ARCH+ 228


Erschienen in ARCH+ 228,
Seite(n) 192-195

ARCH+ 228

Bloß keine Fakes!

Von Haimerl, Peter /  Ngo, Anh-Linh

ALN: Kennengelernt haben wir uns vor einiger Zeit durch Dein Forschungsprojekt zoomTown, das sich mit einer neuen Vorstellung von Stadt auseinandersetzt. In den letzten Jahren bist Du jedoch vor allem mit Deinen Projekten im ländlichen Bereich bekannt geworden. Haben diese scheinbar unterschiedlichen Ansätze eine Verbindung?

PH: Ich würde mich als richtigen Landmenschen bezeichnen. Das liegt an meiner Herkunft vom Dorf. Aber erst in der Auseinandersetzung mit der Stadt habe ich begriffen, welche Qualitäten es auf dem Land gibt. Meine Devise bei zoomTown war, die körperlichen Erfahrungen des Landlebens wachzurufen und einen städtebaulichen Prozess in Gang zu setzen, der der Selbstorganisation eines Urwalds oder Slums ähnelt. Gegenüber der gängigen Stadtplanung, die das Ideal vom ständigen ökonomischen Wachstum propagiert, gehen wir bei zoomTown nicht von einem anzustrebenden Optimum aus, sondern von sich überlagernden, vielschichtigen Prozessen. Alles baut auf einem „Nährboden“ auf, durch den die Bewohner ihre Souveränität über die Stadt zurückerlangen, da er alle Dinge bereitstellt, die sie direkt betreffen, also Gewerbe, Läden, öffentliche Bereiche oder Grünflächen. Dieses Reservoir versorgt die Stadt unabhängig von ihrer alten Struktur mit Energie, Wasser, Gütern und anderen Funktionen. Als autonomer Organismus durchzieht es die gesamte Stadt.

ALN: Deine Stadtkonzeption ist also von Deinen Erfahrungen auf dem Land geprägt. Was kann die Stadt vom Land lernen?

PH: Ich komme aus dem Bayerischen Wald. Dort funktioniert die Infrastruktur ganz anders als in der Stadt. Auf dem Land kann ich alles – Häuser und Wege – durchdringen, bin Teil von allem, und alles ist Teil von mir. In der Stadt sind die Bewegungsmuster andere, das Gleiche gilt für die gesamte räumliche Wahrnehmung. Als ich vom Dorf in die Großstadt gezogen bin, war ich gar nicht darauf vorbereitet, dass dort eine räumliche Durchdringung unmöglich ist; alles ist kanalisiert, und es ist schwierig, die vorgegebenen Wege zu verlassen. Du kannst nicht einfach wie auf dem Land die Abkürzung über die Wiese nehmen, die Dinge können nicht einfach Teil von Dir werden, wie etwa beim Pilzesammeln im Wald. Der Wald ist ohnehin eine wichtige Referenz für mich. Zum einen hat er zwar eine an die Stadt erinnernde Dichte, aber gleichzeitig eine viel subtilere Raumstruktur, die differenzierte Räume und Zwischenformen bildet. Zum anderen faszinieren mich die selbstorganisierenden Prozesse, die dem Wald zugrunde liegen. Seine Grundstruktur ist dermaßen stark, dass es keine Auswirkung hat, ob hie und da ein Baum gefällt wird oder nicht. Ähnliche Prozesse finden sich im urbanen Kontext etwa in Slums, auch sie beruhen grundsätzlich auf Selbstorganisation.

ALN: …

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!