ARCH+ 230

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Erschienen in ARCH+ 230,
Seite(n) 1-4

ARCH+ 230

Editorial

Von Hiller, Christian /  Nehmer, Alexandra /  Ngo, Anh-Linh /  Oswalt, Philipp

Ob Trump oder Brexit, FPÖ oder AfD: Rechtspopulistische Parteien und Strömungen machen weltweit mobil gegen die Globalisierung – und gegen den Universalismus. Ihr Erfolg hängt auch mit berechtigter Kritik an den sozialen Verwerfungen durch Neoliberalismus und Finanzkapitalismus zusammen. Allerdings werden Krisenphänomene der Modernisierung von den Populisten lediglich rhetorisch adressiert, um Partikularismen und nationalstaatliche Egoismen zu befördern. Das Zusammenwachsen der Weltgemeinschaft und die hart erkämpften universellen Werte der Moderne in Bezug auf Freiheitsrechte, Gleichberechtigung und Solidarität geraten dabei unter Beschuss. Diese Tendenzwende findet zu einer Zeit statt, in der Problemstellungen wie Klimawandel und Migration gerade eine stärkere internationale Zusammenarbeit erfordern.

Mit dieser Ausgabe, die im Rahmen von projekt bauhaus entstanden ist, wollen wir ein differenziertes Bild des Universalismus zeichnen. Dafür beleuchten wir kritisch die Architekturen der Globalisierung: Gemeint sind vor allem die Strukturen des globalisierten Lieferketten-Kapitalismus, die für die weltweite Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskraft sowie die universelle Zirkulation von Kapital und Waren sorgen, während Mobilität sich als Privileg des reichen Teils der Weltbevölkerung erweist. Damit stellt sich die Frage nach alternativen Denkmodellen für eine migratorische Weltgesellschaft, die nach neuen kosmopolitischen Normen (Seyla Benhabib) und einem ‚Recht auf Welt‘ jenseits nationalstaatlicher Grenzen verlangt.

Recht auf Welt

Die Ausgangsfrage dieses Heftes lautete: „Kann Universalität spezifisch sein?“ – ein scheinbarer Widerspruch, der nicht ohne Weiteres aufzulösen ist und nur in einem direkten Spannungsverhältnis zur Kritik am Universalismus durch die Einbeziehung postkolonialer und postmoderner Positionen verhandelt werden kann. Unsere zentralen Bezugspunkte sind dabei das Bauhaus und die Klassische Moderne, die eine neue Phase der Modernisierung und Internationalisierung einleiteten, indem sie die Idee des Universalismus ideell-programmatisch aufluden und symbolisch besetzten. So wurden sie zu Agenten der Globalisierung. Der Universalismus diente auch dem gezielten Bruch mit den spezifischen historischen Traditionen. Universell verstandene Gestaltungsprinzipien lösten die einst gestaltprägenden, lokal verwurzelten kulturellen Bedingtheiten ab; Geometrie und Physiologie lieferten die neuen, naturwissenschaftlich herleitbaren, vermeintlich wertfreien und allgemeingültigen Methoden und Prinzipien.

Aufbauend auf der Annahme anthropologischer, für jeden Menschen geltender Grundbedürfnisse ermöglicht es der Funktionalismus, ein jedes Bauwerk unabhängig von Klasse, Nation und Religion nach einheitlichen und allgemeinen Grundsätzen zu entwerfen. Die Universalität von Gestaltung schien somit ein brauchbares Instrument zu liefern, um die Prinzipien der Gleichheit und sozialen Gerechtigkeit durchzusetzen. Allgemeingültige Normen und Standards sollten ein Mindestmaß an Lebensqualität für alle sichern. Sie waren damit die Konsequenz eines Werteuniversalismus, der auf die Forderung der Französischen Revolution nach ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ zurückgeht. Während das bürgerliche, liberale Verständnis von Universalismus sich noch auf die rechtliche Gleichbehandlung der Individuen beschränkte (und damit auch eine Heterogenität der Lebensentwürfe zuließ), rückte im 19. Jahrhundert die soziale Frage in den Vordergrund. Denn man hatte erkannt, dass nur die Sicherung minimaler materieller Standards für jeden de facto eine Gleichberechtigung ermöglicht. Diese Vorstellungen konkretisieren sich in materiellen Grundrechten und auch im Recht auf Teilhabe, wobei der universelle Anspruch der Gleichberechtigung angesichts der fortbestehenden Ausgrenzung von Teilen der Gesellschaft hinsichtlich ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Sexualität immer noch nicht eingelöst ist.

