ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 54-61

ARCH+ 232

Berlin und die Stadt als Gemeingut

Von Heyden, Mathias /  Hiller, Christian /  Kaldenhoff, Max /  Ngo, Anh-Linh

Mathias Heyden 
im Gespräch 
mit Christian Hiller, Anh-Linh Ngo 
und Max Kaldenhoff

Anh-Linh Ngo: Mathias, Du bist aus der Ost-Berliner Instandbesetzungsbewegung der Nachwendezeit und der jüngeren Recht auf Stadt-Bewegung heraus zum Thema der Commons gekommen. Kannst Du den Weg von Deiner Praxis als aktivistischer, forschender und lehrender Architekt zu dem Thema nachzeichnen? Was heißt Commoning für Dich?

Mathias Heyden: Statt von Commoning und Commons spreche ich lieber von Gemeinschaffen oder Gemeingütern – 
letzterer ist ein Begriff, der das Gemeinsame und das Gut vereint. Er eröffnet die Frage, wie man ein Gut gemeinsam schafft. Dabei geht es um materielle und imma­terielle Güter, die entweder als natürliche Ressourcen oder als gemeinsam geschaf­­fene Güter weder öffentlich noch privatsind und allen und keinen gehören sollten. Dieses Verständnis provoziert ein grundsätzliches Fühlen, Denken und Handeln, das keine ideologische oder parteipolitische, sondern – auf der individuellen wie kollektiven Ebene – eine prinzipielle Auseinandersetzung verlangt.

Um Deine Frage zu beantworten, muss ich über meine Erfahrungen in der Berliner Stadtentwicklung aus der Top-down wie der Bottom-up-Perspektive sprechen. Ich kam im Herbst 1987 nach West-Berlin und hatte somit vor dem Mauerfall zwei Jahre Ge­legenheit, einen Eindruck vom damaligen Stadt-gemeinsam-selber-machen vor allem in Kreuzberg und Schöneberg
zu be­kommen. Zwar waren damals bereits gut die Hälfte der über 200 Anfang der 1980er-Jahre instandbesetzten Häuser in West-Berlin geräumt worden. Aber nicht zuletzt durch die von der Internationalen Bauausstellung 1984/87, 
vor allem der IBA-Alt, ausgehende behutsame Stadterneuerung wurden um­fangreiche Mittel zur Instandsetzung und Modernisierung gründerzeitlicher Be­stände bereitgestellt, so dass zahlrei­che Häuser und viele weitere Graswurzel­­­Initiativen an unterschiedlichen Orten in der Stadt erhalten werden konnten. Im Zuge dessen trafen unterschiedlichste Akteur*innen aufeinander, von Aktivist*in­nen über Wissenschaftler*innen bis hin zu Planer*innen und Politiker*innen, die sich Themen wie Partizipation oder 
Umweltschutz annahmen. Und wenn es um Selbstermächtigung, Selbstorganisation und Selbstverwaltung ging, wurde gerne der „Dritte Weg“ als gesellschaftspolitische Strategie angeführt.

ALN: Womit verband sich diese Hoffnung, die ja in der politischen Theorie des 20 Jahrhunderts eine lange Tradition hat und eine Alternative zwischen Kapitalismus und Kommunismus sucht?

MH: Mit der Öffnung der Berliner Mauer kamen buchstäblich über Nacht tausende leerstehende Wohnungen, Gewerbeflächen, Häuser und brachliegende Grundstücke in den Ostberliner Innenstadtbezirken als räumliche Ressource für eine dement­sprechende Entwicklung Berlins hinzu. Der realexistierende Sozialismus hatte ausgedient, und der marktwirtschaftliche Westen war von der Bräsigkeit der Helmut-Kohl-Ära dominiert. Unter dem Eindruck der DDR-Bürgerrechtsbewegung, die prägend in den Debatten am zentralen runden 
Tisch der DDR war, wurde unter anderem eine plebiszitär zu erarbeitende gesamt­deutsche Verfassung eingefordert.

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