ARCH+ 232

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Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 26-31

ARCH+ 232

Vom 
Kommu­nismus 
zum 
Commo­nismus

Von De Angelis, Massimo /  Thum, Robert /  Trapp, Harald

Harald Trapp, Robert Thum: Massimo De Angelis, wie stehen Sie als Professor für Politische Ökonomie und Experte für Commons und Commoning zu Karl Marx und seinen Theorien?

Massimo De Angelis: Marx begegnete mir zum ersten Mal in den 1970er-Jahren 
in Italien, im Alter von 14 oder 15. Ich ging eines Tages die Straße entlang und sah 
sein Konterfei auf riesigen Transparenten. Später dann, als Studierende, organisier­ten wir zusammen mit Arbeiterinnen einiger Fabriken aus der Umgebung marxistische Studiengruppen. An der Universität sah 
ich mich als Marxist, und als Student der
Politikwissenschaften kam man natürlich
an Marx nicht vorbei. Schließlich studierte ich Wirtschaftswissenschaften an der University of Utah. Dort wurde seine Theorie auf eine radikal reduktionistischen Weise
als politische Ökonomie statt als Kritik derselben gelesen.

Was seine Rezeption anbelangt, halte ich es mit dem Ansatz der „autonomen Marxisten“. Sie begreifen die Kategorien seines 
Werks als Kategorien des Klassenkampfes, die sich in verschiedenen historischen Mo­menten und unter unterschiedlichen Um­ständen entsprechend unterschiedlich manifestieren. Im Prinzip gilt das noch heute. Mein Verhältnis zu Marx lässt sich so zu­sammenfassen: Ohne Marx könnte ich heute nicht so über die Commons schreiben, 
wie ich es tue.

HT/RT: Vom Kommunisten zum Commonisten – 
könnte man Ihre Entwicklung so beschreiben?

MDA: Beide Begriffe sind eng verwandt, 
ich würde da gar keinen so großen Un­­terschied machen. Und doch ist es wichtig, sie getrennt
zu artikulieren. In Marx’ Werk finden sich einige prägnante Sätze, die die Grundideen des Kommunismus zusammen­fassen. So zum Beispiel am Anfang von Die deutsche Ideologie, das er in Teilen ge­meinsam mit Friedrich Engels geschrieben hat. Hier ist der Kommunismus mitnichten ein „Ideal“. Er ist auch kein zu realisierendes Regelsystem und kein Modell, sondern „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt“.1

Eine andere Auffassung von Kommunis­mus ist in seinem Konzept einer „Assoziation freier Produzenten“ zu finden.2 Diesem Konzept zufolge sind Produzenten frei, wer immer sie im Einzelfall sein mögen, also nicht nur Fabrikarbeiterinnen, sondern auch Hochschullehrer, Studierende oder Pflegepersonal. Es steht ihnen frei, sich zusammen­zutun und gemeinsam über das Was, Wie und Wieviel ihrer Produktion zu entscheiden.

Und zu guter Letzt gibt es noch jene berühmte Sentenz aus der Kritik des Gothaer Programms, den sich die künftige Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben werde: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“3

Vergleichen Sie diese Sätze – die aussagen, was für Marx den Kommunismus im Wesentlichen ausmacht – mit den sozialen Systemen der Commons – wo Menschen
i hr Schicksal selbst in die Hand nehmen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, sich Ziele zu setzen und diese gemeinsam zu erreichen –, dann stellen Sie fest, dass diese Systeme den Prinzipien von Marx recht nahekommen. Auch hier kommen Menschen zusammen und betonen in ihren Organisationsformen unhierarchische Strukturen und Prinzipien einer tiefen partizipatorischen Demokratie. Wenn Sie mich also nach dem Unterschied zwischen Kommunismus und Commonismus fragen, antworte ich Ihnen darauf: Ich 
sehe kaum einen – jedenfalls nicht auf dieser Ebene.

