ARCH+ 229

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Erschienen in ARCH+ 229,
Seite(n) 229-244

ARCH+ 229

Die Wiederherstellung des Faktischen im postfaktischen Zeitalter

Von Weizman, Eyal /  Forensic Architecture /  Ngo, Anh-Linh

Eyal Weizman im Gespräch mit Anh-Linh Ngo

Anh-Linh Ngo: Eyal, ARCH+ hat 2003 Deine Arbeit zum israelisch-palästinensischen Konflikt veröffentlicht (in ARCH+ 164/165 Das Arsenal der Architektur) und 2010 einen weiteren Beitrag zum selben Thema (in ARCH+ 200 Kritik). Wie hat sich Dein damaliger Ansatz, der auf Kartierungen und Menschenrechtsberichten beruhte, zu dem entwickelt, was Du heute als ‚forensische Architektur‘ bezeichnest? Welches allgemeine Konzept steht dahinter?

Eyal Weizman: Der Ansatz von Forensic Architecture hat seinen Ursprung tatsächlich in der Arbeit, die ich während der Ersten Intifada mit Menschenrechtsgruppen in der West Bank durchgeführt habe. Wir haben damals versucht, die Verwicklung von Architekten und Planern in Menschenrechtsverletzungen herauszuarbeiten, die am Reißbrett begangen wurden. Den Beweis für diese gewissermaßen ‚architektonischen Verbrechen‘ haben wir in Form von Architektur und Kartierungen erbracht. Sehr bald nach dem Kartierungsprojekt, das wir 2002 abgeschlossen haben, nahm im Jahr 2005 Google Earth den Betrieb auf, woraufhin sich Mapping als Strategie grundlegend wandelte, ja wandeln musste. Mapping wurde zu einer bildbasierten Praxis. Und als sich dann, ein paar Jahre später, die sozialen Medien verbreiteten, war dieser neue öffentliche Raum voll von Darstellungen von Konflikten. Seit 2000 spielt sich ein Großteil der Konflikte in städtischen Umgebungen ab. Dadurch war Architektur in Form von Siedlungen, Straßen und so weiter nicht mehr nur das Medium, das mittels architektonischer Linien auf dem Zeichenbrett ein Verbrechen begeht, vielmehr stellte Architektur nun auch eine neue Art von Beweisen dar, rekonstruktive Beweise für Ereignisse, die sich in großer Geschwindigkeit in städtischen Räumen vollziehen. Um das Jahr 2010 herum bewarb ich mich um EU-Fördermittel aus dem Topf des Europäischen Forschungsrats (ERC) und erhielt Geld für die Schaffung eines neuen Bereichs namens Forensic Architecture. Wir begannen schon bald damit, Menschenrechtsorganisationen, Staatsanwälte und verschiedene andere Gruppen weltweit bei der Beweisführung zu unterstützen.

ALN: War Forensic Architecture damals bereits Teil Deines Lehrprogramms am Goldsmiths College?

EW: Das Programm entstand aus einer Wissenschaftsförderung, aber dabei ging es anfangs nicht um Lehre. Wir erhielten Geld, um Forscher einzustellen. Oft wird angenommen, dass vorwiegend Studentinnen und Studenten für Forensic Architecture arbeiten, aber inzwischen haben wir 15 bis 20 fest angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf der ganzen Welt tätig sind.

ALN: Wie viele von ihnen stammen aus dem Bereich der Architektur, welche anderen Professionen beziehst Du ein?

EW: Etwas mehr als die Hälfte von uns sind Architektinnen und Architekten. Natürlich besitzt unsere Arbeit eine architektonische Dimension. Aber Architekten sind auch sehr vielseitig, lernen schnell und sind in der Lage, konzeptionell zu denken. Außerdem arbeiten wir mit Fotografinnen und Programmiererinnen. Wir haben zwei Filmemacher in Vollzeit angestellt, die Videos online recherchieren, analysieren und auch schneiden. Derzeit arbeiten wir mit drei investigativen Journalistinnen zusammen. Wir beschäftigen einen Menschenrechtsanwalt, und wir sind mit mehreren anderen Anwältinnen assoziiert. Weitere Expertise holen wir fallweise dazu, denn jedes Projekt erfordert andere Fachleute.

ALN: Wie wird das Projekt inzwischen finanziert? 

EW: Das Geld, das wir durch den ERC erhielten, dient der Förderung von Grundlagenforschung. Das ist unsere finanzielle Basis von derzeit rund 2 Millionen Euro. Durch den Zuschuss können wir neue Beweistechniken entwickeln. Die Gelder sind nicht für normale Tätigkeiten im Bereich der Menschenrechte vorgesehen. Es geht um Innovationen. Daher muss jedes unserer Projekte diese Dimension enthalten. Eine zweite Finanzierungsebene bilden Gelder, die wir von Menschenrechtsorganisationen erhalten. Sie ermöglichen es uns, effektiv in diesem Bereich zu arbeiten und beispielsweise bei Völkerrechtsprozessen der Anklage zur Seite zu stehen oder politische Organisationen zu unterstützen, die unter Zwang und Bedrohung stehen. Wir arbeiten auch im Auftrag der Vereinten Nationen, des Europäischen Zentrums für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR) in Deutschland, von Amnesty International, Human Rights Watch und Umweltorganisationen wie Greenpeace. Eine dritte Ebene der Finanzierung besteht darin, dass wir als Agentur unsere Arbeit auch in Rechnung stellen. Wir leisten jedoch eine Menge ehrenamtlicher Arbeit für Menschen und Gruppen, die nicht in der Lage sind, dafür zu zahlen.

