ARCH+ 232

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Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 2-3

ARCH+ 232

Vorwort

Von aus dem Moore, Elke

Stadt 
als Ort 
der 
Gemeinschaft

Das ifa (Institut für Auslandsbeziehungen) initiiert mit seinen Ausstellungen, die an zahlreichen Orten auf der Welt zum Einsatz kommen, internationale Diskurse zu gesellschaftlich relevanten und aktuellen Themen. Eine der wohl prägnantesten Entwicklungen ist die rasant fortschreitende Verstädterung der Welt, die mit einer grassierenden Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums einhergeht.

Deren weitreichende Bedeutung und Auswirkungen wird mir durch eine Reise in die Philippinen Anfang der 2000er-Jahre bewusst: Manila Metropol City, ich fahre von Quezon City, einem recht zentral gelegenen Stadtteil mit allein 18 Millionen Einwohnerinnen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln in das Zentrum der Stadt, um ein Museum zu besuchen. Dazu benutze ich Schnellzüge. Die Fahrt dorthin dauert etwa zwei Stunden, ich muss nur einmal umsteigen. Doch der Umstieg von einer Linie zur anderen führt mich durch drei Shopping Malls. Ich finde keinen Weg, sie zu umgehen. Bereits die Route zur Ausgangsstation führt mich durch etwa zwölf Department Stores, auch hier kein Ausweichen möglich. Von meinem geführten Weg habe ich Ausblick in die oberen und unteren Etagen, ich sehe viele Kinder und Jugendliche, die in den Gängen der Malls auf dort eingebauten Konsolen Videogames spielen.

Welche Auswirkungen haben Urbanisierung und Kommerzialisierung auf das Leben der Menschen? Wie können Städte organisiert sein, die den Bedürfnissen der Menschen entsprechen? Wie können einzelne Stimmen Gehör finden und wie findet man eine Praxis des städtischen Lebens, die Vielstimmigkeit und Unterschiede zulässt, eine gemeinschaftliche Praxis, ein „Gemeinschaffen“? Welche Prozesse und Praktiken kollektiver und zugleich pluralistischer Entwicklung können erdacht werden? Wie können Städte „Orte der Gemeinschaft“ sein und bleiben?

Das Projekt An Atlas of Commoning: Orte des Gemeinschaffens folgt einer Reihe von Ausstellungen des ifa, die sich den Folgen, Prozessen und Herausforderungen der Urbanisierung widmen: Die Welt wird Stadt (2009), die Ausstellungsreihe STADTanSICHTen oder die Ausstellung Post-Oil City (2010).

Die Ausstellung selbst versteht sich als Teil eines Atlas des Gemeinschaffens, ein Wissensarchiv mit einer Sammlung von Ansätzen, Ideen, Umsetzungen von Orten und Praktiken des Gemeinschaffens. Gedanklich beginnt das Projekt bereits bei einem sehr grundsätzlichen Problemfeld, nämlich dem der Trennung: der Trennung von privat und öffentlich, der Trennung von ich und du, wir und die anderen, der Trennung von Mensch und Natur. Es stellt sich die Frage, wie es dazu kam, dass Menschen natürliche Ressourcen zu ihrem Eigentum erklärten? Um dem Missbrauch und der Ausbeutung an der Natur, die mit dieser Einstellung einhergehen, vorzubeugen, ist in Neuseeland ein Fluss zur rechtlichen Person erklärt worden – ein Fluss, der ebenso Rechte auf Unversehrtheit und Sauberkeit besitzt.

Die aus dem westlichen Kapitalismus hervorgegangene Weltsicht betont den Wert des Individuums, die Gemeinschaft ist dem Individuum untergeordnet. Dies führt zu immer stärkerer Vereinzelung und Isolation. Eine Auswirkung ist im Anstieg übersteigerter Identitäts- und Zugehörigkeitspolitiken zu beobachten, die wiederum mit immer stärkeren Radikalisierungstendenzen einhergehen.

Als Menschen sind wir Individuen in einer Gemeinschaft, wir sind miteinander verbunden und für diese Verbundenheit muss es einen Ausdruck geben, Orte, die dem Gemeinschaftlichen zugeordnet sind und die mit Verantwortungsbewusstsein selbst gestaltet werden. Orte, an denen Gemeinschaft gelebt werden kann, wie etwa in dem Projekt Park Fiction, das ich Mitte der 1990er-Jahre in Hamburg erlebte.

