ARCH+ 228

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Erschienen in ARCH+ 228,
Seite(n) 76-77

ARCH+ 228

Rural Urban Framework: A House For All Seasons in Shijia

Von Rural Urban Framework (RUF) /  Bengert, Florian

Die Urbanisierung Chinas hat in kürzester Zeit den Lebensstil der Landbevölkerung drastisch verändert. Dies macht sich besonders in den Baumethoden und Materialien des modernen ländlichen Hauses bemerkbar. Die Abhängigkeit von externen Auftragnehmern hat den traditionellen kollektiven Selbstbau abgelöst. Hausbau als ursprünglicher Akt der Gemeinschaft, der die Dorfbewohner zusammenbringt, weicht dem Ausdruck von Reichtum und Individualität.

Um dem Verlust lokalspezifischer Baukultur entgegenzuwirken und sich die über Hunderte von Jahren gewonnenen baulichen Anpassungen an Klima und Region wieder zunutze zu machen, untersucht der Entwurf A House for All Seasons modellhaft das chinesische Hofhaus.Das Architekturkollektiv Rural Urban Framework (RUF) erarbeitete in Kooperation mit der Universität Hongkong einen alternativen zeitgenössischen Prototypen, der Raum für das Handwerkszentrum der ortsansässigen Frauen bietet. Der Entwurf soll die Vielfalt der vor Ort vorhandenen individuellen Lösungen bewahren und darüber informieren, welche Möglichkeiten die Kombination von traditionellem Wissen und zeitgenössischen Ideen bietet.

Ein erster Kontakt zwischen den Bewohnern Shijias, eines Dorfes in der Provinz Shaanxi im Nordwesten Chinas, und dem Team von RUF wurde im Herbst 2006 durch die Shaanxi Women’s Federation und den Luke Him Sau Charitable Trust hergestellt. Das ursprüngliche Anliegen – die Entwicklung eines teuren Infrastrukturprojekts, das Wasser von den umliegenden Bergen in das dicht besiedelte Tal des Wei-Flusses befördern sollte – wurde allerdings seitens der Architekten schnell verworfen. Auf der Suche nach einer Bottom-up-Lösung, die sowohl dem Wassermangel als auch den strengen Wintern gerecht wird, fand daher zunächst im Rahmen eines Workshops mit Studenten der Universität Hongkong eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Hofhaustypologie statt.

Alle Häuser in Shijia und in der umliegenden Region sind in traditioneller Lehmziegel-Bauweise gefertigt und folgen einer einheitlichen Parzellierung von 30 mal 10 Metern. Trotz des rigiden Rasters entstehen sehr unterschiedliche Lösungen, weil die Dorfbewohner individuell mit ihrer jeweiligen Parzelle umgehen. Oft wird die eingeschossige Bausubstanz bis zu drei Etagen aufgestockt, der Hof verbaut oder jahrhundertealte Gebäude in Stallund Lagerhütten umgewandelt. Der Hof ist häufig nur noch eine Restfläche zwischen alten und neuen Strukturen innerhalb eines Grundstücks. Seine traditionelle Funktion der visuellen und funktionalen Verbindungen, der intimen Beziehung zwischen Außenbereich und innenliegenden Räumen, geht dabei verloren.

Diese besondere Funktion des Hofes wird im House for All Seasons wieder herausgearbeitet. Als zentrales morphologisches Element nehmen vier Höfe fast die Hälfte der Grundrissfläche ein. Die Symbiose von innen und außen ist programmatisch verankert, denn Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer funktionieren erst durch die angrenzenden Außenräume: Das südliche Fünftel des eingeschossigen Hauses wird durch den Vorhof gebildet; er erstreckt sich über die gesamte Gebäudebreite und fungiert als Eingangsbereich. Von hier aus staffeln sich die Räume vom kalten Außenraum zu zwei warmen Schlafbereichen. Der Bereich dazwischen funktioniert als Gewächshaus. Solare Wärmegewinne werden zudem mit Hilfe einer Speicherwand aus Stampflehm an den innenliegenden Schlafraum abgegeben. Dort wird ein weiteres traditionelles Element, der kang, aufgegriffen: Das gemauerten Ofenbett für mehrere Personen dient tagsüber auch als Trockenfläche für Wäsche und Feldfrüchte oder als Aufenthaltsbereich. Diese Bauweise nutzt die warme Abluft der angrenzenden Küche und leitet sie anschließend durch den Kamin nach draußen.