Natürlich leben wir in einer Zeit, in 
der dem Wort Kommunismus die Makel historischer Erfahrungen anhaften, die Gulags, die auto­ritären und totalitären Regime, die in seinem Namen handelten. Im Bewusst­­­sein vieler Menschen ist das Wort immer noch entsprechend negativ besetzt. Es ist ein gefährliches Wort. Wenn ich also von „Commonismus“ spreche, dann um darauf hinzuweisen, dass es sich hier um etwas anderes handelt.

HT/RT: Marx bezeichnet die Einhegung von Land als den ersten Schritt einer „ursprünglichen Akkumulation“, die dem Prozess der kapitalistischen Akkumulation vorausging. Wie drücken sich
 die Beziehungen zwischen Kapital und eingehegtem Land aus? Und worin besteht ihre Relevanz heute im Kontext des Commoning, des Gemeinschaffens?


MDA: Das ist ein Riesenkomplex. Die Ein­­hegungen führen uns in der Tat zurück zu den Anfängen des modernen Kapitalismus, die mit der Enteignung bäuerlich genutzter Allmenden in Europa – vor allem in England – einherging. Der englische Kapitalismus setzte mit diesem historischen Prozess der „Einhegung“ ein, jenem Moment als der Landadel begann, den Bauern das Gemeinde­land wegzunehmen, die diese für ihre
Sub­sistenzwirtschaft benötigten. Man nahm den Bauern das Gemeindeland, um es kapitalistisch zu verwerten, etwa durch die intensive Bewirtschaftung im Rahmen 
der Schafzucht. Es ist wichtig, uns daran zu erinnern, dass uns die Einhegungen nicht
als historische Gegebenheit interessieren, sondern weil diese „ursprüngliche Akku­mulation“, wie Marx sie genannt hat, ein wiederkehrender Aspekt der kapital­is­tischen Entwicklung ist. Sie hält bis heute an.

Die englischen Kleinbauern des 15. bis 17. Jahrhunderts lebten als Selbstversorger von den Allmenden. Allmenden waren zu jener Zeit unentbehrliche Elemente der Re­pro­duk­tion.4 Indem man die Bauern dieses Sub­sistenzmittels beraubte, hatten sie nicht mehr genug zum Leben, so dass ihnen nichts anderes übrigblieb als abzuwandern, den Landadel auszurauben oder zu rebellieren. Das waren ihre drei Optionen – trotz 
der von Heinrich VI. oder Heinrich VIII. erlassenen Gesetze, die die Freizügig­keit
der Bauern unterbinden sollten. Die Mi­gration war dennoch ein Massenphänomen.

Dieser Prozess schuf einerseits 
das lohn­abhängige Proletariat und sorgte andererseits für eine Kapitalakkumulation, die notwendig war, um die Industrielle Revolution anzutreiben. Spätestens seit den 1980er-Jahren sind die Grenzen dieser Interpretation augenfällig. Seither wütet rund um die Welt der Neoliberalismus
als Instrument des globalen Kapitals. Die strukturellen Eingriffe seitens des Welt­währungsfonds förderten allenthalben die Einhegung von Commons – das reicht 
von Gemeindeland über Wasserressourcen bis hin zu wohlfahrtsstaatlichen Errungenschaften wie Sozialleistungen und Bildung. Diese Prozesse gleichen sich heute überall auf der Welt. Auch die massive Welle von Landgrabbing in Afrika durch multinationale Konzerne, die wir heute beobachten, 
gehört dazu.

Dieser Prozess der Einhegung von Ge­meingütern ist anhaltend. Umgekehrt bedeutet es, dass auch die Produktion und Reproduktion von Gemeingütern ein anhaltender Prozess ist. Immer wieder versuchen Menschen, Ressourcen auf
eine Weise zu erschließen und zugänglich
zu machen, die sich von den üblichen Funktionsweisen des Marktes und den Verwertungsinteressen des Kapitals 
unterscheidet. Nehmen Sie zum Beispiel die Peer-to-Peer-Produktion im Cyberspace
oder die vielen Gemeinschaftsgärten, die
auf städtischem Brachland entstehen. 
Die Schaffung von Gemeingütern ist also ebenfalls ein andauernder Prozess. 
Darüber hinaus sind Commons eine soziale Kraft, die im Lauf der Geschichte immer wieder auftritt; Sie kann, wenn sie bis zu einem gewissen Grad ausformuliert 
ist, eine Alternative zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell bieten.

