ARCH+ 231

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Erschienen in ARCH+ 231,
Seite(n) 102-107

ARCH+ 231

Verteidigung der Demokratie – Gegen eine anarchokapitalistische Architektur

Von Shvartzberg Carrió, Manuel

ARCH+ bat mich um eine Entgegnung auf die vielfach zu lesende Forderung von Patrik Schumacher nach einer ‚anarchokapitalistischen Architektur‘ – die neueste Spielart von dessen ‚Parametrismus‘-Feldzug. Man geht ein hohes Risiko ein, wenn man sich auf solch extrem rechtsgerichtete Diskurse wie diesen einlässt, denn sie sind so einseitig, polarisierend und in gewisser Weise toxisch, dass kein Platz für maßvolles kritisches Denken ist, das Grundlage jeder komplexen und differenzierten Diskussion über die aufgeworfenen existenziellen Fragen sein sollte. Denn hier geht es um grundlegende, uns alle betreffende Fragen von Recht und Gerechtigkeit, Politik und Verteilung von Ressourcen in der Gesellschaft. Ein lauter Schlagabtausch bringt bei solchen Themen keine Klarheit; darin zeigt sich lediglich die Macht derjenigen, die am lautesten schreien können, und das verschafft nur dem Sensationssüchtigen, dem Rüpel, dem Sophisten, dem Demagogen und letztlich dem Privilegierten einen Vorteil. Ein leidenschaftlicher öffentlicher Diskurs bedarf einer Diskussion auf Augenhöhe, und Patrik Schumachers Vorstoß,  der auf seiner faktischen Position als einflussreicher Akteur innerhalb der gegenwärtigen Verflechtung von Architektur und Kapital gründet, untergräbt eine solche paritätische Debatte systematisch. Es steht also viel auf dem Spiel.  

Zum Einstieg möchte ich jene Aspekte der Position von Patrik Schumacher skizzieren, denen meiner Ansicht nach ein Platz im Diskurs über Architektur und öffentliche Kultur zusteht. Generell gesprochen ist es höchste Zeit, die Rolle der Architektur in der Gesellschaft neu zu bewerten, nicht nur als ästhetische oder symbolische Repräsentation gesellschaftlicher Kräfte, sondern auch als entscheidendes Produktionsfeld, auf dem politische Kämpfe ausgefochten werden, die aktiv die Kategorien ‚Architektur‘ und ‚Gesellschaft‘ definieren. Diese Beziehung muss insgesamt neu gedacht werden, von der Architektur als Beruf bis hin zu den Praktiken des Entwerfens, Bauens und Organisierens öffentlicher Räume, von Quartieren, Städten, Infrastrukturen und Territorien.1

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