An einem Wochenende malen oder schreiben wir unsere Wünsche für den zukünftigen Park auf. Park Fiction wird von einer Bürgerinitiative zu einem künstlerischen Projekt. Ich erlebe zum ersten Mal, dass es dem Einsatz von Kunst – hier der partizipativen Kunst – gelingt, ein der ökonomischen Verwertung unterworfenes Projekt politisch aufzuhalten zugunsten der Menschen, die in diesem Viertel leben. Aus den Energien und Strategien von Park Fiction ging die Hamburger PlanBude hervor, die Teil unseres Atlas ist.

Welche Rolle die Kunst in gemeinschaftlich ausgerichteten Gestaltungsprozessen von Stadt einnehmen kann, wird auch an einem weiteren Beispiel deutlich.

Sharjah Biennale – wie immer, wenn ich an einem Ort ankomme, befrage ich die Taxifahrer zu ihrer Lebenssituation. Hier spreche ich mit einem Mann aus Indien, der mir über die prekäre Situation der Arbeiter in Sharjah berichtet. Vor diesem Hintergrund wird das Kunstprojekt von Superflex für die Biennale doppelt brisant. Superflex befragen die Anwohner des Viertels nach ihren Wünschen für einen Park, der temporär auf einem Parkplatz entstehen soll. Da die Anwohnerinnen zum großen Teil aus Indien, Pakistan und Bangladesch kommen, entwerfen sie einen Park, wie sie ihn aus ihrer Heimat kennen. Ich bin erstaunt, dass der einzige Ort in Sharjah, der vollkommen belebt und geradezu überfüllt wirkt – bei leeren Straßen und Boulevards – dieser temporäre, bunte Vergnügungspark ist. Wie lange wird es so bleiben? Für die Dauer einer Biennale, also nur wenige Wochen.

Das Projekt An Atlas of Commoning an sich ist auch eine Form des Gemeinschaffens. Begonnen mit mehreren Workshops zu unterschiedlichen Aspekten, formte es sich mit dem kuratorischen Team und den verschiedenen Partnern in einem gemeinschaftlichen Prozess, bei dem die unterschiedlichen Wissensstände und Anliegen verhandelt wurden. Angelegt ist es als ko-kreatives und emergierendes Projekt, das als Ausstellung und Wissensarchiv an unterschiedlichen Orten der Welt gezeigt wird und sich an jeder Station durch Workshops mit dem lokalen Wissen der Akteurinnen vor Ort verbindet und erneuert. So kann der Atlas als ein wachsendes, lebendiges Gebilde gesehen werden, das in einem neuen Bewusstsein der weltumspannenden Gemeinschaft immer weiterwächst, voneinander lernend sich gegenseitig befruchtet.

 

Ich danke allen Beteiligten, allen voran dem kuratorischen Team um ARCH+, Anh-Linh Ngo, Mirko Gatti, Christian Hiller, Max Kaldenhoff, Christine Rüb sowie Stefan Gruber (CMU) für die sorgfältige Recherche, die fachlich präzise Zusammenstellung und durchschlagende Konzeption des gesamten gemeinschaffenden Projektes; den Partnern School of Architecture der Carnegie Mellon University Pittsburgh und Technische Universität Berlin, Institut für Architektur, Fachgebiet Prof. Rainer Hehl.

Ein großer Dank geht an die ifa-Projektleitung Sabina Klemm, die mit Weitsicht, Klarheit und außerordentlichem Engagement für die Übersicht in den unterschiedlichen Entwicklungs- und Produktionsphasen sorgte.

Ein großer und herzlicher Dank geht an die Ausstellungsgestalterinnen Stadelmann Schmutz Wössner Architekten und die Ausstellungsgrafiker Heimann + Schwantes.

Nicht zuletzt danke ich allen, die den Prozess begleitet haben, für deren Inspiration, Expertise, Gespräche und Impulse, darunter Anette Baldauf, Elke Krasny, Romana Schneider, Jörg Stollmann und Sophie Wolfrum.

Mein tiefer persönlicher Dank gilt Anh-Linh Ngo für seine umfassende Expertise in der Entwicklung und seine langjährige Freundschaft.

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