ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 24-35

ARCH+ 234

Daten-Landschaften

Von Linke, Armin /  Vrachliotis, Georg

Seit mehr als 20 Jahren dokumentiert der Fotograf Armin Linke die Auswir­kungen der Globalisierung, die Verwandlung von Städten in Megametropolen und die Vernetzung der postindustriellen Gesellschaft durch digitale Informations- und Kommunikations­technologien. Exemplarisch werden in seinen Aufnahmen die tiefgreifenden ökono­mischen, ökologischen und geologischen Verän­derungen festgehalten, die unsere hochtechnisierte Umwelt durchläuft. Zwischen physischer und digitaler Welt eröffnen seine Arbeiten einen medien­archäologischen Blick auf die Materialität unserer heutigen Datengesellschaft. Georg Vrachliotis traf Armin Linke in seinem Atelier.

Georg Vrachliotis: Beginnen wir mit einer einfachen Frage: Mit welchem Blick betrachtest Du die Welt der Daten?

Armin Linke: Die Frage nach dem Blick ist in der Fotografie eng mit der Frage nach dem eigenen Körper verbunden. Der körperliche Standpunkt bestimmt die Perspektive, mit der man auf die Welt blickt und aus der man das Foto macht. Diese räumliche Abhängigkeit hat sich in letzter Zeit durch die Drohne verändert. Sie hat das Auge vom Körper entkoppelt, was eine neue Bildproduktion und Raumerfahrung ermöglicht. Mir geht es allerdings erstmal weniger um die Frage der Perspektive, sondern darum, die unterschiedlichen Bedeutungszusammenhänge einer bestimmten räumlichen, sozialen oder politischen Situation ins Bild zu rücken. Es geht mir um eine visuelle Operation mit anthropologischen Zeichen.

GV: Mir ist aufgefallen, dass Du im Zusammenhang mit Deinen Arbeiten häufig den Begriff der „Operation“ verwendest. Beim Betrachten Deiner Bilder hat man tatsächlich den Eindruck, dass Du in unterschiedlichen Räumen und mit unterschiedlichen Materialien operierst. Du beziehst dabei neben physischen Körpern auch die unsichtbaren Ebenen der Sprache und Daten mit ein und setzt diese in einen Bedeutungszusammenhang. In Deiner Bildsequenz zu Operationssälen vereinen sich Motiv und Methode auf besondere Weise: Die Ärzte stehen an einer mit Plastikfolien abgedeckten Maschine und operieren mit Hilfe von Roboterarmen einen menschlichen Körper, dessen Inneres nur über Bildschirme vermittelt und dessen Körperfunktionen über Sensoren visualisiert werden. Das Ganze ist wie ein medientechnischer Kreislauf, der zeigt, dass unser Körper längst auch zu einem data body geworden ist. Datenkörper und Körperdaten fallen hier gewissermaßen zusammen.

AL: Das Besondere bei diesem Erlebnis im OP war, dass der Blick der Ärzte nicht auf den Patienten, sondern auf die Bildschirme gerichtet war. Und obwohl der Chirurg in dieser medial vermittelten Situation den menschlichen Körper nur mithilfe eines Joysticks manipulierte, wurde mir erklärt, dass er immer physisch im Saal anwesend sein muss, da er die Verantwortung für das Leben des Patienten trägt. Andere Ärzte können sich auch per Internet einschalten, um zu beraten, sie dürfen aber aus ethischen Gründen nicht aus der Ferne operieren.

GV: Daten implizieren immer auch etwas Abstraktes, Unsichtbares und Unanschauliches. Es ist schwierig, Prozesse der Verdatung wirklich erfahrbar zu machen. In Deinen Arbeiten zeigst Du Serverfarmen, Kontrollräume und Börsenparkette – nicht öffentlich zugängliche Orte der Logistik, der Vernetzung und des Handels im global aufgespannten virtuellen Infrastrukturnetz. Du meintest einmal, dass es Dir um das Aufzeigen der „materiellen Folgen der Digitalisierung“ geht. Was interessiert Dich an dem Prozess der Materialisierung?

AL: Marxistisch würde man vielleicht fragen: Was sind die Produktionsbedingungen der jeweiligen Räume? Ich würde aber eher sagen, dass ich mich mit Methoden und Strategien der Bilder­erzeugung auseinandersetze. Was sind technische Bilder und welche Rolle spielen sie für Wissenschaft und Ökonomie? Welche Visualisierungsstrategien werden verwendet?

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