ALN: Wie kommt Ihr an die Fälle?

EW: Wir werden beauftragt, wie eine Detektei. Jeder Auftrag wird von unserem Vorstand begutachtet, wir werfen einen genauen Blick auf die politischen und juristischen Implikationen. Und wägen sorgfältig ab, ob es sich um eine Sache handelt, die wir unterstützen möchten. Dann prüfen wir, ob der Fall Innovationspotential hat, das heißt ob mit unserer architektonischen Herangehensweise die Anklage einen anderen Zugang fände, ob unsere Techniken und Technologien Beweise liefern würden, die andere Ansätze nicht ergeben. Dann entscheiden wir, ob wir diesen Fall pro bono bearbeiten sollten oder als bezahlten Auftrag. Derzeit können wir nur einen von vier Aufträgen annehmen, die uns angetragen werden. Seit wir uns weltweit einen Ruf im Bereich der Menschenrechte erarbeitet haben, bekommen wir schlicht zu viele Anfragen.

ALN: Du hast auf die Bedeutung der sozialen Medien und von Google Earth für Deine Arbeit hingewiesen. Würdest Du sagen, dass die Ebene der Repräsentation die Grundlage für Deine Tätigkeit ist?

EW: Diese Ebene ist nur einer von mehreren wichtigen Aspekten. Während Forensik eine Methode zur Spurensicherung ist, mit der die Polizei im Namen des Staates gegen Personen ermittelt, ist der Ansatz im Bereich der Menschenrechte normalerweise die counter-forensics. Counter-Forensics ist die Umkehrung des forensischen Blicks, mit dem Bürger staatliche Verbrechen in den Fokus nehmen. Das bedeutet, dass unsere Rahmenbedingungen ganz andere sind, denn wir arbeiten selten mit den Gerichten zusammen. Oftmals müssen wir sogar prüfen, ob das Rechtssystem selbst nicht den Interessen der Menschen oder Gruppen entgegensteht, für die wir arbeiten. Bei unserer Arbeit in Israel/Palästina etwa haben wir beschlossen, die israelischen Militärgerichte gänzlich zu meiden, weil sie Teil des Problems sind. Dort wird das Recht wie eine Waffe gegen Menschen gerichtet und eingesetzt. Ein weiteres wichtiges Merkmal der Counter-Forensics besteht darin, dass das Ziel manchmal nicht darin liegt, ein Urteil herbeizuführen, sondern darin, Missstände zu problematisieren und eine unabhängige Untersuchung zu fordern – vor allem dann, wenn wir vor Gericht gehen. Wenn wir in Syrien arbeiten, im Irak, in Mexiko oder in Israel, sind wir oft gezwungen, Forderungen zu erheben, die stärker politischer Natur sind und für die wir statt eines Gerichts andere Foren finden müssen. Deshalb nennen wir unsere Arbeit lieber forensis als ‚Forensik‘. Forensis ist die lateinische Wurzel des Wortes Forensik, und es bedeutet soviel wie ‚zum Forum gehörig‘, im übertragenen Sinne also ‚Gegenstände, die die Öffentlichkeit betreffen‘. Unsere Foren unterscheiden sich von Fall zu Fall. Manchmal handelt es sich um Wahrheitskommissionen, manchmal sind es die Medien, es können Bürgertribunale sein, Menschenrechtsberichte oder politische Versammlungen.

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt der Counter-Forensics ist, dass Staaten, die Menschenrechte verletzen, dies zu verbergen suchen, indem sie den Zugang zu den Stätten der Rechtsverletzungen blockieren. Als wir den Gaza-Krieg untersuchten, durften wir nicht in den Gazastreifen. Als wir die Drohnenangriffe in Pakistan untersuchten, galt Belagerungszustand. Als wir zu den geheimen Foltergefängnissen in Syrien recherchierten, hatte natürlich keiner von uns Zugang. Wir müssen immer wieder neue Techniken entwickeln, mit denen wir die Strategien des Staates umgehen können, Informationen zu überwachen und zu verbergen. Entweder arbeiten wir mit Leaks oder mit Material, das von der Bevölkerung stammt. Und manchmal, wie etwa bei den Gefängnissen, hatten wir sogar überhaupt keine Bilder und mussten die Modelle allein aus der Erinnerung der Überlebenden erstellen. Wir arbeiten immer „unterhalb der Nachweisbarkeitsschwelle“, wie wir es nennen.

ALN: Die Tatsache, dass Ihr eigentlich gegen den Staat arbeiten müsst, um Beweise zu finden, und dass Ihr auf Leaks angewiesen seid, hat wiederum ganz eigene Implikationen und bringt Probleme mit sich. Bei Eurer Untersuchung der Morde des rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), über die wir jetzt sprechen wollen, hatte es zur Folge, dass Ihr die Untersuchungsergebnisse nicht vor Gericht vorbringen konntet. Aber darauf werden wir später noch eingehen. Wie kam es dazu, dass Ihr die Ermordung von Halit Yozgat untersucht habt, dem neunten Terroropfer des NSU?

