ARCH+ 233


Erschienen in ARCH+ 233,
Seite(n) 50-59

ARCH+ 233

Qualitätskontrolle

Von Vossoughian, Nader

Von allen Dingen in der Welt, die der Mensch messen kann, ist kaum etwas schwerer zu fassen als Qualität. Gleichwohl, oder gerade deshalb, trieb die Qualitäts­messung Ingenieure wie Industriemanager seit Jahrzehnten um. Im vergangenen Jahrhundert bildete die Qualität für eine ganze Reihe von Architekten, Gestaltern und Industrieingenieuren das zentrale Anliegen. In meinem Essay steht die Beziehung Deutschlands zur Qualität – und ganz besonders zur Qualitätskontrolle – im Mittelpunkt der historischen Betrachtung, da uns diese Beziehung einen höchst aufschlussreichen Einblick eröffnet, durch den Geschichte und Politik der Normierung verständlich werden. Denn Nor­mierung ist, geläufigen Auffassungen zum Trotz, nicht synonym mit Mechanisierung, vielmehr stellt sie eine Form der Normalisierung dar, und zwar eine, die Wertvorstellungen und Verhaltensmuster ebenso prägt wie Prozesse und Dinge. 
Normen zentralisieren Verfügungsmacht: Sie geben Industriemanagern, Finanziers und Wirtschaftsprüfern Werkzeuge an die Hand, die sie zur Quantifizierung und Einschätzung von Produktivität nutzen können. Gleichermaßen macht die Qualitäts­kontrolle Abweichungen von der Norm sichtbar. Sie zählt, misst und prüft.

Wann genau Qualität zum Gegenstand einer theoretischen Debatte in den angewandten Künsten und in der Gestaltung wurde, ist noch kaum erforscht, zumindest, was die deutschsprachige Welt betrifft. Klar ist jedoch, dass sie bereits zur vorletzten Jahrhundertwende den Charakter eines religiösen Gebots hatte: Sie war verbunden mit der Idealisierung der Arbeit und mit dem verknüpft, was Max Weber „protestantische Ethik“ genannt hat. Später dann, im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, assoziierte man Qualität oft mit Nationalismus und individuellem Ausdruck; dies trifft ganz besonders für den Kontext des 1907 von Künstlern, Architekten und Politikern gegründeten Deutschen Werkbunds zu, dem unter anderen Hermann Muthesius, Henry van de Velde und Friedrich Naumann angehörten. Qualität war ein Beweggrund hinter Muthesius’ Ruf nach Typisierung, das heißt seine hohe Wertschätzung „typischer“ Entwurfslösungen. Doch bildete die Qualität auch die Motivation hinter van de Veldes Ruf nach dem freien Willen des Einzelnen und der Autonomie der Künste.

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