ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 182-183

ARCH+ 232

La Maloca Tukano

Von Mora, Maria C.

Die Tukano im Departamento del Vaupés im Südosten Kolumbiens sind, wie alle indigenen Kulturen der tropischen Wälder Amazoniens, unabhängige Gesellschaften. Sie leben verstreut in relativ kleinen Siedlungen, deren soziale Struktur auf Gleichheit beruht und in deren Mittelpunkt lokale Oberhäupter stehen. Die Basis für ihr wirtschaftliches, kulturelles und spirituelles Leben ist die Maloca. Eine Maloca ist ein großer hölzerner Bau, der als Unterkunft dient und gleichzeitig Raum für diverse andere Nutzungen bietet: als Dorf, Arbeitsort, Tempel oder sogar Begräbnisstätte. In einigen Teilen des Amazonasbeckens ist dieser Gebäudetyp, in dem mehrere Familien zusammenwohnen, auch heute noch gebräuchlich. Sein Aufbau folgt alten Traditionen. Die Maloca bildet den Mittelpunkt eines umfassenden räumlichen Systems, in dem sich das Weltbild der Tukano widerspiegelt. Dschungel, Fluss und Felder sind die übrigen Elemente dieses Systems, das mit symbolischer und metaphorischer Bedeutung aufgeladen ist. Die Maloca wird mit einem Mutterleib verglichen, in dem die Menschen im Wald geborgen sind. Darin werden sie zu Mitgliedern einer Gemeinschaft, die wiederum mit dem Bau einer Maloca entsteht.

Die Maloca der Tukano kann rechteckig oder rund sein und bietet Wohnraum für bis zu 80 Personen. Sie besteht aus einer hohen Hauptstruktur aus hölzernen Pfosten, die ein Dach aus geflochtenen Palmblättern tragen. Der Innenraum ist durch keinerlei Wände oder andere Trennelemente unterteilt und wird für verschiedenste häusliche Tätigkeiten wie auch Rituale genutzt, die zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten abhängig vom Ritualkalender durchgeführt werden. Der Bau hat zwei Türen, die „männliche“ zeigt nach Osten, die „weibliche“ nach Westen oder Südwesten. Die einzigen sonstigen Öffnungen sind die Stirnseiten des Dachfirstes, die ebenfalls nach Osten und Westen ausgerichtet sind. Diese beiden Öffnungen verwandeln das Haus gewissermaßen in eine Sonnenuhr: Am Stand des im Tagesverlauf wandernden Lichtstreifens auf feststehenden Elementen wie Pfosten, Balken oder dem Boden lässt sich die Zeit ablesen.

In der Maloca wird gemeinsam gegessen, gearbeitet, geschlafen und getanzt. Individuelle Privatsphäre wird mehr durch das Verhalten des Einzelnen erzeugt als durch den Raum selbst. Allein dadurch, dass eine Person sich beispielsweise der äußeren Umfassung anstatt den Mittelpfosten zuwendet, kann sie sich in ihren privaten Raum zurückziehen.

Die Produktion (Fischerei, Jagd und Ernte) orientiert sich an den Bedürfnissen der Gruppenmitglieder und nicht an den technischen Möglichkeiten oder dem Potential der Umgebung. Alle Familien haben Zugang zu den notwendigen Ressourcen und können ihre Produktion selbst steuern. Die Verteilung dieser Ressourcen innerhalb der Familie und unter der in der Maloca lebenden Verwandtschaft erfolgt weniger als kalkulierter Tauschhandel als vielmehr nach dem Prinzip gegenseitiger Großzügigkeit. Die Triebkraft dieser Wirtschaft liegt, wie auch ihre Beschränkung, in einer Ideologie, die jeden Überfluss ablehnt und die Ausbeutung der Wälder und Flüsse über die unmittelbaren Bedürfnisse der dort ansässigen Gruppe hinaus verurteilt. Wer mehr jagt oder fischt als er für den eigenen Haushalts benötigt, wird, so die Überzeugung, mit übernatürlichen Strafen belegt und von Krankheit, Unfall oder Tod getroffen.

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!