ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 14-19

ARCH+ 234

„Wir werden einen Aufstand um die Rückeroberung der Daten erleben“

Von Weibel, Peter /  Vrachliotis, Georg

Seit der groß angelegten Kybernetisierungswelle der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erleben wir, wie die Rechen­maschinen immer mehr an Gewicht verlieren und gleichzeitig an Macht gewinnen. Mithilfe von Sensoren, die unsere Umwelt verdaten, schaffen sie eigene algorithmische Ökosysteme. Während Smart Dust wie ein sanfter technologischer Wind durch Gebäude, Städte und Landschaften weht, werden Verhalten, Kommunikation, Erlebnisse und Emotionen als quantifizierbare Pattern gespeichert, analysiert, ausgewertet, interpretiert, gefälscht, verbreitet und verkauft. Es ist das leise Rauschen der Daten, das wir zwar immerzu hören, aber bis jetzt nicht sinnlich erfahrbar war. Welche Möglichkeiten gibt es also, Daten sichtbar werden zu lassen?

Georg Vrachliotis: Serge Guilbaut veröffentlichte 1983 das legendäre Buch Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat. Damals ging es um die politische Instrumentalisierung einer bestimmten Kunstrichtung im Kalten Krieg. In Anlehnung daran könnte man heute fragen: Hat das Silicon Valley unsere Daten – und damit auch unsere Zukunft – gestohlen? An was und wie man sich in Zukunft erinnern wird, hängt davon ab, wer die Speichermedien organisiert und die Daten kontrolliert. Die Vorstellung von Zukunft wird dabei zu einem Nebenprodukt der Technologieindustrie erklärt, bei dem es lediglich um Szenarien von Produktions- und Auswertungsprozessen immer neuer Daten geht.

Peter Weibel: Diese These ist in mancher Hinsicht richtig. Ich bin allerdings Anhänger eines dialektischen Modells von Gegenwart und Zukunft. Es gibt zur allgemein überlieferten Erzählung von Geschichte immer auch eine Gegengeschichte. Entsprechend gibt es zur prognostizierten Zukunft auch eine Gegenzukunft, eine alternative Zukunft. Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass die Zukunft besser wird als unsere Gegenwart. Das betrifft insbesondere unser Verhältnis zur Umwelt.

GV: Ausgehend von den ersten Ökohäusern und der Politisierung des Umweltbegriffs, über Marshall McLuhan bis zum Geoengineering und der aktuell in der Philosophie diskutierten Ökotechnologie – um was für einen Begriff von Umwelt geht es in der aktuellen Ausstellung des ZKM? Was sind Ökosysteme in Zeiten von Big Data und Plattformkapitalismus?

PW: In den letzten zehn Jahren hat die Menge und Geschwindigkeit der Daten, die in Echtzeit gesammelt und ausgewertet werden können, explosionsartig zugenommen. Unsere soziale Umwelt wird in zunehmendem Maße codiert, somit maschinenlesbar und durch die enorme Zahl miteinander verbundener Endgeräte und Sensoren sowohl individueller als auch personalisierter zugänglich und damit kontrollier- und nutzbar gemacht. Seitdem der alphabetische Code durch den numerischen Code ergänzt wurde, stellen Algorithmen ein fundamentales Element unserer sozialen Ordnung dar. Unsere heutige Datenwelt ist das letzte Kapitel einer vor knapp 150 Jahren begonnenen Geschichte der technischen Vernetzung. Wir sind seitdem von einer dichten Infosphäre umgeben. Mit diesem Neologismus bezeichne ich jenes historisch gewachsene Netzwerk aus Telegrafie, Telefonie, Television, Rundfunk, Radar, Satelliten und Internet, das den Globus seit dem 19. Jahrhundert umspannt und den globalen Datenaustausch wie die reibungslose Organisation des Transports von Information, Menschen und Gütern ermöglicht.

GV: Die Geschichte der Infosphäre ist allerdings nicht nur eine technische, sondern auch eine immanent raum- und geopolitische Frage.

PW: Das stimmt natürlich. Wir waren 2013 mitten in den Vorbereitungen für die Ausstellung Infosphäre, die im September 2015 im ZKM eröffnet wurde, als Edward Snowden die NSA-Affäre auslöste. Hier bildete sich erstmals das kollektive Bewusstsein, dass wir zu Akteuren einer globalen Datenökologie geworden sind, deren erstaunliche Charakteristik darin besteht, dass wir Daten zwar produzieren, sie jedoch weder kontrollieren noch besitzen können. Das kann so nicht weitergehen. Wir werden einen Aufstand erleben – einen Aufstand um die Rückeroberung der Daten.

 

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