ARCH+ 233


Erschienen in ARCH+ 233,
Seite(n) 224-240

ARCH+ 233

ARCH+ features: Eine neue Ethik des Heterogenen

Von Brandlhuber, Arno /  Kuhnert, Nikolaus /  Ngo, Anh-Linh /  Burlon, Thomas /  Morra, Annalena /  Overmeer, Erica /  Becker, David von

Arno Brandlhuber im Gespräch mit Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo über das Terrassenhaus Berlin

 

Anh-Linh Ngo: Ich möchte mit einer kurzen Einführung beginnen. Die Ausgabe, in der dieses Feature erscheint, behandelt das Thema der Norm, genauer gesagt geht es um die Prozesse der Normung, der Normierung und der Normalisierung. Dieser Dreischritt beginnt also auf einer technischen Ebene und mündet in eine gesellschaftliche Debatte. So können wir zum Beispiel nicht über unser heutiges normiertes Maßsystem des Meters und des Kilogramms sprechen, ohne auf dessen Ursprung in der Französischen Revolution zu verweisen. Es ersetzte ein System, in dem jeder Seigneur in seinem Herrschaftsgebiet seine eigenen Maße und Gewichte führte. Als dieser Stand, der das Privileg hatte, Normen zu setzen, buchstäblich geköpft wurde, trat im Sinne der Gleichheit ein universelles System an die Stelle der chaotischen Vielfalt des Ancien Régime.

Man darf daher bei aller berechtigter Kritik an der Überfülle restriktiver Normen heute nicht den sozialen und auch demokratischen Charakter der Norm aus den Augen verlieren. Entsprechend ist dieses Feature im Kapitel Normkonflikte ein-gebunden. Die Frage lautet schließlich: Wie kann man diese Konflikte so gestalten, dass sie produktiv werden? Also gerade nicht, wie immer verkürzt argumentiert wird: gegen oder für die Norm. Es geht letztendlich um das Thema, das wir immer wieder mit Dir besprochen haben: Früher hieß es Flexibilität, heute sprechen wir von der Aneignungsoffenheit. Im Grunde genommen geht es um die Überwindung des Idealismus der Moderne. So würde ich unser Gespräch framen wollen.

 

Arno Brandlhuber: Ich würde mal die These aufstellen, dass die Moderne für uns heute das Ancien Régime darstellt. Normierung und Kodifizierung nicht nur des Bauens, sondern der gesellschaftlichen Verhältnisse sind allgemein soweit fortgeschritten, dass es kaum noch Spielräume außerhalb dieser Normen gibt. Die Feststellung der verlorenen Handlungsfähigkeit von Architekt*innen legt den radikalen Schluss nahe, dass wir dem System in gewisser Weise den Kopf abschlagen müssen, um wieder handlungsfähig zu werden.

 

Nikolaus Kuhnert: Das Ancien Régime war ein Regime der Vielfalt. Das betrifft nicht nur das Maßsystem, sondern jeder hatte auch seine eigene Kleidung entsprechend seines gesellschaftlichen Standes. Mit der Französischen Revolution etabliert sich die Idee der Gleichheit, die heute wieder negativ konnotiert ist. Vor allem die Konservativen erheben den Vorwurf, dass Gleichheit Gleichmacherei bedeute. Betrachten wir die Geschichte der Normung auf der Ebene des Wohnens, das heißt im Hinblick auf die Einführung des sozialen Wohnungsbaus seit den 1920er-Jahren als Entwurf für eine neue Lebensform, ergibt sich ein ambivalentes Bild: Die Maße der Sozialwohnung wurden durch das Dritte Reich kodifiziert, und im Wiederaufbau wurde das, was einmal ein Lebensentwurf für eine neue Gesellschaft war, quasi normiert – verschiedene Räume dürfen nur eine bestimmte Größe haben, wenn sie öffentlich gefördert werden.

Hier setzt der konservative Vorwurf der Gleichmacherei an. Damit entstand etwas, was man heute allgemein als Kritik an der Moderne formuliert: Alles ist gleich, ohne jeden Spielraum für das Individuum. In den 1960er-Jahren kam deshalb das Thema der Flexibilität auf, der Versuch von Reformgruppen, den Grundriss wieder ins Fließen zu bringen. Die Flexibilisierung der Lebensstile war auch eine Polemik gegen die Tatsache, dass alles vorbestimmt ist und der Staat für alles sorgt. Wir haben das bereits vor fast dreißig Jahren in der Ausgabe 100/101 von ARCH+, Service Wohnung, thematisiert, die nach Möglichkeiten suchte, den Idealismus der Moderne zu überwinden, und den Grundriss für unterschiedliche Gebrauchsformen zu öffnen. Das Heft erschien zu einem Zeitpunkt, als das Scheitern der Moderne unumkehrbar schien, nicht nur bezogen auf den architektonischen Diskurs, sondern auch auf ihr gesellschaftliches Projekt. Hier setzt aus unserer Sicht das Terrassenhaus Berlin an. Es beginnt damit, dass es eigentlich keine Wohnbebauung ist, sondern eine Mischform aus Wohn- und Arbeitsräumen bereitstellt.

 

AB: Das nimmt zwei unterschiedliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf. Zum einen die gesellschaftliche Flexibilisierung, die dem Diktum des Neoliberalismus folgt und zu prekären Lebenssituationen führt. Zum anderen die neuen Lebensstile – die jedoch gewiss auch in Verhältnis zu Ersterem stehen. In beiden Fällen wird  die Trennung von Wohnen und Arbeiten, wie sie die Moderne eingeführt hat, immer weniger haltbar. Die Standardwohnung „2 Zimmer, Küche, Diele, Bad“ für die Kernfamilie wird als Ideal hinfällig. Wir, als planende Architekt*innen, übersehen häufig  den Umstand, dass Normen stark sozial gedacht sind.

Dies drückt sich in der Gesetzgebung darin aus, was förderungswürdig ist und was nicht. So kann bei Arbeitsräumen die Mehrwertsteuer optiert werden, während Wohnraum nach wie vor als Endform einer Investition gedacht wird. Was zur Folge hat, dass ein Wohngebäude grundsätzlich 19 Prozent teurer ist als ein Produktionsgebäude. Ohne dass es explizit formuliert würde, wird damit die gesellschaftliche Norm zum Ausdruck gebracht, dass Wohnen per se nicht produktiv ist. Gefördert wird entweder Wohnen oder Arbeiten – ein Sowohl-als-auch ist in der Norm nicht angelegt. Mehr noch führt die Kodifizierung bestimmter Nutzungsformen und sozialer Praktiken zu Homogenisierungseffekten, wie wir sie alle beobachten und erleben können.  An dieser Stelle setzt unser Entwurf an: Mit dem Terrassenhaus versuchen wir – und da nehmen wir schon fast eine altmodische Position ein – über die Architektur Heterogenität zu befördern.

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