ARCH+ 231


Erschienen in ARCH+ 231,
Seite(n) 110-114

ARCH+ 231

Öffentlichkeit ist eine große Quelle der Freiheit

Von Gailhoustet, Renée /  Hertweck, Florian /  Maak, Niklas

Florian Hertweck: Wir befinden uns hier in Ihrer Wohnung in Ivry-sur-Seine, einer ehemaligen Arbeiterstadt vor den Toren südöstlich von Paris, die Sie zusammen mit Jean Renaudie in den 1960er- und 1970er-Jahren maßgeblich geprägt haben. Ein dezidiert öffentliches Projekt. Hier möchten wir gerne mit Ihnen über das Verhältnis von privater und öffentlicher Sphäre reden. Seit einigen Jahrzehnten scheint die öffentliche Sphäre zurückgedrängt zu werden oder sie zieht sich von selbst zurück, während sich in den Städten abgeschottete Enklaven bilden und die Raumproduktion von der Immobilienwirtschaft beherrscht wird. 
 
Renée Gailhoustet: Das Problem, das Sie ansprechen, ist ein Grundproblem der Stadtplanung. Man ist immer mit Konflikten zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft konfrontiert. Hier in Ivry war unsere Leitidee, das Private und das Gemein­schaftliche zu vermischen. Ob mit dem Auto oder zu Fuß, in Ivry hat man stets problemlos Zugang. Das ist im alten Paris eher die Ausnahme, wo Orte der Kommunikation überall kontrolliert werden, wo man immer einen Schlüssel oder einen Türcode braucht. In Ivry gibt es keine Zugangskontrolle, außer natürlich an den Wohnungstüren, aber das versteht sich von selbst. In das Gebäude, in dem wir uns befinden, gelangt man sowohl tagsüber als auch nachts ohne Schlüssel. Ich bin immer noch überzeugt, dass dies eine gute Sache ist, aber die Tendenz geht tatsächlich in die andere Richtung. 
 
Niklas Maak: Was war die zentrale Idee Ihres Gebäudes und worin besteht der Unterschied zum Projekt von Renaudie? 
 
RG: Sicherlich ist die Architektur von Renaudie kapitalistischer, aber es gibt doch viele Gemeinsamkeiten zwischen uns, beispielsweise den Grundgedanken, die Menschen im Erdgeschoss überall zirkulieren zu lassen: eine Abfolge von öffentlichen Räumen, öffentliche Gärten und Eingangshallen sowie überdachte Passagen, die immer zugänglich sind. Es gibt hier eine Schule, die Renaudie inmitten des Ensembles angelegt hat. Normalerweise sind Schulen immer autonome, abgetrennte Orte. Hier hat er alle Terrassen der Wohnungen auf die Schule gerichtet, so dass die Mutter sehen kann, ob ihr Kind in der Schule ist. Für Renaudie war dieses unmittelbare Verhältnis von Wohnung und Schule – oder von Privatheit und Gemeinschaft – zentral.
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