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ARCH+ 231


Erschienen in ARCH+ 231,
Seite(n) 174-179

ARCH+ 231

„Die Architektur des Neoliberalismus verleugnet die Arbeit“

Von Spencer, Douglas /  Trapp, Harald /  Thum, Robert

Sie sind Kulturkritiker mit den Forschungsschwerpunkten Architektur, Urbanismus und kritische Theorie. Welches Verhältnis haben Sie zum Werk von Karl Marx?
 
Douglas Spencer: Ich habe in den 1980er-Jahren als Studienanfänger mit der Marx-Lektüre begonnen und ihn danach zunächst aus den Augen verloren. Aber als ich mit der Arbeit an meinem Buch The Architecture of Neoliberalism begann, war Marx meine erste Anlaufstelle, ich habe Das Kapital wieder zur Hand genommen und von Anfang bis Ende durchgelesen. Marx bietet immer noch viele wichtige Einsichten, die auch heute noch relevant sind. Am stärksten hat mich beeindruckt, wie sehr er die Bedeutung der Kritik betont. In seinem viel zitierten Brief aus dem Jahr 1843 an Arnold Ruge sagt Marx, man müsse sich der „rücksichtslose[n] Kritik alles Bestehenden“ verschreiben.1 
Die für mich wohl wichtigste Erkenntnis ist die, dass Kritik rücksichtslos zu sein hat, dass man also nicht ängstlich oder zaghaft sein sollte, wenn es darum geht, etwas beim Namen zu nennen – selbst wenn es sich um die Namen derer handelt, die andere vielleicht für unsere Verbündeten halten. Ich meine, dass diese Vorstellung von Wesen und Sinn der Kritik für uns heute von ganz grundlegender Bedeutung ist, und dies insbesondere, was Architektur und Neoli­beralismus in ihrer Wechselbeziehung angeht.
Das ist in Bezug auf die Architektur wichtig, da wir uns vielleicht seit Beginn der 1970er-Jahre in einer Zeit befinden, in der sich die Architektur zusehends vom Politischen entfernt hat. So wird sie immer vorsichtiger, sich über die Gesellschaft, die sie als etwas Abstraktes ansieht, den Kapitalismus oder, zeitgemäßer ausgedrückt, den Neoliberalismus zu äußern. Sie hat Angst vor Aussagen über das große Ganze, um die sich Marx mittels seiner dialektischen Methode bemüht hat.
 
Wie kann Marx uns heute dabei helfen, die Entwicklungen in der Architektur zu begreifen?
 
DS: Das mag jetzt wie eine ziemlich altmodische, ja vulgäre Interpretation von Marx erscheinen, doch seine Unterscheidung von Basis und Überbau, die Ansicht, die ökonomische Basis bestimme den politischen und ideologischen Überbau, kann uns immer noch helfen. Über das Verhältnis von Basis und Überbau lässt sich trefflich streiten, doch es scheint, dass die Architektur – mehr als jeder andere Bereich – sowohl die ökonomische Basis als auch den ideologischen Überbau verkörpert. Da wir wissen, dass nichts ohne eine ökonomische Struktur im Hintergrund, ohne Investition gebaut wird, ist die Architektur zutiefst in ­die Erzielung von Boden- und Eigentumswert verwickelt. Sie ist also untrennbar von der ökonomischen Basis. Sie hat Teil an ihr und ihrer Reproduktion, am gesamten Wertschöpfungsprozess des Kapitals.
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