HT/RT: Ist Commoning eher ein ländliches oder ein städtisches Phänomen? Sie sprechen 
von einer stärkeren Präsenz des Staates in den Metropolen als in ländlichen Gebieten. 


MDA: Der Staat ist auf dem Dorf genauso präsent wie in der Stadt. Nur spürt man die staatliche Kontrolle dort nicht so un­mittelbar. Was zum Teil daran liegt, dass dort noch so etwas wie ein loses informelles Netzwerk der Solidarität zwischen Nachbarn oder Mit­gliedern einer erweiterten Familie existiert.

Die Bedingungen in der Stadt sind 
eher dazu angetan, uns zu isolieren, aber wir finden Commoning selbstverständlich 
auch in der Stadt. Wir werden heute sogar 
Zeuge einer unglaublichen urbanen B­e­wegung, die das Commoning zurück­er­­obert und zu einer Form gesellschaftlicher Ver­änderung macht. Wenn ich vom Com­moning als Verb spreche, dann ist das ein Verb, das – wie der Historiker Peter Linebaugh 
festgestellt hat – bereits vor der Einhe­gung der Allmenden in England in Gebrauch
war. Wenn Commoner die gemeinsam be­wirtschaftete Allmende aufsuchten – etwa um gemeinsam Holz zu schlagen –, sagte man, they go to common, nicht to work. Sie gingen also gemeinschaffen, nicht arbeiten, obwohl das natürlich Arbeit ist, schließlich fällt man dabei Bäume.

Dieses Gemeinschaffen, das heißt dieses gemeinsame Handeln in horizontalen, partizipatorischen Strukturen, gibt es auch in der Stadt. Es gibt dafür zahlreiche Beispiele: In Spanien etwa finden wir unter dem Namen Plataforma de Afectados por
la Hipoteca, kurz PAH, zu deutsch Plattform der Betroffen der Hypotheken, eine 
ganz erstaunliche Initiative, die von Banken Häuser zurückfordert – als Ausgleich für das, was der Staat den Banken beim Bail-out gezahlt hat. Sie besetzen von den Banken zwangsgeräumte, seither leerstehende Liegen­schaften und organisieren sich dort. Die amtierende Bürgermeisterin von Barcelona kommt aus dieser Bewegung. Als Commoning-Initiative hat die Bewegung, wenn schon nicht für eine politische Al­ternative, so doch wenigstens für das Gefühl der Möglichkeit einer solchen gesorgt.

Ein Beispiel für eine ganz andere, aber sehr effektive Art des Gemeinschaffens 
ist die gemeinsame Selbstorganisation von Konsumenten und Produzentinnen, wie 
ich sie in meinem letzten Buch beschrieben habe. Kleine Nahrungsmittelproduzenten finden sich in der Stadt zu selbstorganisierten Märkten zusammen, um gegenüber den Behörden das Recht zu erkämpfen oder aus­zuhandeln, ein eigenes Bio-Siegel einzuführen, ohne dafür Abgaben an den Staat oder einen Verband entrichten zu müssen. Überhaupt verschwindet die Auf­teilung in Produzenten und Konsumentinnen. Sie wird überwunden, weil beide Gruppen gemeinsam an Marktgemeinschaften partizipieren, um Preise und Qualitäts­standards zu definieren – und um festzulegen, wer sich qualifiziert und wer nicht. Das 
ist ein ganz anderes Modell als der Supermarkt, wo Konsumenten und Produzen­tinnen nur mittelbar über die Geldtransaktion verbunden sind. 


HT/RT: Commoning-Prozesse schließen Personen, Subjekte ein. Foucault spricht an einer Stelle von der Konstitution von Subjektivität.
Wie sähe denn dieses Commons-Subjekt aus?

