ARCH+ 228


Erschienen in ARCH+ 228,
Seite(n) 124-131

ARCH+ 228

Die Auflösung der Städte – Bruno Tauts radikale Vision einer Welt ohne Städte und Staaten

Von Speidel, Manfred

Im März 1930 beteiligte sich Bruno Taut an der Diskussion um die Form der sozialistischen Stadt, die zu jener Zeit in der Sowjetunion von Soziologen und Architekten mit Heftigkeit geführt wurde. Den „Urbanisten“ mit ihrem Wortführer Leonid Sabsowitsch standen die „Desurbanisten“ gegenüber, deren Theoretiker Michail Ochitowitsch (1896–1937) war, und dem sich moderne Architekten wie Moisei Ginsburg (1892–1946) anschlossen.

In einem Artikel der 1929 gegründeten Sowjet-Auslandszeitung Moskauer Rundschau, die in Deutschland mit einer wöchentlichen Ausgabe vertrieben wurde, stellte der Architekt Alexander Pasternak (1893–1982) in der Ausgabe vom 12. Januar 1930 beide Theorien einander gegenüber. „Das Problem der Zukunftsstadt“, wie er titelte, war angesichts der begonnenen Planungen von Großsiedlungen in Magnitogorsk und Stalingrad, den entstehenden Industriekombinaten und der industrialisierten Landwirtschaft, ein aktuelles Thema. War bis dahin lediglich an der Entwicklung eines neuen Wohntyps gearbeitet worden, den sogenannten „Kommunehäusern“, so „tobt jetzt der Kampf“ um die der sozialistischen Gesellschaftsvorstellung entsprechende Form der Städte.

Zwar wollten die „Urbanisten“ die Größe der neuen Städte auf 50.000 Einwohner beschränken, um noch ein gesundes Leben zu ermöglichen, doch sollten diese Städte nur aus großen Gebäudekomplexen bestehen, aus „Hauskommunen“, die Pasternak als Anhäufung von „Steinwürfeln“ bezeichnet, in denen Ernährung, Erholung, kulturelle Tätigkeiten und Sport in vergesellschaftlichten Formen stattfinden, während die Erziehung in spezialisierten Schulstädten erfolgen würde.

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