ARCH+ 231

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Erschienen in ARCH+ 231,
Seite(n) 40-41

ARCH+ 231

EIGENTUM und ZUGANG

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Die sogenannte enclosure of commons ist ein seit dem 16. Jahrhundert in England eingesetztes Rechtsmittel zur Landreform, bei dem zuvor gemeinschaftlich bewirtschafteter Grund und Boden ‚eingehegt‘, das heißt privatisiert wird. Kleinbauern, die ihre Subsistenzwirtschaft auf Gemeindeland betrieben hatten, wurden dadurch ihrer Lebensgrundlage beraubt, Großgrundbesitzer hingegen brachten immer mehr Land unter ihre Kontrolle. Für Karl Marx resultiert aus diesem Prozess ein historisches Momentum, das den Motor des Kapitalismus zum Laufen bringt. Die Enteignung großer Massen der Landbevölkerung führte dazu, dass diese fortan als Proletariat ihre Arbeitskraft in der entstehenden Manufakturwirtschaft verkaufen mussten – eine wichtige Voraussetzung für die Industrielle Revolution in England.

Im 200. Geburtsjahr von Marx lohnt es sich daran zu erinnern, dass „die kapitalistische Akkumulation also auf der Produktion von Raum [basierte], sprich auf der Änderung der Verfügungsgewalt über die Nutzung des Bodens und durch den im weitesten Sinne architektonischen Akt der Einschließung durch Hecken und Zäune“, wie Harald Trapp im Rahmen seines gemeinsamen mit Robert Thum betriebenen Forschungsprojekts Capital Architecture in dieser Ausgabe schreibt.

Diesen gewaltsamen Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen System und der Raumproduktion, die nicht nur mit der Privatisierung von Gemeingütern, sondern auch mit der Vernichtung der Behausungen vieler Menschen einherging, gilt es angesichts der fortschreitenden Privatisierung der Raumressourcen ins Bewusstsein zu holen. Die historischen Zusammenhänge können helfen, radikalen Befürwortern eines weiteren Abbaus sozialstaatlicher Strukturen, den man als Prozess der enclosures of commons unserer Zeit bezeichnen muss, und einer noch entschiedeneren Liberalisierung des Marktes, wie beispielsweise Patrik Schumacher, entgegenzutreten. 

Dieses Kapitel handelt davon, wie der gesellschaftliche Raum durch politisch und ökonomisch definierte Strukturen des Eigentums geprägt wird. Wie lassen sich vor dem Hintergrund zunehmender Bodenspekulation alternative Formen von – gemeinschaftlichem – Zugang zur Ressource Raum formulieren? Wie lässt sich über die Bodenfrage Stadt neu denken?

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