MDA: Das Subjekt der Commons wäre
der Commoner oder Gemeinschaffende. Eine Gemeinschaffende ist jemand, die nach 
Freiheit strebt, die sich allerdings unterscheidet von der Freiheit, die wir als Konsu­menten haben.

HT/RT: Könnten Sie Ihre Definition von Freiheit näher ausführen?

MDA: Milton Friedman hat uns Anfang der 1980er-Jahre daran erinnert, dass wir
als Konsumentinnen die freie Wahl haben.5 Dies ist eine Freiheit innerhalb des neo­liberalen Paradigmas. Wir haben die freie Wahl zwischen diesem und jenem Smartphone – oder zwischen verschiedenen Waren in einem großen Warenangebot. Allerdings ist diese Wahlfreiheit zunächst einmal 
den Zwängen unseres Budgets unterworfen. Hinzu kommt, dass sich unsere Freiheit
auf die freie Wahl innerhalb des Marktes beschränkt. Was uns dieser Markt zu 
bieten beliebt, die Auswahl, die er uns lässt, gleicht der einer Speisekarte im Restaurant. Man hat die Freiheit, sich etwas auszu­suchen aus dem, was auf der Karte steht. Aber wer stellt die Speisekarte zusammen?

Meiner Ansicht nach ist die Freiheit
der Commoner nicht nur eine individuelle Freiheit, sondern die kollektive Freiheit, darüber zu entscheiden, was auf die Speisekarte kommt. Wir müssen uns fragen: 
Wie, was und wann produzieren wir? Wieviel Arbeit müssen wir in diese Produktion investieren? Welche Menge an Ressourcen wollen wir für die Herstellung eines bestimmten Gegenstands aufwenden? 
Die Freiheit der Commoner setzt komplexe Entscheidungen voraus, die mit einer bestimmten Art der Produktion oder Repro­duktion verbunden sind.

Wir tun dies nicht nur zur Maximierung unseres Nutzens oder Profits, sondern auch um unserer eigenen Resilienz und der 
Nachhaltigkeit der Umwelt und des Ökosystems willen. Hierin besteht der fun­damentale Unterschied zwischen diesen beiden Freiheiten – und lassen Sie mich noch einmal betonen, dass das Paradigma der Commons ein freiheitliches ist. Aber natürlich wird der Begriff der „Freiheit“ zur leeren Hülle, wenn er nicht mit Inhalt 
gefüllt wird. Und er lässt sich folgendermaßen definieren: Wir wollen die Freiheit, über alles selbst zu entscheiden, was unser Leben berührt, und zwar gemeinsam.

HT/RT: Auf der anderen Seite sprechen Sie 
aber auch die Notwendigkeit der Regulierung an. Es gibt unter Wirtschaftswissenschaftlern diese berühmte Diskussion über das Problem des freien Zugangs…

MDA: Die Diskussion über den freien Zugang geht auf den Aufsatz „Die Tragik der Allmende“ von Garrett Hardins 
zurück.6 Hardin beschreibt in einer Parabel eine Handvoll Bauern, die sich ein Stück Gemeindeland teilen, auf dem jeder seine Tiere weiden lässt. Wenn nun, so Hardins Argumentation, jeder Bauer seinen eigenen Nutzen maximiert, treibt er so viele Schafe oder Kühe wie nur möglich auf diese Allmende. Warum? Weil sie allen offensteht und jeder daran interessiert ist, seinen eigenen Viehbestand zu vergrößern, und das möglichst schnell.