Der Werteuniversalismus führte im Bereich von Architektur und Städtebau zum ‚Recht auf Wohnen‘, welches mit der ‚Wohnung für das Existenzminimum’ durchgesetzt werden sollte. Aufbauend auf einer Kritik des Massenwohnungsbaus der Nachkriegszeit postulierte Henri Lefebvre Ende der 1960er-Jahre das ‚Recht auf Stadt‘, das die Sicherung der Grundbedürfnisse um die Idee der gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe erweiterte. Heute muss man ein drittes Grundrecht einfordern: das ‚Recht auf Welt‘. Im Zeitalter von Migration, Globalisierung und menschengemachtem Klimawandel bedarf es einer Grundidee für den globalen Maßstab. Dabei formuliert das ‚Recht auf Welt‘ nicht nur einen Anspruch, sondern auch eine Verpflichtung: Ein jeder steht in der Verantwortung, dass sein Verhalten die Erde als menschliches Habitat nicht gefährdet und ein gutes Leben für Menschen andernorts und in späteren Generationen nicht in Frage stellt.

In der Klassischen Moderne aber verengte sich der Werteuniversalismus, verknüpft mit dem Fordismus und der Industrialisierung, bald auf die Prinzipien von Standard und Typus, um sich schließlich in einheitlichen Standardlösungen zu erschöpfen. So schrieb etwa Hannes Meyer 1926: „Das sicherste Kennzeichen wahrer Gemeinschaft ist die Befriedigung gleicher Bedürfnisse mit gleichen Mitteln. […] Ihre genormte Form ist unpersönlich.“ Sehr ähnlich äußerte sich auch Walter Gropius im selben Jahr: „Die Lebensbedürfnisse der Mehrzahl der Menschen sind in der Hauptsache gleichartig. Haus und Hausgerät sind Angelegenheiten des ‚Massenbedarfs‘ und durch ‚die typenschaffende Maschine‘ zu befriedigen.“ Universalistische Ideen führen hier zu einer Einheitlichkeit, die als zwangsläufig verstanden wird.

Die Problematik dieser Entwicklung trat in der Spätmoderne offen zutage. Während des Kalten Krieges herrschte in der internationalen Arena eine Konkurrenz zwischen liberaldemokratischen, sozialistischen und postkolonialen Menschenrechtsvorstellungen, die alle den menschheitlichen Universalismus für sich beanspruchten. Kommunistische Staaten erklärten kollektive und soziale Rechte zum Kern der Menschenrechte, westliche Staaten betonten hingegen individuelle und politische Rechte. Der Universalismus als politischer Kampfbegriff scheiterte vor allem daran, dass er vor dem Hintergrund partikularer Interessen verwendet wurde, aber gerade nicht universell. Und spätestens seit Beginn der Postmoderne gilt die Idee des Universalismus auch im kulturell-gestalterischen Bereich als obsolet. Jedes Architekturbüro gibt heute vor, seine Entwürfe aus den spezifischen Bedingungen der jeweiligen Aufgabe und dem lokalen Kontext zu entwickeln. Gerade auch global agierende Investoren und Architekten bedienen sich einer Rhetorik des Einzigartigen, des Spezifischen, des Lokalen. Während Wissenschaft und Technik von universaler Geltung sind, wird von der Kultur lokale Spezifizierung als Kompensation und Gegengewicht erwartet.

Im Windschatten des kritischen Diskurses zum Universalismus der Moderne hat der globalisierte Kapitalismus einen selektiven Universalismus ausgebildet: Während Regeln, die die wirtschaftliche Ausbeutung erleichtern – wie etwa Patente, Copyrights und Industriestandards – sich nahezu universeller Geltung erfreuen, ist in anderen Rechtsbereichen Ungleichheit für den heutigen Kapitalismus konstitutiv, so etwa bei Arbeitnehmerrechten, Umweltschutz- und Steuergesetzen. Gerade die selektive Verknüpfung und Entkoppelung von Räumen unterschiedlicher Regulationsregimes ist grundlegend für das heutige globale Wirtschaftssystem. Es wäre daher falsch, die Krise der Gegenwart allein auf ein Übermaß an Universalismus zurückzuführen.

Zugleich droht Gefahr von anderer Seite: In der digitalen Wirtschaft wird der Universalismus im Rahmen des Plattformkapitalismus privatisiert. Monopolistische Infrastrukturen für Kommunikation, Handel und Information ersetzen mehr und mehr die öffentliche Sphäre. Anstelle von Einkaufsstraßen tritt Amazon, anstelle von Bibliotheken Google, anstelle von öffentlicher Gerichtsbarkeit treten private Schiedsgerichte. Ein wertebezogener, normativer Universalismus wird abgelöst von der Omnipräsenz einzelner Unternehmen, deren globale, universelle Infrastrukturen alle Lebensbereiche mithilfe effizienter, selbstlernender Algorithmen durchdringen – eine neue Architektur der Globalisierung, deren zukünftige Entfaltung vor dem Hintergrund der Entwicklung künstlicher Intelligenz kaum absehbar ist.

Wie dieser kurze Abriss zeigt, hat der Universalismus also ein Janusgesicht: Er kann emanzipatorisch wirken und repressiv sein. Doch vor dem Hintergrund der heutigen Krisen meinen wir, dass es sich lohnen könnte, die Idee des Universalismus der Moderne erneut aufzugreifen, die zugrunde liegenden Ambitionen weiterzudenken und dabei zugleich die berechtigte Kritik daran produktiv zu machen.