Auch im zentralen Drittel des Hauses setzt sich das Beziehungsgeflecht der Höfe fort. Der kleinste Hof liegt zwischen Schlaf- und Wohnbereich und dient zugleich als Waschraum und als Wasserspeicher für Regen, der vom Dach abgeleitet wird. Nach der Filtration durch ein Schilfbeet wird das Grauwasser zur Bewässerung von Pflanzen verwendet, die nördlich des Wohnbereichs in terrassierten Beeten angebaut werden. Über die Stufen dieser Pflanzterrassen gelangt man aus dem begrüntem Hof auf das multifunktionale Dach, ein weiteres Kernelement des introvertierten Baukörpers. Die betonierte Decke treppt sich zu den innenliegenden Höfen ab und schafft so eine zusätzliche Aufenthaltsfläche zum Sitzen oder zum Wäschetrocknen. Außerdem dient es besonders in der Regenzeit zum Ableiten des Niederschlags in das Sammelbecken.

Im nördlichen Viertel ist der Hinterhof das maßgebliche Element. Er beherbergt einen weiteren essentiellen Teil des Mikroökosystems: Dort werden Hausschweine gehalten sowie eine Biogasanlage betrieben, die der Energiegewinnung dient, um beispielsweise den Ofen in der Küche zu betreiben.

Besonders im Schnitt wird die räumliche Gliederung samt ihren funktionalen Verknüpfungen deutlich, die zu einem hohen Grad an Selbstversorgung führt. Auch die Materialität reiht sich in das nachhaltige Konzept ein, denn die zeitgenössische Betonskelettstruktur ist mit traditionellen Lehmziegeln ausgefacht. Das Haus ist von einer ornamental durchbrochenen Backsteinwand umhüllt. Diese Hülle dient nicht nur dem Schutz der Lehmwände, sondern gewährleistet auch die natürliche Belüftung der Höfe. Der so entstehende Hybrid wird aber nicht nur Aspekten der klimatischen Anpassung gerecht, sondern ist zugleich Garant für Erdbebensicherheit. Von außen homogen und ruhig wirkend, offenbart der Riegel erst von innen seine differenzierten Höhenverläufe und Raumabfolgen. Durch ihre präzise Analyse des Kontextes gelingt es RUF mit dem House for All Seasons fast spielerisch, die Brücke zwischen traditionellen Techniken und neuem Wissen zu schlagen. Es entsteht ein Gebäude, das weitaus mehr ist als ein Prototyp für ländliches Bauen in China, nämlich ein modellhafter Gegenpol zu einer globalisierten ortslosen Allerweltsarchitektur.

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Projekt: Wohn- und Gemeinschaftshaus

Architektur: John Lin, Rural Urban Framework (RUF); Rural Urban Framework ist eine Non-Profit-Entwurfsbüro an der Architekturfakultät der Universität Hongkong

Projektleiter: Kwan Kwok Ying Team: Huang Zhiyun, Maggie K Y Ma, Jane Zhang, Qian Kun, Katja Lam, Li Bin

Auftraggeber: Luke Him Sau Charitable Trust

Kooperationspartner: Shaanxi Province Women’s Federation; Shaanxi Volunteers Association of Red Phoenix Project; Linwei District Women’s Federation; Qiaonan Town Government; Shijia Village Committee; Universität Hongkong

Kosten: 53.400 US-Dollar

Fläche: 380 m2

Ort: Shijia, Shaanxi Provinz, China

Fertigstellung: 2012

Alle Abbildungen: © Rural Urbwan Framework (RUF)

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