ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 226-229

ARCH+ 232

Subtraktion – Momente der Vergemeinschaftung im Großwohnungsbau

Von Tajeri, Niloufar

Rund zehn Millionen Wohnungen wurden in der Nachkriegszeit – in Westdeutschland bis in die 1970er-Jahre, in Osdeutschland bis in die 1980er-Jahre – errichtet. Das ist mehr als ein Viertel des gesamten Wohnungsbestandes der Bundesrepublik. Knapp vier Millionen davon finden 
sich in mit bauindustriellen Methoden errichteten Großsiedlungen von je mehr als 500 Wohneinheiten. 
Das westdeutsche Wohnungsbauprogramm wurde durch öffentliche und private  Wohnungsunternehmen, Genossenschaften und Privatpersonen umgesetzt, die durch staatliche Förderprogramme finanzielle Anreize für den Bau von Sozialwohnungen erhielten. Heute herrscht Einigkeit darüber, dass die Wohnanlagen und Siedlungen  der Nachkriegszeit aufgrund der hohen Anzahl der Wohneinheiten für die soziale Wohnraumversorgung unverzichtbar sind. Pauschale Stigmatisierungen, die Großsiedlungen lange Zeit begleiteten, sind spätestens seit der eklatanten Wohnungsknappheit in deutschen Großstädten sowie der positiven Auswirkungen des Städtebauförderprogramms „Soziale Stadt“, aber auch aufgrund ihrer fotografischen Ästhetisierung in sozialen Netzen und Ausstellungen Vergangenheit. Ihre neue Wertschätzung lässt sich auch auf ihre bauliche Dichte und gut geschnittenen Wohnungsgrundrisse zurückführen, da das verdichtete Zusammenleben in der Stadt auch vor dem Hintergrund ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit Zuspruch erfährt. Als Modellform des Zusammenlebens oder als Gemeingut wird es dagegen selten betrachtet. Zu sehr ist das Image der Großwohnanlagen geprägt von vereinzelten Wohneinheiten, fehlenden oder nicht genutzten Gemeinschaftsräumen und zufälligen, nicht selbst gewählten nachbarschaftlichen Beziehungen.

Die Bezeichnung „gemeinschaftliches Wohnen“ wird aktuell vorrangig für neue genossenschaftliche Wohnformen verwendet, „bei denen mehrere Haushalte an einem Wohnstandort jeweils in separaten Wohnungen leben, sich aber für das gemeinschaftliche Leben, eine gegenseitige Unterstützung oder die Verfolgung eines gemeinsamen Lebensgrundsatzes entschieden haben“. Auch der Aspekt der Selbstorganisation durch die Bewohner*innen spielt eine tragende Rolle. Diese Definition des Deutschen Instituts für Urbanistik setzt eine relativ homogene Bewohnerschaft voraus, die gemeinsame Lebensgrundsätze verhandeln und festlegen muss. Im Bestand der Nachkriegszeit hingegen haben sich Nachbarschaften gebildet, die in ihrer sozialen, ethnischen und lebensweltlichen Zusammensetzung äußerst heterogen sind. Sie haben sich nicht explizit dafür entschieden zusammenzuleben, tun dies dennoch in unterschiedlicher Intensität und gehen verschiedene soziale Beziehungen miteinander ein; sie haben aber auch die Option, dies nicht zu tun.

Durch jahrzehntelange Mietzahlungen und durch die Nutzung allein haben sie den Bestand belebt, instand gehalten und somit in ihn investiert. Die Bewohner*innen beleben, pflegen und gestalten die Wohnanlagen, geben ihnen Bedeutung. Und dennoch wird der Bestand weder von ihnen noch den Eigentümer*innen als „ihnen zugehörig“ im Sinne eines „gesellschaftlichen“ Gutes und ihre Wohnform nicht als „gemeinschaftlich“ begriffen.

 

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