Welcher Universalismus?

Zunächst geht es darum, zu lernen, im Sinne von François Jullien zwischen dem Universellen und dem Uniformen zu unterscheiden (siehe Beitrag Ina Kerner). Das Universelle ist ein abstraktes Prinzip, wie etwa das Recht auf Wohnen, Stadt und Welt. Das Uniforme ist hingegen die Wiederholung des Immergleichen, Ausdruck einer wirtschaftlichen Rationalität. Die Geschichte der klassischen modernen Architektur ist prototypisch für die Gefahr, wie das Universelle zum Uniformen wird, wie das elementare Recht auf Wohnen in die uniforme Standardwohnung für das Exitenzminimum kippt. Und mehr noch: Nicht nur der uniforme Typ wird angestrebt, sondern ebenso die uniforme Erscheinung im vermeintlich universellen ‚International Style‘.

So wollte Walter Gropius mit seinem Konzept vom ‚Baukasten im Großen‘ Bauteile typisieren, ihre Produktion zentralisieren und industrialisieren. Er strebte – auf Basis eines systematischen einheitlichen Vorgehens – das Allgemeingültige an. Die Wohnungsfrage sollte mit der Industrialisierung des Bauens gelöst werden, für die, so Gropius, eine Vereinheitlichung erforderlich war. Diesem Schematismus stand Hannes Meyer schon früh kritisch gegenüber. Er betonte mit methodischer Stringenz, dass die jeweiligen spezifischen lokalen Bedingungen auch in spezifischen Lösungen resultieren, und daher etwa Ziegel oder Holz gegenüber Stahlbeton als Baustoffe zu bevorzugen seien. Später thematisierte er auch kulturelle Differenzen und wandte sich lokalen, vernakulären Bauformen in der Schweiz und Mexiko zu. Diese implizite Kontroverse zwischen Gropius und Meyer kann verstanden werden als Konflikt zwischen dem Uniformen und dem Universellen.

An diese Kontroverse schließt sich ein zweiter Konflikt an. Dabei geht es um die Frage, inwieweit das vermeintlich Universelle wirklich universell oder de facto ein europäisch-westlicher Partikularismus ist, der mit einem allgemeingültigen Anspruch auftritt und damit Ausdruck eines kolonialistischen Dominanzstrebens ist. Hier zeigt sich die Idee des Fortschritts im Erbe der Klassischen Moderne als besonders problematisches Konstrukt. Die klassischen Avantgarden identifzierten sich mit dem technisch-wissenschaftlichen Fortschritt und sahen ihn als Instrument der gesellschaftlichen Emanzipation. Mit der internationalen Verbreitung der Klassischen Moderne gewann er einen missionarischen Charakter. Allein moderne Technik wurde als zeitgemäß und fortschrittlich angesehen, andere kulturelle und wirtschaftliche Praktiken hingegen wurden als rückständig deklassiert und marginalisiert.

Hierin manifestierte sich ein tiefgreifender, bis heute fortdauernder Konflikt, da mit dem Einzug neuer Techniken auch neue Akteure auf den Plan traten und Wissenspraktiken etabliert wurden, mit denen sich auch die jeweiligen Machtverhältnisse völlig verschoben. Diese Krise konnte nicht mehr aus der Moderne selbst heraus gelöst werden. Erst in den globalen ‚Peripherien‘ tätige Praktiker und Theoretiker wie John F.C. Turner und seine peruanischen Vorbilder waren in der Lage, hieran Kritik zu formulieren und Gegenmodelle zu entwickeln.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung erscheint es geboten, das jeweils aktuelle Verständnis vom Universellen im Sinne von Ernesto Laclau als eine vorübergehende und stets unvollkommene Manifestation zu verstehen, die es ihrerseits kritisch zu überwinden gilt (siehe Beitrag Ina Kerner). Mithin erlangt das Universelle auch in dieser Hinsicht als letztendlich Unerfüllbares einen utopischen Charakter, das aber als Desiderat eine performative Relevanz entfaltet, im steten (und reflexiven) Streben nach einem erreichbaren Zustand. Das heißt: Wenn wir die Idee des Universellen der klassischen Avantgarde für heute produktiv machen wollen, wird dies nur gelingen, wenn wir seine materiellen wie aber auch ideellen Konkretisierungen kritisch diskutieren. Das Konzept des Universellen muss aufbauend auf den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit und angesichts der heutigen Aufgaben neu formuliert werden.

Wie unser Heft zeigen soll, besetzt die Architektur einen neuralgischen Punkt, an dem die Kräfte der Globalisierung und lokaler Selbstbestimmtheit ausgehandelt werden. Kaum eine andere Disziplin ist so geeignet – und steht gleichzeitig so in der Pflicht –, die heutigen Herausforderungen in Angriff zu nehmen und ein allgemeingültiges Recht auf Welt mitzugestalten.

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