ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 97-101

ARCH+ 232

Besetzung

Von ARCH+ /  Hinterbrandner, Angelika /  Westerheide, Jan

Von der Ersitzung zur Hausbesetzung – Historische Referenzen

Usucapio, die Ersitzung von Land, kann als erste rechtliche Regelung von Besetzung verstanden werden und existierte bereits um 450 v. Chr. im römischen Zwölftafelgesetz. Die Ansiedlung und die Urbarmachung von Land war vor der Privatisierung von Grund und Boden, aber auch noch im US-amerikanischen Homestead Act von 1862 der gängige Weg, Landbesitz zu erwerben. Gemäß letzterem wurde der Siedler nach fünf Jahren zum Eigentümer seiner Parzelle.

Von der Landbesetzung zur informellen Siedlung

Die erste große Bewegung von Landbesetzung in Europa formierte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. In Wien zogen unzählige Menschen an die Stadtgrenzen, um der Wohnungsnot und der prekären Versorgungslage zu entkommen: 50 Siedlungsanlagen mit rund 15.000 Wohneinheiten samt Gärten zur Selbstversorgung wurden aus dem Boden gestampft. Das Siedlungsamt der Gemeinde Wien wirkte unterstützend mit und legalisierte 
die Bauten. Aus einer ähnlichen Mangelsituation heraus entstanden die Gecekondu in der Türkei. Diese Armenviertel boten der Landbevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg die Möglichkeit des wirtschaftlichen Aufstiegs in den Großstädten Ankara, Istanbul und Izmir. Illegal, meist über Nacht errichtet, wurden die Bauten von der Regierung zunächst geduldet und ab 1966 teilweise legalisiert.

Diese Siedlerbewegungen gelten als Vorläufer der informellen Wohnformen in den heute schnell wachsenden modernen Megastädten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Eine Kombination aus ansteigender Zuwanderung und natürlichem Bevölkerungswachstum lässt Barackenstädte, Squatter-Siedlungen, Shanty Towns, Favelas und andere Formen informeller Siedlungen weltweit wachsen. Regierungen sehen sich gleichzeitig wachsenden Defiziten im Wohnungsbau sowie fehlender Bereitstellung städtischer Versorgungsleistungen und Infrastrukturen gegenüber. In den Entwicklungsländern leben gegenwärtig rund 40 Prozent der urbanen Bevölkerung in Behelfsbauten auf besetzten Grundstücken. Schätzungen der UN zufolge wird 2050 jeder Dritte auf diesem Planeten „informell“ wohnen.

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