, und erst recht kein „Zurück-zur-Natur“. Statt vor einer regressiven politischen Wende müssten wir uns viel mehr vor der technischen Revolution fürchten, die sich vom Land aus ankündet. „Das Land belagert die Stadt“ liest sich heute als eine Drohung der anstehenden technischen Umwälzungen, die unsere Lebensweise und letztlich unser Menschsein in einer Weise in Frage stellen, die, wie Avanessian anmerkt, eine grundsätzliche „Neuorientierung nicht nur von Architektur oder Architekturtheorie, sondern auch von Philosophie und politischer Theorie“ erforderlich macht.

Ich danke Marta Doehler-Behzadi, Kerstin Faber sowie Mirko Gatti und Max Kaldenhoff für die fruchtbare Zusammenarbeit an diesem Heft.

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1 Vgl. Ma Qingyun: „Chinesischer Urbanismus“, in: ARCH+ 168 Chinesischer Hochgeschwindigkeitsurbanismus, Februar 2004, S. 26–27

2 Vgl. Keller Easterling: Extrastatecraft – The Power of Infrastructure Space, London/New York 2014, S. 102: „From the company’s campus in Shenzhen, Huawei founder Ren Zhengfei speaks of using ‘the countryside to encircle and finally capture the cities,’ feeding its ‘wolf spirit’ with each new acquisition of territory.“

3 Ma Qingyun (wie Anm. 1), S. 27

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