ARCH+ 231


Erschienen in ARCH+ 231,
Seite(n) 216-217

ARCH+ 231

Eigentum ohne Verpflichtung

Von Rolnik, Raquel

Olaf Grawert: Der bekannte deutsche SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel verglich einst Land mit Luft und Wasser. Wie diese sei es begrenzt verfügbar und nicht vermehrbar. Deshalb solle es auch kein handelbares Gut sein und aus dem Wirtschaftskreislauf herausgenommen werden. Was würde die Nicht-Handelbarkeit bedeuten?

Raquel Rolnik: In den letzten 250 Jahren sind Grund und Boden, die besondere Beziehung zwischen Land und Menschen sowie die Art, in der Land als Privat­eigentum verfügbar und zugänglich ist, zur hegemonialen Zugangsform in unserer Gesellschaft geworden. Das Grundeigentum blockiert alle anderen Formen des Zugangs zu Land, alle anderen Besitzansprüche und alle anderen Besitzverhältnisse. Die vorherrschende Idee vom Land als Eigentum verwehrt all denjenigen den Zugang dazu, die keines besitzen. Grundeigentum hat einen ökonomischen Wert und gilt deshalb als bevorzugte Form des Besitzes; es steht sowohl in Verbindung zum Wirtschafts- als auch zum politischen System.

Dieses politische System, in dem das Eigentum mit Person und Nationalität verbunden ist, wurde während der Aufklärung erfunden. Es geht zurück auf die Ideen von Philosophen wie John Locke und hängt mit der bevorzugten Organisationsform zusammen, mit der die Gesellschaft ihre politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bindungen gestaltet. Das Ergebnis dieses Experiments, das seinen Ausgangspunkt im utopischen Ideal der Aufklärung nahm, ist das hegemoniale Modell der modernen Demokratie. Das Experiment nahm seinen Fortgang während der Glorious Revolution in England 1688 und der Amerikanischen Revolution 1776 und wurde zum vorherrschenden Modell, das mit Hilfe einer ein­deutigen Strategie global umgesetzt wurde: dem Kolonialismus. Der Kolonialismus war ein ganz bestimmter Ansatz, verschiedenste Territorien auf der ganzen Welt mittels der Durchsetzung eines einheitlichen politischen Systems zu besetzen und zu verändern.

Privater Grundbesitz, der ein bestimmtes Stück Land mit einer bestimmten Person in Beziehung setzt, ist untrennbar mit den ökonomischen Grundsätzen des Kapitalismus verbunden.

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