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ARCH+ 229

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Erschienen in ARCH+ 229,
Seite(n) 170-171

ARCH+ 229

ARCHITEKTUR IST: GESCHICHTE

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Der Historismus ist zurück in der Architektur. Die Rekonstruktion ehemals stadtbildprägender Gebäude wird als Mittel eingesetzt, um geschichtliche Kontinuität zu behaupten; nach dem Berliner Stadtschloss sollen nun auch Repliken von Schinkels Bauakademie und der durch den ‚Tag von Potsdam‘ 1933 historisch schwer belasteten Garnisonkirche in Potsdam entstehen. Die Rekonstruktionsdebatte setzt die Strukturen der sogenannten Europäischen Stadt fast immer mit den großmaßstäblichen Planungen des Barock gleich: Straße und Platz, Haus und Block. Diese geschlossenen Bauformen sieht der Architekturhistoriker Julius Posener bereits durch die Emanzipation des Individuums in der bürgerlichen Gesellschaft infrage gestellt. Ihre Auflösung kulminiert für ihn im „Anti-Städtebau“ Friedrich Schinkels (ARCH+ 210, S. 124).

Diese Rückbesinnung auf die Geschichte ist nicht neu. Bereits in den 1960er-Jahren versuchten sich Architekt*innen mit einem historischen Rückgriff von der vorherrschenden funktionalistischen Nachkriegsmoderne abzusetzen. Grundlegend für diese Entwicklung wurden Robert Venturis Komplexität und Widerspruch in der Architektur und Aldo Rossis Die Architektur der Stadt, die beide 1966 erschienen. Während Rossi sich für die Architektur als eine eigenständige Disziplin stark machte, mündeten Venturis Ansätze schließlich in die sogenannte Postmoderne. Der bewusste und oft spielerische Umgang mit der Architekturgeschichte bestimmte den Diskurs vor allem in den 1980er-Jahren und bereitete die ikonische Markenarchitektur des Global Business der 1990er-Jahre vor – wenn auch mit anderem stilistischem Vorzeichen. Demgegenüber steht Poseners gesellschaftsanalytischer Blick für einen Umgang mit Architekturgeschichte, der nicht daran interessiert ist, eine bestimmte Theorie zu stützen. Schließlich sind Städte ebenso durch Brüche wie durch Kontinuitäten gekennzeichnet. Vor diesem Hintergrund lässt sich durch eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zusammenhängen und Entwicklungen die Geschichte für eine Architektur nutzbar machen, die an den drängenden Fragen der Gegenwart interessiert ist.

Ein solcher unideologischer und zugleich reflektierter Umgang mit der Baugeschichte kennzeichnet heute die Arbeit vieler jüngerer Architekt*innen. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Kontext und gezielte Bezüge zu historischen Vorbildern verhelfen ihren Entwürfen zu Vielschichtigkeit und Komplexität. Einer Globalisierung, die zunehmend außer Kontrolle zu geraten scheint, setzen sie ein Narrativ entgegen, das auf Ort und Geschichte verweist, ohne nostalgisch oder rückwärtsgewandt zu sein. Dennoch ist die Gefahr der Vereinnahmung durch eine identitär argumentierende Neue Rechte nicht zu unterschätzen.

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