EW: Die Untersuchung wurde vom Bürger-Tribunal NSU-Komplex auflösen im November 2016 in Auftrag gegeben. Als wir uns in Berlin und London trafen, legten sie uns das Problem in seiner ganzen Komplexität dar: zehn Morde, die der NSU zwischen 2000 und 2007 begangen hatte; fremdenfeindlich ermittelnde Polizeibehörden, die die Opferfamilien wie Täter behandelt hatten. Weiterhin das Problem, dass die Aussagen der Zeugen, selbst vor Gericht in München, nicht so erfolgen konnten, dass die Zeugen sich gehört fühlten; dann das Problem des Misstrauens der betroffenen gesellschaftlichen Gruppen, die Polizeigewalt erlitten haben; ungelöste Fragen bezüglich des Verfassungsschutzes, bezüglich des Rechtssystems; die Reaktion des politischen Systems und schließlich der Medien. Dieses Misstrauen veranlasste eine Gruppe von Aktivisten dazu, ihr eigenes Tribunal zu gründen, das Raum für eine alternative Präsentation von Aussagen und Tatsachen bieten sollte, und wo es möglich sein sollte, die Dinge in anderer Weise zu diskutieren, als dies in der sehr institutionellen Form des Strafprozesses geschieht, der lediglich die Schuldfrage von Beate Zschäpe klären soll.

Sowohl in Anbetracht der Ressourcen als auch aus taktischer Sicht entschieden wir uns für die Konzentration auf einen eng gefassten Aspekt der Kontroverse, auf einen einzigen Moment, die Analyse des Mordes an Halit Yozgat am 6. April 2006 im Internetcafé seines Vaters in Kassel. Denn in diesem speziellen Fall entfaltete sich die gesamte politische Kontroverse auf einer Fläche von 77 Quadratmetern und innerhalb einer Spanne von lediglich 9 Minuten und 26 Sekunden in der Interaktion von nur drei Beteiligten. Da ist ein Mitglied einer bedrohten gesellschaftlichen Gruppe, das ermordet wird; da sind der oder die Mörder vom NSU; und da ist ein Vertreter des Staates, Andreas Temme, damals Mitarbeiter des Landesamts für Verfassungsschutz des Landes Hessen, der zum Zeitpunkt des Mordes vor Ort war. Zwei der Beteiligten, Temme und der NSU-Mörder, könnten möglicherweise auch ein und dieselbe Person gewesen sein. Diese Akteure sind zudem architektonisch in Raum angeordnet.

Für uns ging es bei der architektonischen, raum-zeitlichen Anordnung des Geschehens nicht um die Frage, wer Halit Yozgat getötet hat – das ist eine Aufgabe für die polizeiliche Forensik. Die Counter-Forensics fragt: „Sagt der Staat die Wahrheit? Schützt der Staat Andreas Temme?“ Wenn seine Aussage, seine Behauptung, dass er nicht Zeuge des Mordes war, nicht der Wahrheit entspricht und er geschützt wird, dann stellen sich noch viel weitergehende Fragen. Dann ergeben sich Spuren, die weit über die 77 Quadratmeter des Internetcafés hinausrei- chen, Bruchlinien, die sich durch ganz Deutschland ziehen könnten. Man fokussiert auf einen bestimmten Moment, der dann immer größere Kreise zieht. Dann kann man sich fragen: Warum akzeptiert die Polizei diese Aussage? Warum nennt der Verfassungsschutz nicht die durch Temme geführten Informanten? Warum lässt der Richter Temmes unehrliche Aussagen gelten? Warum lassen die Medien das alles durchgehen? Warum protestiert die Politik nicht? Im Grunde führen wir eine Art Biopsie durch, deren Implikationen nicht technischer, sondern politischer Natur sind. Das ist die übliche Vorgehensweise der Counter-Forensics.

ALN: Du bezeichnest das an einer Stelle als „Untersuchung der Untersuchung“, die eher auf eine politische, das heißt systemische Ebene abzielt.

EW: Ja, es geht gewissermaßen darum, die Tatsachen, das Faktische im postfaktischen Zeitalter wiederherzustellen. Wir erleben eine neue Ära, in der es alles andere als unüblich ist, dass Beweisführungen vom Staat gestört und behindert werden. Wenn aber der Staat oder die Polizei bei der Beantwortung der drängenden gesellschaftlichen Fragen versagen, dann liegt es an uns, die Untersuchungen selbst durchzuführen, und zwar mit den uns zur Verfügung stehenden Werkzeugen, auch jenen, die uns die zeitgenössische Kultur an die Hand gibt.

ALN: Wie seid Ihr an den Fall herangegangen?

EW: Wir haben uns den gesamten Ablauf des Geschehens angesehen. Jene 9 Minuten und 26 Sekunden, in denen alle Zeugen im Raum versammelt waren, der Mord geschah und Andreas Temme den Laden verließ. Wir haben dann die jeweilige Dauer aller Einzelaktionen innerhalb dieser Spanne detailliert betrachtet, indem wir Polizeiakten und weitere Zeugenaussagen auswerteten.

ALN: Woher hattet Ihr diese Informationen? Wurden sie Euch vom Tribunal zugänglich gemacht?