Nun hat Elinor Ostrom zurecht darauf hingewiesen, dass von solch einer Tragik der Allmende in Wahrheit keine Rede sein kann. Gemeingüter unterliegen Regeln, die von den Commonern gemeinsam definiert werden. Diese Assoziation freier Individuen, wenn man in Anlehnung an Marx das so nennen will, kommt zusammen und entschei­det über die Zugangsregeln. Und das ge­schieht im Augenblick überall auf der Welt. Den Menschen ist klar geworden, dass 
man die Ressourcen erschöpft, wenn alle nur im Eigeninteresse handeln. Daraus ergibt sich ein interessantes Problem: Welche Beziehung besteht zwischen freiem Zugang und Gemeingut? Gemeingüter sind Ressourcensysteme – in diesem Fall eine Weide –, deren Zugang von Commonern geregelt wird. Sie stellen bestimmte Regeln auf, die die Gemeinressource erschließen und erhalten. Das Problem ist die Einsicht, dass der freie Zugang, um als solcher zu be­stehen, unabdingbarer Bestandteil der Commons sein muss. Das bedeutet auch, dass die Reproduktion des freien Zugangs Arbeit erfordert.

HT/RT: Produktion und Reproduktion der Commons sind per Definition selbstorganisierende Prozesse. Sie sagen, dass Staat und Kapital immer ein parasitäres Verhältnis zu den Commons haben werden? Gibt es denn keine Möglichkeit, Kapital oder Staat in das Konzept der Commons zu integrieren?

MDA: Ich würde das Kapital nicht integrieren wollen. Auf keinen Fall! Warum nicht? 
Weil die Logik des Kapitals von Grund auf eine Logik des Wachstums um des 
Wachstums willen ist. Ich wäre also zutiefst beunruhigt, wenn man das Kapital inte­grieren würde, da es die Commons stets nur zu verwerten versucht.

Was den Staat anbelangt, wäre ich sehr skeptisch, aber ich bin in dieser Beziehung insofern offen, als der Staat mit einer diskursiven Fiktion arbeitet, nämlich der Fiktion der Demokratie. Ich bin Demokrat. Ich will Demokratie. Meiner Meinung 
nach kann der Staat, wenn seine Demokratisierung tiefgreifend und er vom Kapital unabhängig ist – will sagen, insofern der Staat zu etwas anderem als dem heute exis­tie­renden geworden ist – durchaus ein Element der Commons-Ökologie werden. Nur 
wäre das dann etwas, was wir nicht mehr „Staat“ nennen würden. Ich habe ja bereits Marx’ Begriff der Assoziation freier 
Produzenten angesprochen, es wäre eine höhere Ordnung von Regulierung. Es 
käme auch darauf an, was wir erreichen wollen. Streben wir eine Welt mit unzusammenhängenden Ökogemeinschaften an, brauchen wir keinen Staat. Wollen wir aber eine Welt, in der es sowohl autonome Gemeinschaften unterschiedlicher Größe als auch unterschiedliche Institutionen gibt, die sich untereinander absprechen, dann brauchen wir da womöglich schon etwas: ein neues Paradigma des Staates.  

HT/RT: Hier in London ist ja das Kapital ausgesprochen präsent, mehr noch als der 
Staat. Wie könnte denn ein durch Commoning und die Commons definiertes London 
aussehen? Gäbe es da noch Privateigentum?

MDA: Das ist natürlich reine Spekulation, aber gehen wir mal von einer anhaltenden Welle von Commons-Bewegungen aus. Losgetreten womöglich von einer Krise 
von einigem Ausmaß – oder vielleicht einfach dadurch, dass die Leute nicht mehr so weiterleben wollen wie bisher. Was würde passieren? Das erste Szenario könnte in etwa folgendermaßen aussehen: Die City of London und die Eliten verwenden ihr ganzes Geld darauf, das Gemeinschaffen zu unterbinden und die Welt in eine Festung
zu verwandeln. Es ist ein Szenario, das rund um die Welt zu beobachten ist – in Form
von Gated Communities und Grenzanlagen. Vorstellbar wäre aber auch der Kollaps der Institutionen. Das Kapital könnte ab­­­wandern – in die eine oder andere ver­­blie­bene Hochburg des Geldes.

