ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 148-157

ARCH+ 234

Medium Design

Von Easterling, Keller

Oft betrachte ich die urbane Welt sozusagen mit halbgeschlossenen Augen. Das heißt, dass ich mich nicht nur auf die Gebäude mit ihren Formen und Konturen konzentriere, sondern auch auf die Matrix von Regeln und Beziehungen, in die sie eingebettet sind. In der heutigen Erlebnisökonomie besteht diese Matrix aus wiederholbaren Formeln oder räumlichen Produkten wie Wolkenkratzern, Einkaufszentren, Golfplätzen, Resorts, Franchise-Filialen, Parkplätzen, Flughäfen, Häfen und Freihandels­zonen. Diese nahezu infrastrukturellen Regeln und Beziehungen ähneln jedoch nicht der verborgenen, unterirdisch verlaufenden Infrastruktur von Rohren und Leitungen, sondern bilden eher ein gut sichtbares und alles umhüllendes urbanes Medium beziehungsweise eine Raumtechnologie – vergleichbar räumlichen Betriebssystemen für eine Stadt.

Diese technologische Matrix ist eindrucksvoll wegen ihrer wilden Mischung aus Gewalt und bonbonsüßem Märchen. Sie ist eine Geheimwaffe unsichtbarer politischer Macht, da sie de facto Politiken schafft, die sich oft schneller entwickeln als gesetzliche Regelungen, und der Erdkruste gleichsam in einem rasanten 3D-Druckverfahren immer neue Schichten hinzufügt.

Auch jenseits der Kommunikationsmedien ist Medium Thinking oder Medium Design als Geisteshaltung in vielen Disziplinen präsent: Onkolog*innen verfolgen nicht nur den Tumor, sondern auch die chemischen Schwankungen in dem ihn umgebenden Gewebe. Schauspieler*innen im Theater vermitteln Informationen nicht nur durch Worte, sondern auch durch ineinandergreifende Handlungen. Geolog*innen systematisieren nicht einfach nur Proben, sondern lesen sie als Spuren von Prozessen.

Auch wenn Medium Thinking in vielen Disziplinen praktiziert wird, ist es dennoch angesichts dominanter oder tief verwurzelter kultureller Gewohnheiten noch zu wenig eingeübt. Kultur ist gut darin, auf Dinge hinzuweisen und sie beim Namen zu nennen, aber sie ist nicht so gut darin, die Beziehungen zwischen den Dingen oder das Repertoire, das sie verordnen, zu beschreiben. Sie privilegiert Deklarationen, richtige Antworten, Universalien und Telos. Ihr Drehbuch feiert immer noch die moderne Erzählung von Freiheit und transzendenter Neuheit – Erzählbögen, die auf einen utopischen oder dystopischen Endpunkt zulaufen. Dieser kollektive Geist, der nach dem Einen oder dem einzig Wahren sucht, bildet oft einen geschlossenen Loop.

Und da ein Loop, in dem nur kompatible Informationen zirkulieren, keinen Widerspruch duldet, entwickelt sich oft ein binärer Kampf gegen jede Herausforderung. Die Folge ist eine Vorliebe für sich ablösende statt koexistierende Gedanken oder Praktiken:

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