EW: Überhaupt nicht. Wir führen Open-Source-Untersuchungen durch, unsere Untersuchungen basieren vollständig auf öffentlich zugänglichem Material. 2015 hatte eine Neonazi-Gruppe namens NSU Leak die Untersuchungsakten an die Öffentlichkeit gebracht; sie müssen Verbindungen in die hessische Polizei und vielleicht auch zu weiteren Stellen gehabt haben. Das Ziel der Rechten war natürlich die Unterstützung des NSU und anderer Neonazis mit dem Argument, dass der Staat für den Mord Verantwortung trug. Aber damit war plötzlich eine Vielzahl an Informationen verfügbar. Darunter sämtliche Vernehmungsprotokolle sowie die Login- und Logout-Daten aller Personen im Internetshop. Es gab Fotos und, vor allem, gab es ein Video von Andreas Temme bei einer polizeilichen Nachstellung der Tat. Da wir uns fragten, ob Temme die Wahrheit gesagt hatte, behandelten wir dieses Video wie die Aufzeichnung eines mutmaßlichen Verbrechens. Unser Umgang mit dem Video war prinzipiell kein anderer als bei der Aufzeichnung eines Bombenangriffs in Palästina oder Syrien. Das heißt, wir mussten die Nachstellung nachstellen. Wir setzten die gleichen Methoden ein wie bei Untersuchungen von Menschenrechtsverletzungen beispielsweise in Syrien, Mexiko oder Guatemala. Unsere mit dem Fall befassten Mitarbeiter hatten zuvor auch zu Kriegshandlungen im Nahen Osten gearbeitet, darunter ein syrischer und ein griechischer Architekt, ich selbst als britisch-israelischer Architekt sowie ein deutscher, ein kanadischer und ein syrischer Filmemacher. Wir haben es also mit einer weiteren Umkehrung des forensischen Blicks zu tun, und zwar in dem Sinne, dass Europa sonst immer sehr gerne Menschenrechtsverletzungen an anderen Orten anprangert. Nun kehrt dieses Team die Perspektive um und widmete sich einer mutmaßlichen Menschenrechtsverletzung in Europa. 

Dieser Fall barg allerdings einen ganz einzigartigen forensischen Sachverhalt: Dass der Mord in einem Internetshop geschah, bedeutete ja, dass jeder Zeuge mit einem Gerät verbunden war, das seine Aktionen zeitlich protokolliert. Einige Zeugen nutzten Computer, womit wir ihre präzisen Login- und Logout-Zeiten, den Sitzplatz und die Blickrichtung wissen. Dann gab es Leute, die telefonierten und von denen wir den genauen Beginn und das Ende der Telefongespräche kennen. Beide Zeugen, die sich an diesem Nachmittag in den Telefonzellen befanden, führten jeweils zwei Gespräche. Wir können damit also eine Art Raum-Zeit-Analyse durchführen. Ausgehend von Fotos und Grundrissen des Tatorts erstellten wir exakte digitale Modelle des Raums und bauten außerdem ein physisches Modell des gesamten Internetshops im Maßstab 1:1 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Zusammen mit den protokollierten Daten erhalten wir so einen unwiderlegbaren zeitlichen und räumlichen Rahmen. Alles, was die Zeugen ausgesagt haben, muss genau in dieses Raum-Zeit-Raster passen. So fanden wir einen Umgang mit dem größten Problem von Zeugenaussagen: Auch wenn diese immer zu den wichtigsten Beweisen gehören, ist es äußerst schwierig, die Aussagen zeitlich haarklein festzumachen. Zwar erinnern sich Zeugen meist sehr gut an die Abfolge der Ereignisse, aber weitaus weniger gut an deren Dauer – und dies gilt insbesondere für Gewaltsituationen, denn Angst und traumatische Erlebnisse beeinflussen unsere Wahrnehmung. Dank der Zeitprotokolle konnten wir die Erzählungen der Zeugen jedoch genau zuordnen.

ALN: Wie seid Ihr vorgegangen, nachdem Ihr das Setting gewissenhaft rekonstruiert hattet? Was habt Ihr herausgefunden?

EW: Wir stellten uns zunächst die Frage: Wo war Andreas Temme, als die Schüsse fielen? Der Internetshop ist in ein Vorder- und ein Hinterzimmer unterteilt, vorn gibt es Telefone, hinten die Computer. Halit Yozgat saß im vorderen Bereich am Tresen, als er durch zwei gezielte Kopfschüsse getötet wurde. Uns wurde klar, dass es drei Bereiche gibt, in denen sich Andreas Temme zum Zeitpunkt des Mordes aufgehalten haben könnte. Temme sagte aus, dass er hineinkam und zu einem Computer im Hinterzimmer ging, an dem er sich in eine Datingseite einloggte. Seiner Aussage nach blieb er eine Weile im hinteren Raum, wechselte dann in den vorderen Bereich, sah sich vergeblich nach Halit Yozgat um, legte eine Münze auf den Tresen, ging nach draußen, setzte sich in seinen Wagen und fuhr weg, ohne etwas von dem Mord bemerkt zu haben. Diesem Szenario zufolge befand er sich zum Zeitpunkt des Mordes im Hinterzimmer. Davon gehen auch die Polizei und das Münchener Gericht aus. Aber er könnte sich auch im vorderen Bereich aufgehalten haben, als Halit Yozgat erschossen wurde. Das würde ihn entweder zum direkten Zeugen oder sogar zum Mittäter oder Täter machen. Er hätte das Internetcafé aber auch schon vor dem Mord verlassen haben können. Wir haben alles mehrmals präzise nachgestellt, um die Praktikabilität jeder dieser drei möglichen Szenarien gemäß den zeitlichen Vorgaben der Logdateien zu überprüfen. Für jedes Szenario haben wir überprüft, ob alles, was geschah, innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens hätte geschehen können.