Das zweite Szenario wäre der Detroit-Effekt. Detroit war bekanntlich die Metro­pole des Autobaus und ist in dem Augenblick implodiert, in dem die Autoindustrie ver­schwand oder zumindest massiv reduziert wurde. Es passierte dort Folgendes: Ganze Nachbarschaften von Detroit wurden von ihren Communities übernommen, weil deren Lebensmittelversorgung versiegt war. Es gab keine Supermärkte mehr. Die alte Struktur, die im Tausch gegen Geld die Grundversorgung sicherte, war verschwunden; das hinterließ große Brach­flächen, die man gemeinschaftlich besetzen konnte. Und wozu besetzte man sie? Nun, ursprünglich zur Nahrungsmittelproduktion. Daraus entwickelte sich ein ganzes Netzwerk der Reproduktion.

Kurz gesagt, es würde sich ein neues 
Paradigma herausbilden, das zunächst einmal
für eine Neuordnung des Managements repro­duktiver Bedürfnisse sorgen würde: Nahrung, Bildung, Fürsorge. Was wiederum die Communities befähigen würde, das völlig autonom zu leisten. Und dann könnten verschiedene Regionen Europas zusam­menarbeiten, Wissen austauschen, Technologien, Prioritäten für die Zukunft teilen.

HT/RT: Könnten Sie beschreiben, was für Sie die Dynamik der Commons ganz speziell ausmacht?

MDA: Nun, da wäre das Konzept der Autonomie. Gemeinschaffen – das gemeinsame Handeln – ist die Kraft, die die Gemeingüter reproduziert. Gemeinschaffen bedeutet, gemeinsam die Regeln zu finden. „Gemeinsam handeln“ bedeutet für mich, Dinge ge­meinsam zu tun, ohne eine externe Instanz, die uns von oben herab sagt, was zu tun 
ist. Wir nehmen die Dinge selbst in die Hand. Das ist Autonomie.

HT/RT: Wenn Commons autonom sind, wie steht es dann um die Beziehung der Commoner zur Gesellschaft im Allgemeinen?

MDA: Commons existieren nicht völlig isoliert von ihrer Umwelt. Die Außenwelt greift immer wieder mittelbar in das Tun
der Commoner ein. Aber es herrscht eine große Autonomie; die Commoner setzen ihre eigenen Regeln. Elinor Ostrom hat nach langem Studium Prinzipien herausdestilliert, die für die Reproduktion und den Erhalt der Commons unabdingbar sind. Ihr zufolge funktionieren die Commons, wenn diese Prinzipien – etwa Transparenz und horizontale Kontrolle – erfüllt sind. Es gibt also, wenn wir Ostrom glauben, Werkzeuge, die die Commons zu langfristigen Phänomenen machen. Aber wir wollen nicht, dass nur kleine Gruppen zusammenkommen und ihr Ding machen. Wir wollen die Gesellschaft verändern. Das ist der Unterschied zwischen meiner Arbeit und der vieler anderer, die über die Commons schreiben. Ich schätze die kleinen Commons und ihre Anstrengungen, einen Teil ihres Lebens autonom zu repro­duzieren, aber andererseits müssen wir auf größere, kom­plexere Strukturen drängen, um die Welt zu verändern.

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1 Siehe Susan George: Eine andere Welt ist möglich – Das Weltsozialforum, dt. von Carla Krüger und Wolfram Adolphi, Berlin 2004

2 J. K. Gibson-Graham: The End of Capitalism (As We Knew It) – A Feminist Critique of Political Economy, Minneapolis 2006, S. 79–101

3 J. K. Gibson-Graham: A Postcapitalist Politics, Minneapolis, 2006. S. xxxiv

4 Siehe Henri Lefebvre: Die Produktion des Raums, dt. von Annett Busch, Leipzig 2018

5 Siehe David Harvey: Rebellische Städte – Vom Recht auf Stadt zur urbanen Revolution, dt. von Yasemin Dinçer, Berlin 2013

6 Siehe Michael Hardt und Antonio Negri: „Commonwealth – An Exchange“, in: Artforum, 48. Jahrgang, Heft 3 (Nov. 2009), S. 210–221

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