ARCH+ 233

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Erschienen in ARCH+ 233,
Seite(n) 18-19

ARCH+ 233

Normkulturen

Von Oswalt, Philipp

(01) Normierung gehört neben Finanzierung und Technik zu den zentralen Bedingungen des heutigen Baugeschehens. Mit der Industrialisierung setzte Ende des 18. Jahrhunderts von England ausgehend die ­Normierung von Produkten und Prozessen ein, die grundlegend für Massenproduktion, Arbeits­teilung und Globalisierung ist. Die Architekten der klassischen Avantgarde sahen in ihr nicht nur das Potential, die Effizienz zu steigern, sondern auch die Gestaltung zu versachlichen und Formen unabhängig von subjektiven Geschmacksurteilen zu generieren. Normen standen für Gleichheit, Rationalität und Fortschritt und verkörperten damit zentrale Werte der Moderne. In den fortschrittsfreudigen Strömungen der modernen Architektur blieb dieses Denken mit utopischen Entwürfen und experimentellen Bauten bis in die 1970er-Jahre einflussreich. Doch mit der dann einsetzenden Technik- und Fortschrittskritik verfolgten die Architekten das Thema nicht weiter und überließen es der Bauindustrie und den Ingenieurwissenschaften.

Heute gibt es im Bauwesen zwar mehr Normen als je zuvor, aber sie spielen, außer den allfälligen Klagen darüber, im Architekturdiskurs keine Rolle.

Die Bedingungen, welche neuen Bauwerken vorausgehen und den Umgang mit der gebauten Umwelt prägen, gar bestimmen, werden wenig beachtet. Das gilt für ­Finanzierungen wie für Formen der Bauherrenschaft, für Patente wie für Normen. Es bedarf eines anderen Architekturdiskurses und der Theoriebildung, die nicht an der Oberfläche der Phänomene verharrt, sondern die zentralen Fragen einer Baukultur wieder in den Blick nimmt und damit auch das Normwesen einer kritischen Analyse und kulturellen Reflektion unterzieht.

 

(02)  Gegenüber den 1920er-Jahren hat sich die kulturelle Bewertung von Normen und Standards in ihr Gegenteil verkehrt. In unserer Zeit, die von den Leitmotiven der Individualität und Kreativität geprägt ist, werden Normen als bürokratischer Ballast angesehen. Symptomatisch dafür ist beispielsweise, dass die Stiftung Bauhaus Dessau bei der Ausschreibung von Künstlerstipendien unter ihrem aktuellen Jahresthema des Standards unter anderem die Frage aufwirft:

„Welche Möglichkeiten der Übertretung von Standards gibt es im künstlerischen Bereich?“

Doch die gegenwärtige Verunglimpfung von Normen ist ebenso unangebracht wie ihre unkritische Idealisierung angesichts des Normversagens bei Katastrophen wie dem Brand des Grenfell Towers in London oder dem Einsturz des Rana Plaza Gebäudes in Bangladesch. Beide Sichtweisen verkennen die grundlegende Janusköpfigkeit normativer Regle­ments, die gleichermaßen repressiv wie emanzipativ wirken können. Die vermeintliche „Deregulierung“ des sogenannten Neoliberalismus hatte keineswegs befreienden Charakter, sondern hat lediglich der Dominanz wirtschaftlicher, monetärer Regulierungen den Weg geebnet. Heute droht das Erstarken des Rechtspopulismus die Demontage einst gesellschaftlich erkämpfter Werte oder Normen nach sich zu ziehen.

 

(03) Normen können als Mittel der Kommunikation verstanden werden, die Schnittstellen für ein Zusammenwirken verschiedener Akteure schaffen. Sie erlauben, dass verschiedene Unternehmen Bausteine zu ­einem Produkt liefern oder Juristen sich mit fachfremden Sachverhalten (wie etwa des Bauwesens) befassen können. Normen stellen eine Art Black-Box dar, die man nicht verstehen muss, sondern auf die man sich verlassen kann (oder können sollte). Auf diese Weise reduzieren sie Komplexität und Gestaltungsfreiheit auf einer unteren Ebene, um neue Arten von Komplexität auf übergeordneten Ebenen zu ermöglichen. Während in vormodernen Gesellschaften das Produktionswissen bei den Handwerkern lag, hat es sich mehr und mehr in die Produkte und Regeln verlagert. ­Die Normierung ermöglicht eine einfache Produktionskontrolle, so dass Waren von ­weniger qualifizierten Arbeitskräften kostensparend gefertigt werden können. Produkte verschiedener Hersteller be­zie­hungs­wei­se Provenienz können in ein Gesamtsystem von gesicherter Qualität zusammengefügt werden, was global verteilte Produktionsketten ermöglicht.

 

(04) Normen sind nicht neutral oder objektiv, sondern beinhalten eine implizite, quasi verborgene Agenda, der die sichtbare und explizite Dimension der Normen (etwa die Festlegung von Abmessungen oder Bestandteilen) untergeordnet ist. Ziel der Normierung von ­Gegenständen und Prozessen ist die Schaffung übergeordneter Systeme. Die erste DIN-Norm in Deutschland legte 1918 die Abmessung eines Kegelstifts für ein ­Maschinengewehr des Ersten Weltkriegs fest. Ziel war dabei nicht die Gestaltung des Maschinengewehrs selbst, sondern ein System zu seiner Herstellung, Wartung und Nutzung zu entwerfen. In kapitalistischen Wirtschaftssystemen zielt Normierung vor allem darauf, Märkte für Produkte zu formen. Das deutsche DIN-Institut bekennt sich offen dazu, Industriepolitik zu betreiben. Die Gestaltung von Märkten schafft einerseits neue Marktzugänge, erschwert aber auch Akteuren und ihren Produkten den Marktzugang oder schließt sie sogar aus.

 

(05) Das Normwesen des 19. und 20. Jahrhunderts war durch den Fordismus des Industriezeitalters ­geprägt. Die Normierung wiederkehrender Prozesse beförderte eine Economy ­of Scale. Heute stellt sich die Frage, wie das zweite Maschinenzeitalter, das heißt die Ära der Digitalisierung, Normung verändert oder gar obsolet macht. Bereits in den 1970er-Jahren sprach man davon, dass Mass Customization die Serienfertigung ablöst. Die Anpassung von Produkten an persönliche Präferenzen ist mehr und mehr Realität geworden.

Die Anwendung von Algorithmen und Big Data wirft zudem die Frage auf, ob starre Normen durch dynamische Regelungen in selbstregulierenden Systemen ersetzt werden.

Tritt autonome Datenverarbeitung an die Stelle ­zivil-
gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, da die versteckten Absichten hinter den Normen bereits in den Programmierungen der Codes eingeschrieben sind? Doch auch der Differenzierung und Dynamisierung entgegengesetzte Trends sind festzustellen. Das iPhone etwa wurde über eine Milliarde Mal hergestellt, und manche IT-Komponenten werden weltweit nur von ein oder zwei Herstellern produziert. Im Zeitalter des Plattform-Kapitalismus werden herstellerübergreifende, zwischen verschiedenen Akteuren ausgehandelte ­Normen mehr und mehr durch Vorgaben einzelner ­Unternehmen ersetzt, die in ihren Marktsegmenten Monopolstellungen erreicht haben, ob es sich etwa ­um ­Macintosh, Windows, Google, Amazon oder im Bau­bereich die BIM-Software Revit handelt. Die Regulationsregimes der Normung sind – wenig überraschend – nicht allein von technischen Möglichkeiten, sondern mehr noch von Machtkonstellationen und Interessenlagen abhängig.

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