Wir überprüften zuerst jenes Szenario, das von einigen deutschen Medien und Politikern akzeptiert wurde, nämlich dass Andreas Temme völlig unschuldig ist, und dass er den Laden verlassen hatte, ehe der Mord stattfand. Es gab einen Zeugen, Faiz H. S., der in einer Telefonkabine vorn im Laden saß, und von dort die Schüsse hörte und für einen kurzen Moment den Mörder schemenhaft sah. Wir wissen, dass der Moment, in dem er seinen Anruf beendete und die Kabine verließ, definitiv das Ende des Ereignisses darstellt – der Mord kann nur zuvor geschehen sein. Der Nachstellung Andreas Temmes zufolge liegen 39 Sekunden zwischen dem Zeitpunkt, in dem er in sein Auto steigt und wegfährt und diesem definiten Endpunkt des Ereignisses. Voraussetzung für dieses Szenario ist, dass mehrere Dinge in diesen 39 Sekunden geschehen sein müssen: Temme hätte in seinen Wagen steigen und wegfahren und in dieser Zeit hätte Halit Yozgat sich außerhalb des Ladens aufgehalten haben müssen, denn Andreas Temme hatte ausgesagt, dass er ihn gesucht, aber nicht hätte finden können. Yozgat müsste dann wieder zurück in den Laden und hinter den Tresen gegangen sein und sich gesetzt haben, und in diesem Augenblick müsste der Mörder in den Laden gekommen sein, einmal, zweimal geschossen, über den Tresen geblickt haben – das wissen wir durch den Zeugen – und den Laden verlassen haben. Und dann müsste Faiz H. S. seinen Anruf beendet und den Raum wieder betreten haben. Wir haben mehrfach nachgemessen: Alle Einzelaktionen addieren sich auf eine Gesamtdauer von 35 Sekunden.

Damit die Zeugen sich jedoch auch verpasst haben können, wären zusätzliche zeitliche Spannen zwischen diesen Handlungen erforderlich. Unsere Messungen ergeben hierfür einen Zeitraum von insgesamt nur 4 Sekunden: Damit ist es äußerst unwahrscheinlich, dass dies in einer unkoordinierten Abfolge von Handlungen hätte erfolgen können. Unsere Arbeit beruht darauf, Möglichkeiten auszuschließen. Wir haben festgestellt, dass dieses Szenario höchst unwahrscheinlich ist. Nochmals unwahrscheinlicher wird es, da sich Yozgat zunächst außerhalb seines Ladens hätte aufhalten müssen, als Temme ging. Es gab jedoch keinen ersichtlichen Grund, warum er hätte draußen sein sollen, und er wurde auch von niemandem dort gesehen. Das verringert diese Möglichkeit noch weiter. Wenn zwei unwahrscheinliche Szenarien gleichzeitig zutreffen müssen, sinkt die Wahrscheinlichkeit exponentiell. Völlig unmöglich wird das Ganze aufgrund der Zeitprotokolle der Telefonate. Faiz H. S. hörte die Schüsse am Ende seines ersten Anrufs. Er sah den Mörder, als er seinen zweiten Anruf begann. Damit können wir den möglichen Zeitrahmen des Mordes weiter einschränken. Allerspätestens um 17:02:00 hätte der Mord geschehen können, da dann der zweite Anruf von Faiz H. S. ausweislich der Telefondaten begann. Andreas Temme wiederum hatte sich um 17:01:40 von seinem Computer ausgeloggt. Damit liegen gerade einmal 20 Sekunden zwischen seinem Logout und dem spätesten Zeitpunkt des Mordes. Wir halten es daher für unmöglich, dass er den Laden bereits verlassen hatte.

ALN: Wie sahen die anderen Szenarien aus?

EW: Unsere Erkenntnisse lassen einerseits die Möglichkeit offen, dass Temme sich während des Mordes im vorderen Teil des Ladens befand. Anhand der Logout-Daten ist nicht auszuschließen, dass sich Andreas Temme gleichzeitig mit dem oder den Mördern im vorderen Bereich aufhielt. Dieses Szenario würde nahelegen, dass er in die Tat verwickelt oder gar selbst der Mörder war. 

