ARCH+ 233


Erschienen in ARCH+ 233,
Seite(n) 214-219

ARCH+ 233

„Eine Tür verändert sich nicht, nur weil sie das Haus wechselt.“

Von Rotor /  Ghyoot, Michaël /  Seys, Sophie /  Enders, Kilian

Das 2005 gegründete Brüsseler Kollektiv Rotor richtet seinen Arbeitsschwerpunkt auf den Materialkreislauf im Bauwesen. Mit einem interdisziplinären Ansatz sensibilisieren sie in Studien, Ausstellungen, Texten und Konferenzbeiträgen für die Materialwiederverwendung. Darüber hinaus hat Rotor die kommerzielle Verwertung von Abbruch­material entscheidend vorangebracht. Der Berliner Architekt Kilian Enders,
Teil der Gastredaktion dieser Ausgabe, sprach mit Michaël Ghyoot und Sophie Seys, zwei der Teammitglieder von Rotor, über Recycling in der Architektur.

 

Kilian Enders: Rotor ist in zwei Bereiche aufgeteilt – Rotor ASBL und Rotor DC. Womit befassen sich diese Bereiche jeweils?

Michaël Ghyoot: 2005 wurde zunächst Rotor ASBL gegründet, das als Non-Profit-Organisation den Materialkreislauf in der Industrie und insbesondere im Bausektor erforscht. Wir werden von unterschiedlichen Auftraggebern mit Rechercheprojekten beauftragt, sind aber auch an Neubauten beteiligt, dabei vor allem am Innenausbau. Über Publikationen, Kolloquien oder Ausstellungen arbeiten wir darüber hinaus an der Sensibilisierung für das Thema der Materialwiederverwendung. Daneben besteht seit 2016 Rotor DC als eigenständiges Unternehmen, das im Rückbau von Gebäudeelementen und deren anschließendem Verkauf auf dem Markt für Baumaterialien tätig ist. Heute umfasst unser Team insgesamt 20 Personen aus unterschiedlichen Fachgebieten, von denen etwa zwei Drittel bei Rotor ASBL arbeiten.

 

KE: Könnt Ihr beziffern, wieviel Baumaterial heute wiederverwendet oder recycelt wird?

MG: In der Region Brüssel, wo wir an­ge­siedelt sind, werden jährlich rund 600.000 Tonnen Baumaterialabfall durch Abriss und Neubau produziert. Hiervon werden etwa 80 bis 90 Prozent recycelt, darunter fällt zum Beispiel auch die Ver­­­ar­beitung von Beton zu Granulat. Wir schätzen, dass demgegenüber weniger als 1 Prozent der Abfallmenge wiederver­wendet wird – aber das sind Zahlen, die noch durch Studien bestätigt werden müssen. Umgekehrt wird bei Neubauten weniger als 1 Prozent benutztes Baumaterial ver­baut. Unser Ziel ist diesen Anteil auf 2 Prozent zu verdoppeln.

 

KE: Welche Vorteile seht Ihr in der Wiederverwendung von Baumaterialien?

MG: Für uns liegt im Wiederverwenden das Potential, den Bausektor und die gängige Baupraxis kritisch zu betrachten und etablierte Verfahrensweisen zu hinterfragen. Dabei werden ökonomische, ökologische, juristische, kulturelle und viele weitere Ebenen adressiert. Ökologisch gesehen ist es meist sehr viel besser, alte Materialien wiederzuverwenden als neue zu produzieren, da man eine Menge Energie einspart. Ökonomisch ist es interessant, weil ein Wertschöpfungspotential besteht. Es wird ein ökonomischer Wert aktiviert, der sonst als Müll ver­­­loren wäre. Außerdem werden viele Arbeits­plätze mit geringer Umweltbelastung ge­­­schaffen. Und wir betonen natürlich auch die kulturelle Dimension, weil durch die wiederverwendeten Materialien ein historischer oder kultureller Mehrwert entsteht.

Sophie Seys: Aber wir propagieren das nicht um jeden Preis. Rotor behauptet nicht, dass alle drei Vorteile grundsätzlich garantiert sind und dass das Wiederverwenden üblichen Baumethoden in jedem Fall vorzuziehen wäre.

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