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ARCH+ 232


Erschienen in ARCH+ 232,
Seite(n) 237-254

ARCH+ 232

ARCH+ features: Working Men's Club

Von Trapp, Harald /  Thum, Robert /  Hoy, Brian

Mit vier Millionen Mitgliedern waren die Arbeiterklubs in Großbritannien am Anfang 
der 1970er-Jahre eine der größten unabhängigen Vereinigungen weltweit. Seitdem haben ein 
radikaler Wandel in der Freizeitkultur, höhere Mobilität, der Zerfall gesellschaftlicher 
Gruppen, aber auch gesetzliche Änderungen wie das Rauchverbot zu einem stetigen 
Rückgang der Mitgliederzahlen geführt. Das Aufkommen der Sozialen Medien hat die 
Situation weiter verschärft. Heutzutage ist die große Nachfrage nach Klubhäusern mit Interieurs aus den 1970er- und 1980er-Jahren als Kulissen für Fotoshootings und Filme bezeichnend für die Nostalgie um die aus der Zeit 
gefallenen Institutionen. Dieses kommerzielle Potential, das einige Klubs wie der Bethnal Green Working Men’s Club in East London zu ihrem finanziellen Vorteil genutzt haben, 
verweist aber zugleich auf Probleme, die durch die Vermischung einer hedonistischen und profitorientierten Kultur mit der gemeinschaf­t­lichen Tradition des sozialen Klubs einher­gehen.

Als Mitte des 19. Jahrhunderts in Großbritannien immer deutlicher wurde, dass die Verelendung der Arbeiterschaft die neue ka­pitalistische Ordnung ernsthaft gefährden 
könnte, wurde das soziale Modell der Herrenklubs der Oberschicht auf die Arbeiterklasse übertragen. Arbeiterklubs waren somit zugleich ein Instrument der Kontrolle und der Reform; sie hatten die Aufgabe, in den Worten ihrer bürgerlichen Initiatoren, den „moralischen Niedergang der Gesellschaft“ aufzuhalten. Sie sollten insbesondere den Mangel an öffent­lichem Raum für Bildungs- und Freizeitaktivitäten beheben und waren als eine Alternative
zu Pubs gedacht, in denen sich nach Meinung der Sozialreformerinnen der Alkoholmissbrauch als sozial destruktiv erwies.

In einem allgemeineren Sinne, das heißt als bauliche Manifestation gemeinschaftlicher Funktionen und Repräsentation, geht die Idee der Arbeiterklubs auf weit ältere kooperative Modelle in Europa zurück, etwa auf jene der mittelalterlichen Zünfte, jedoch mit dem wesent­lichen Unterschied, dass bei einer Zunft 
die Arbeiter vom Besitz ihrer eigenen Produktionsmittel profitierten. Der hohe Grad an fachlicher Spezialisierung in den mittelalter­lichen Ökonomien stand der räumlichen 
Trennung von Wohnen und Arbeiten entgegen. Sowohl Handwerker als auch Kaufleute führten ihre Geschäfte noch in Gebäuden, die Wohnstätte und Werkstatt zugleich waren. Diese räumliche Einheit zerbrach erst nach den Einhegungen der Allmenden, als die 
Bauern Stück für Stück vom Land vertrieben und zu Lohnarbeiterinnen und Pächtern in den Städten gemacht wurden. Marx war einer der ersten, der darauf hinwies, dass der 
Kapitalismus nicht nur eine neue Wirtschaftsform geschaffen hatte, sondern auch Pro­duktion und Reproduktion voneinander trennte. Für die Reproduktion von Gesellschaft und Wirtschaft müssen aber sowohl der Kapitalist als auch die Arbeiterin einen Teil ihres Ertrags nutzen, um den Produktionsprozess am Laufen zu halten. Laut Massimo De Angelis geschieht dies durch Commoning und liegt damit außerhalb profitorientierter Motive: „Das Kapital kontrolliert nicht notwendigerweise (oder nur teilweise durch den Staat 
und das Bildungssystem) die Reproduktion, die für die Commons grundlegend ist.“

Im Idealfall sind Arbeiterklubs selbstorganisierte Einrichtungen, die sich im ge­meinschaftlichen Besitz ihrer Mitglieder befin­den und in partizipativen Strukturen betrie­ben werden. „Wenn wir nicht von den neoklassischen Nutzen- und Gewinnmaximierungsfunktionen ausgehen, sondern annehmen, 
dass Menschen in verschiedenen Kontexten ihren optimalen Weg finden, Güter zu teilen, unabhängig vom Grad der Rivalität und 
Ausgrenzung, indem sie Kriterien und Maß­stäbe anlegen, die nicht nur auf Eigeninteresse beruhen, sondern auch auf der Wertschät­zung gegenseitiger Hilfeleistung, Solidarität und Zugewandtheit in verschiedenen Kontexten, dann entspricht die Vorstellung von Klubgütern, die von einer Gruppe von Menschen unterschiedlicher Anzahl geteilt werden, ziemlich genau dem Verständnis von Gemeingütern oder Gemeinwohl, die ich 
als ein konstitutives Element von Commons-
Systemen verstehe.“

 

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