Allerdings ist es genauso plausibel, dass er zum Zeitpunkt des Mordes noch im Hinterzimmer war. Die Telefonprotokolle der beiden Zeugen besagen, dass der Mord zwischen 17:01:00 und 17:02:00 stattfand. Das belässt 40 Sekunden, in denen Temme möglichweise noch hinten war. Allerdings sagte er aus, weder die Schüsse gehört noch den sterbenden Yozgat gesehen zu haben. Er nahm auch keinen Schießpulvergeruch auf seinem Weg nach draußen wahr. Um die Plausibilität seiner Aussage zu überprüfen, sahen wir uns erneut das polizeiliche Video der Nachstellung an. Solch eine Nachstellung ist im Prinzip eine Zeugenaussage mittels des Körpers im Raum: Er zeigt, wie er sich angeblich bewegt hat, was er tat, wohin er blickte und was er an den einzelnen Orten sah. Auf dieser Grundlage erstellten wir eine Nachstellung der Nachstellung. Zum größten Teil ging es uns dabei um sensorische Tests, denn wir wollten feststellen, ob es möglich war, dass er die Schüsse nicht hörte, nichts davon roch und den im Sterben liegenden Halit Yozgat nicht sah. Einige Datenkomponenten stammten aus physischen Modellen, einige andere aus digitalen. Bei diesen Versuchen sind die physischen und die digitalen Experimente nicht voneinander zu trennen, vielmehr wirken sie zusammen: Sie unterstützen sich gegenseitig, jedes trägt bei, was es am besten kann. Wir benötigten aber auch einen physischen Nachbau des Raums, um zu dem zu gelangen, was in der Fachsprache als Ground Truth bezeichnet wird.

Ground Truth erzielt man, wenn sich die mathematischen oder digitalen Beweise anhand des realen Raums bestätigen lassen. Für die Schallversuche verwendeten wir den gleichen Waffentyp, eine Česká ČZ 83, und die gleiche Munition, die auch für den Mord benutzt wurden. Die Pistole wurde von einem Spezialisten für Waffenanalyse abgefeuert und ihre Lautstärke gemessen. Wir spielten die aufgenommenen Schüsse im physischen Modell wie auch in der digitalen Simulation ab. Indem wir die Dezibelstärke an Temmes möglichem Aufenthaltsort hinten im Laden maßen, konnten wir belegen, dass die Schüsse weit über der Wahrnehmungsschwelle laut und deutlich hörbar gewesen wären. Bei den olfaktorischen Simulationen arbeiteten wir mit einem Experten für Strömungsdynamik zusammen. Ein Schuss, vor allem wenn er in einem geschlossenen Raum abgefeuert wird, hinterlässt einen sehr starken Geruch. Wir schätzten die Menge an flüchtigen Geruchsstoffen in der Munition und simulierten deren Bewegung im Raum. So konnten wir zeigen, dass ihre Konzentration in der Luft hoch genug gewesen wäre, um in den ersten 20 Sekunden nach den Schüssen von jedem wahrgenommen zu werden, erst recht von jemandem wie Temme, der im Umgang mit Waffen erfahren ist und diesen Geruch kennt. Für die visuellen Versuche erstellten wir aus dem polizeilichen Nachstellungsvideo ein Bewegungstracking von Temme. Wir modellierten sein Sichtfeld einerseits digital am Computer und statteten anderseits zur Nachstellung im 1:1-Modell einen Darsteller mit einer Stirnkamera aus. Wir konnten belegen, dass Temme, wenn er sich wie in der Nachstellung vorgebeugt hätte, Yozgat hätte sehen müssen – und das in jeder möglichen Position, in die er zu Boden gefallen sein konnte. Der Sterbende auf dem Boden hinter dem Tresen wäre für Temme deutlich sichtbar gewesen, als er kurz stehenblieb, um dort eine Münze abzulegen.

ALN: Ihr habt die Plausibilität der jeweiligen Szenarien untersucht und mögliche Abläufe entweder ausgeschlossen oder eingegrenzt. Ist es auf Grundlage der Ergebnisse möglich, eine Aussage über den wahrscheinlichsten Fall zu treffen?

EW: Nein. In der Counter-Forensics geht es nicht darum zu sagen, was stattgefunden hat. Unser Auftrag war es – und genau dafür haben wir uns eingesetzt – zu prüfen, ob Andreas Temme die Wahrheit sagt. Wir haben festgestellt, dass er lügt. Die Beweise sagen uns, dass es zwei Möglichkeiten gibt: Der Mord könnte innerhalb der 40 Sekunden geschehen sein, in denen er noch am Computer war. Dann wäre er Zeuge und hätte es nicht gemeldet. Das ist ein sehr schweres Vergehen. Denn es würde bedeuten, dass er den Mörder schützt. Man kann sich dann fragen, warum jemand einen Mörder schützen wollte. Die zweite Möglichkeit wäre, dass er im vorderen Teil des Ladens war. Die Möglichkeit, dass er am Mord beteiligt war, ist nicht ausgeschlossen. Die uns zur Verfügung stehenden Beweise geben uns jedoch nicht genug Informationen, um zu bestimmen, welches der beiden Szenarien wahrscheinlicher ist. Was daraus folgt, sind sogenannte negative Tatsachen. Wir können das Szenario widerlegen, das vom Münchner Gericht akzeptiert wurde: Richter Manfred Götzl hat festgelegt, dass Andreas Temme sich im hinteren Teil des Ladens aufhielt, nichts sah, nichts hörte und nichts roch.

ALN: Du wurdest als Sachverständiger geladen. Aber am Ende fand die Aussage nicht statt. Was ist passiert?

