ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 128-139

ARCH+ 232

The Siedlung in der Schweiz – Gesellschaft, Gemeinschaft, Genossenschaft

Von Markus, Elena

Die ersten Schweizer 
Konsumgenossenschaften folgen dem Beispiel der englischen Genossenschaftsbewegung, die in den frühen 1820er-Jahren mit Robert Owens kritischer Auseinandersetzung mit 
der kapitalistischen Produktionsweise beginnt. Er setzt der ungerechten Verteilung von Kapital und Produktionsmitteln eine genossenschaftliche „Vereinigung 
von Kapital, Arbeit und Geschicklichkeit“ entgegen, die als Produktions- und Wohngemeinschaft realisiert werden soll. Viele der ersten Genossenschaften dienen vor allem der günstigen Herstellung von Lebensmitteln durch gemeinschaftliches Besitzen und Bearbeiten von Boden, finden jedoch bald ihre konsequente Fortsetzung in den gemeinnützig organisierten Wohnbaugenossenschaften, zu deren Zielsetzung die nicht gewinnorientierte Bereitstellung von Wohnraum gehört.

Die große Vision aller Genossenschaftler lautet: freier Grund und Boden für jedermann. Ihr Feindbild ist die Großstadt, die nicht nur die bürgerlichen Sozialreformer als ernsthafte Zivilisationsgefahr erachten. Zu den Folgen der modernen Wirtschaftsordnung gehört die Bodenknappheit, deren Konsequenz eine „moderne Wohnungsnot“ unter den Arbeitern und Kleinbürgern in den großen Städten ist. Die Entfremdung ist ein weiteres Symptom des „unheimlichen“ modernen Zeitalters. Auch für Engels stellt sich die Großstadt als ein Mittel zur Unterdrückung der arbeitenden Klasse dar; nichtsdestotrotz betrachtet er die städtische Ware Boden als ein sekundäres Übel. Der historische Stadt-Land-Gegensatz und mit ihm auch die Wohnungsfrage können nach seiner Meinung nur durch eine Revolution und die darauffolgende Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise gelöst werden.

Die kleinbürgerliche Utopie der Sozialreformer sucht dagegen nach zeitnahen Lösungen ohne Umwälzung der gesellschaftlichen Ordnung. Ihr Augenmerk richtet sich unter dem Leitsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ auf die Herstellung sittlicher Zustände, im Sinne eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen Privatbesitz und gemeinschaftlicher Mitverantwortung – eine Position, die 1887 mit Ferdinand Tönnies’ Schrift Gemeinschaft und Gesellschaft ihre theoretische Untermauerung erhält

Die vermeintlich polaren Begriffe Gesellschaft und Gemeinschaft bilden in Wirklichkeit ein dichotomisches Paar. Erst mit dem Aufkommen moderner Gesellschaften erhält der Gemeinschaftsbegriff seinen zentralen Stellenwert. Der verklärende Blick in die Vergangenheit mündet einerseits in die Beschwörung nationalsozialistischer „Volksgemeinschaften“, sodass der Begriff zumindest im deutschen Sprachraum bis heute kompromittiert ist. Auf der anderen Seite gelten „scheinbare Gemeinschaften“ der bürgerlichen Klassengesellschaft schon bei Marx und Engels als Vorläufer einer künftigen „wirklichen Gemeinschaft“. Auch für die Genossenschaftsbewegung war und bleibt Gemeinschaft ein Leitbild, repräsentiert in der rechtlichen wie ökonomischen Organisation von Wohnbau- und Produktionsgenossenschaften und vor allem in der konkret-baulichen Gestalt einer Siedlung.

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