ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 106-107

ARCH+ 232

Torre David – Experimentierfeld einer vertikalen Zukunft

Von Urban-Think Tank (U-TT)

Am 22. Juli 2014 gegen 
3 Uhr morgens, die Geräusche hastiger Schritte auf den umliegenden Stockwerken verstärkten sich, wurde Humberto Hidalgo klar, was da vor sich ging. Nicht wirklich überrascht und in Ermangelung von Alternativen beschloss er, es so geordnet wie möglich hinter sich zu bringen. Wenn er Glück hätte, wären er, seine Frau und seine zehn Kinder verschwunden, bevor die Polizei auf ihrem Geschoss eintraf. Nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten in Plastiktüten gepackt hatten, stieg die Familie die sechs Etagen auf nackten Betontreppen ins Erdgeschoss hinab und traf dort auf den Rest der Bewohnerinnen – die demnächst Ex-Bewohner des Torre David sein 
würden. Nach 14 Jahren informeller Besetzung im Zentrum der venezolanischen Hauptstadt Caracas schien das als „größte vertikale Besetzung der Welt“ bekannte Phänomen seinem Ende entgegenzugehen.

Der Schein kann jedoch trügen. In einer Stadt, in der Anfang und Ende (des Wohlstands oder der Demokratie) je nach befragter Person austauschbar sind, verweisen die aufeinanderfolgenden Lebenszyklen dieses Hochhausturms auf etwas Umfassenderes und Komplexeres. Der Bau des Gebäudes begann 1989. Es sollte das Kronjuwel des Finanzbezirks der Stadt werden, endete aber als gigantische Bauruine, die sich später – bis zu ihrer Räumung im Jahr 2014 – in ein hybrides Gefäß für eine kreative Hausbesetzergemeinschaft verwandelte. Seitdem steht der Turm größtenteils leer, mit Ausnahme kurzzeitiger, vereinzelter Besetzungen. Da die venezolanische Regierung derweil nicht in der Lage ist, adäquate Wohnlösungen zur Verfügung zu stellen, ist das Gebäude zum Sinnbild der Stadt geworden: Seine entropische Energie verbindet Anfänge und Enden, nicht mit Geburt und Stagnation, sondern eher mit dem Übergang von Ordnung zur Unordnung und umgekehrt.

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