EW: Wir haben nicht für das Gericht gearbeitet, wir handelten im Auftrag des Bürger-Tribunals. Als die Beweise an die Öffentlichkeit gelangten, erregten sie großes Interesse von verschiedenen Seiten. Die Anwälte der Familie Yozgat wollten sie dem Gericht vorlegen. Wir wollten dafür sorgen, dass das Gericht hört, wie laut die Schüsse an Temmes Sitzplatz waren. Hätten sie es gehört, hätten sie zugestimmt, dass er sie gehört haben musste. Es gab allerdings bereits ein juristisches Problem mit der Vorlage dieser Beweise, denn im deutschen Rechtssystem gibt es drei Parteien in einem Strafprozess: die Anklage, also der Staat, die Verteidigung und die Nebenklage, also die Anwälte der Geschädigten und deren Familien. Es war nicht klar, ob wir unsere Beweise auf Antrag der Opferfamilien vorbringen dürfen, da unsicher war, ob die Nebenklage das Recht haben würde, Sachverständige zu laden. Und natürlich es gab auch andere Gründe, unsere Beweise abzulehnen: Hätte man sie akzeptiert, hätte das durchaus unangenehme Folgen für das Rechtssystem haben können, denn man hätte darauf bestehen müssen, dass der Verfassungsschutz beziehungsweise der zuständige Minister vor Gericht aussagt, was die Untersuchung des Falls publik gemacht hätte. Dann passierte noch etwas: Wir bekamen Material zugeschickt, dass wir nach Ansicht einiger Verfahrensbeteiligter nicht hätten sehen dürfen. Wie gesagt, über die Regeln für die Zulässigkeit von Beweisen kann man streiten. Es handelte sich dabei nicht um Material, das wir selbst gesucht oder auf fragwürdige Weise erlangt hatten. Wir erhielten von einer Seite schlicht eine E-Mail mit Material, von dem die Anwälte der Familie Yozgat glaubten, dass wir es nicht hätten einsehen dürfen. Wir erhielten das Material ein oder zwei Wochen bevor wir aussagen sollten, als alle Experimente auf der Grundlage der Open-Source-Untersuchung abgeschlossen waren und wir bereits über die Ergebnisse verfügten. Wir haben es überhaupt nicht berücksichtigt. Manche meinen auch, dass es uns völlig rechtmäßig zugeschickt wurde. Mit verfahrenstechnischen Gründen hat man wohl dafür gesorgt, dass wir vor Gericht nicht zu Wort kamen.

ALN: Welche Auffassung vertrat dabei das Gericht?

EW: Seitens des Gerichts wurde keine Entscheidung getroffen, weder für noch gegen unsere Aussage.

ALN: Ist man nicht daran interessiert, was Ihr herausgefunden habt?

EW: Nein, ganz im Gegenteil. Das könnte für das Gericht zu einem enormen Problem werden, denn damit würde der Standpunkt des Gerichts, Temmes Aussage zu akzeptieren, in Frage gestellt. Das Gericht gräbt nicht tiefer oder nicht tief genug, was die Verbindungen des Verfassungsschutzes mit seinen Informanten betrifft. Wir haben lediglich bestätigt, worauf İsmail Yozgat, der Vater von Halit, schon die ganze Zeit beharrte. Er flehte das Gericht an, einen Ortstermin zu machen und sich den Laden selbst  anzusehen. Er sagte die ganze Zeit, dass Temme entweder ein Zeuge oder der Mörder war. Aber den Familien der Opfer wurde in dem ganzen Fall zu keinem Zeitpunkt Gehör geschenkt. Gerade deswegen sind Einrichtungen wie das Bürger- Tribunal so wichtig. Sie haben die Schüsse, die vor Gericht ungehört bleiben sollten, hörbar gemacht – und zwar laut und öffentlich.

ALN: Ihr habt die Ergebnisse beim Tribunal NSU-Komplex auflösen in Köln vorgestellt. Welche weiteren Schritte werdet Ihr unternehmen?

EW: Das Tribunal wird auch auf der Documenta in Kassel vertreten sein. Wir bereiten dafür einen neuen und sehr systematischen Videobericht als Teil der Ausstellung vor. Diesen Report stellen wir auch in dem Gemeindezentrum FC Bosforos in Kassel Nord-Holland vor, jenem Stadtteil, wo der Mord geschah. Counter-Forensics beschränkt sich nicht auf die technische Beweisführung vor Gericht. Denn die Ergebnisse sind politisch und gehören der Öffentlichkeit, daher brauchen sie andere Foren: die Medien, Ausstellungen, Tribunale. Es ist Aufgabe der deutschen, vielleicht auch der europäischen Öffentlichkeit, hinzusehen und zu entscheiden, wie wir hier zusammenleben wollen.

ALN: Werdet Ihr an dem Fall weiterarbeiten?

EW: Ja, aber mehr kann ich derzeit dazu nicht sagen.

 

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GLOSSAR

 

Counter-Forensics

1. Fachbegriff aus der Kriminologie, der präventive Praktiken der Behinderung oder Vereitelung forensisch-wissenschaftlicher Ermittlungen bezeichnet. Die oftmals hoch entwickelten Methoden sollen der Maxime ‚keine Spuren zu hinterlassen‘ gerecht werden und zielen auf die aktive Vermeidung, Entfernung oder Zerstörung von Spuren, ehe diese als Beweismittel gesammelt werden können.

