ARCH+ 233

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Erschienen in ARCH+ 233,
Seite(n) 188-189

ARCH+ 233

Pixelarchitekturen

Von Oswalt, Philipp

Seit Jahrzehnten quälen Architekt*innen sich und andere mit dem falschen und unhaltbaren Versprechen, mit vorfabrizierten Modulen ließe sich billiger, flexibler und schneller bauen. In einer Architekturgeschichte des Scheiterns hätte diese Illusion einen prominenten Platz. Am besten kämen noch die Abertausenden von Projekten davon, denen eine Realisierung erspart blieb – angefangen mit Walter Gropius’ „Baukasten im Großen“ von 1923. Sie können sich hinter dem Mythos verschanzen, dass ihre genialen Ideen von einer ignoranten Gesellschaft verkannt wurden. Den umgesetzten Ideen blieb die Peinlichkeit einer Überprüfung in der Realität nicht erspart.

Am härtesten trifft es jene, deren Bauten wieder abgerissen wurde, wie etwa die Metastadt Wulfen von Richard J. Dietrich (siehe ARCH+ 100/101). Gnädig ist die Geschichte vor allem mit jenen, denen die Kosten aus dem Ruder liefen. Die Investitionen sind längst abgeschrieben, die Verluste realisiert; nun unbeschwert von profanen finanziellen Fragen können sie von ihren Architekturgroupies bewundert werden, wie etwa Gropius’ Siedlung Dessau-Törten und Moshe Safdies Habitat 67 in Montreal. Wenn der Begriff des Postfaktischen nicht in Mode gekommen wäre, hätte er hierfür erfunden werden müssen. Denn den Bewunder*innen dieser Bauten gelingt es, gegen jede Empirie und Evidenz ihre Kultobjekte mit jenen Werten moralisch aufzuladen, mit denen ihre Schöpfer*innen sie einst begründeten, selbst wenn sie in der Praxis das blanke Gegenteil verkörperten.


Wie angenehm befreiend sind daher jene Architekt*innen, die sich ohne solche bemühten Rechtfertigungskonstruktionen ganz offen zu ihrem Formalismus bekennen. Die Modul- und Rasterstrukturen in der Architektur der 1970er-Jahre – ob bei Superstudio, Oswald Mathias Ungers und Peter Eisenman – kamen ohne moralischen Ballast aus und haben den Weg gebahnt für das heutige Revival der Modulbauweise. Nun geht es nicht mehr um vermeintliche praktische Vorzüge, sondern um Konzept, Form und Symbol. Ob MVRDV oder BIG, Herzog & de Meuron oder Frank Gehry, OMA, Graft oder Ole Scheeren, die meisten der international angesagten Architekturbüros produzieren dieser Tage „Pixelarchitekturen“, fast als wären die digitalen Modelle aus den Minecraft-Computerspielen ihrer Kinder versehentlich von den Ausführungsabteilungen ihrer Büros prozessiert worden. In ihrer Schwarmästhetik können sie als Ausdruck des digitalen Zeitalters verstanden werden, als skulpturale QR-Codes, als kulturelle Reflexion über das Spannungsfeld zwischen Hyperindividualismus und Plattformkapitalismus.

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