ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 174-179

ARCH+ 232

Kollektive Raumbildung und symbolisches Kapital

Von Hehl, Rainer

Architektur bedingt soziale Verhältnisse. Durch die gebaute Umwelt werden gesellschaftliche Verhaltensmuster konditioniert und Möglichkeitsräume für kollektive Praktiken hergestellt. Umgekehrt bildet die gesellschaftliche Struktur in ihrer politischen Verfassung, in ihrer ökonomischen und symbolischen Ordnung und in den Alltagspraktiken die Grundlage für die Erschaffung von Lebensräumen. Inwieweit Raumproduktion gesellschaftliche Verhältnisse abbildet oder die Entwicklung sozialer Strukturen beeinflusst, lässt sich daher nur in der Verknüpfung soziologischer und räumlicher Analysen beantworten. Eine solche Verschränkung der Disziplinen gewinnt heute vor allem deshalb an Bedeutung, weil die neoliberale Verwertungslogik und das Primat privatwirtschaftlicher Interessen den Zugang zu einer kulturgeschichtlichen Bewertung 
der gegenwärtigen Stadtproduktion verstellen. In den Überschneidungsbereichen zwischen Soziologie, 
Ethnologie und architektonischem Denken lässt 
sich nachzeichnen, wie sozial-räumliche Konstellationen die Ausbildung von 
kulturellem und symbolischem Kapital bestimmen.

Nach der Darstellung des italienischen Stadthistorikers Leonardo Benevolo kann die jahrtausendealte Geschichte der Stadt als eine Genealogie der „Organisation von Gesellschaft in konzentrierter und integraler Form“ begriffen werden. Benevolo zufolge ist Stadt ein integrales System, das die Gesamtheit gesellschaftlicher Verhältnisse zum Ausdruck bringt. Sie ist die materialisierte und konsolidierte Form sozialer Konstellationen und politischer Machtverhältnisse. Gleichzeitig wird durch die Art der territorialen Verwertung und räumlichen Produktion die gesellschaftliche Verfassung in ihrer ökonomischen, politischen und kulturellen Prägung entscheidend beeinflusst.

Inwieweit die kulturellen, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen die Gestalt einer Stadt bestimmen beziehungsweise inwieweit im Gegenteil die gebaute Umwelt die soziale Ordnung vorgibt, lässt sich wohl kaum eindeutig klären und muss im Einzelfall kontextspezifisch betrachtet werden. Dass sich eine Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht gänzlich in den vorherrschenden Stadtstrukturen ablesen lässt, liegt allein schon daran, dass die gebauten Strukturen den gesellschaftlichen Impetus zumeist überdauern und weiterwirken.

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