2. Von dem Fotografen und Schriftsteller Allan Sekula geprägter Begriff. Sekula fasste unter Counter-Forensics aus polizeilichen Methoden abgeleitete forensische Techniken zusammen, die bei Ermittlungen in Menschenrechtsfragen unter anderem auch von forensischen Anthropologen, Fotografen und Psychotherapeuten eingesetzt werden und die sich gegen repressive Regimes und deren Wirken richten.

 

Forensis

Das lateinische Adjektiv forensis bedeutete ursprünglich ‚zum Forum, zum Markt gehörig‘. Neben seiner Funktion als belebter Markt diente das Forum im antiken Rom unter anderem auch als Gerichtsplatz. Der lateinische Begriff fand im 17. Jahrhundert in der Form forensic in die englische Sprache Eingang. Die ursprüngliche Bedeutung – zum Forum oder Gericht gehörig – erhielt sich dort bis ins frühe 19. Jahrhundert. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts, einer Zeit großen wissenschaftlichen Fortschritts, ist die Verwendung des Begriffs für kriminaltechnische Untersuchungen belegt. Erstmals taucht diese moderne Bedeutung bei H. J. Stephen in dessen New Commentaries on the Laws of England auf, die 1844 in vier Bänden veröffentlicht wurden.

 

Ground Truth

Unter Ground Truth versteht man in der Meteorologie, in der Fernerkundung sowie im Bereich der Luftbildkartografie den Abgleich von Analysedaten, die aus der Bildoberfläche gewonnen wurden, mit der tatsächlichen Oberfläche des Geländes. Ground Truth bei Luftaufnahmen erreicht man, indem man reale Oberflächenstrukturen messtechnisch erfasst und mit den Bildstrukturen vergleicht. Die Kite Aerial Photography, bei der ein Fesseldrachen genutzt wird, um aus bekannter Höhe ein Gelände aufzunehmen, lässt sich für die Ermittlung von Ground Truth einsetzen, da sich der Fotograf oder die Fotografin während der Luftaufnahmen in einem definierten Abstand befindet und somit der Maßstab bekannt ist.

 

Negative Tatsachen

Dieser Begriff bezeichnet die Abwesenheit von Beweismaterial und stellt einen Beweis in sich dar. Negative Tatsachen lassen sich potentiell verwenden, um komplexe Konstruktionen und Wissenszusammenhänge zu dekonstruieren.

 

Wahrscheinlichkeit

Der Grad der Möglichkeit, dass ein Ereignis eintreten wird oder eingetreten ist. Wahrscheinlichkeit lässt sich ebenso als das Vorhandensein von Zweifeln in Bezug auf Objekte verstehen. Dem Philosophen Ian Hacking zufolge umfasst Wahrscheinlichkeit sowohl subjektive wie auch objektive Bedeutungen. ‚Subjektive Wahrscheinlichkeit‘ bezieht sich auf die Bewertung der Glaubwürdigkeit von Zeugen, ‚objektive Wahrscheinlichkeit‘ dagegen auf die Eigenschaften des zu analysierenden Objekts oder Phänomens. Beides ist jedoch fortwährend miteinander verflochten. Für Wissenschaft und Recht ist Wahrheit nur eine Markierung auf einer variablen Wahrscheinlichkeitsskala. In der wissenschaftlichen Literatur werden der Grad der Unsicherheit und die Fehlerspanne lediglich vermerkt; die Rechtsprechung dagegen muss ebenso wie die Politik eine Entscheidung fällen.

 

Nachweisbarkeitsschwelle

Die Nachweisbarkeitsschwelle bezeichnet den Zustand eines Objekts an der Grenze der Wahrnehmbarkeit. Aus forensischer Sicht handelt es sich dabei um einen epistemologisch ‚angereicherten‘ Status. In diesem Status werden die Materialität der repräsentierten Sache – beispielsweise ein Gebäude – und die Materialität der Sache, die dieses Objekt repräsentiert – ein Film, eine Digitalaufnahme oder ein Satellitenbild –, das heißt, der materielle Zustand der Sache wie auch die mechanischen Mittel, mit denen dieser Zustand archiviert beziehungsweise wahrgenommen wird, gleichzeitig in den Blick genommen und unter intensive Beobachtung gestellt.

 

Urbane Kriegsführung

Als sich die bewaffneten Konflikte in der Folge der Anschläge vom 11. September 2001 zunehmend in die Dichte, Komplexität und Heterogenität des urbanen Raums verlagerten, war die Stadt nicht mehr nur Kriegsschauplatz, sondern wurde zum Mittel der Kriegsführung. Räumliche Transformationen wurden zu einem wichtigen Instrument der Kontrollausübung. Diese Veränderungen umfassten sowohl den Bau als auch die Zerstörung von Infrastruktur, etwa von Straßen, Brücken, Barrieren und Mauern. Zum einen verhärteten sich Grenzverläufe (rund um Wohnviertel, Städte, Staaten oder Staatenverbünde), zum anderen dehnten sie sich zu Grenzgebieten aus, in denen die Ausübung von Überwachung, Polizeigewalt und Verwaltung sowie Tötungshandlungen außerhalb gerichtlicher Kontrolle erfolgen können. 

Auszug aus dem Glossar von Forensic Architecture. Quelle: www.forensic-architecture.org

 

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