ARCH+ 234


Erschienen in ARCH+ 234,
Seite(n) 190-197

ARCH+ 234

Forensic Architecture

Von Weizman, Eyal /  Ivanova, Victoria /  Avanessian, Armen

Victoria Ivanova/Armen Avanessian: Wir interessieren uns für die hybride Organisation von Forensic Architecture: die Anbindung an verschiedene Disziplinen und die von Bereich zu Bereich unterschiedliche Dynamik. Vor diesem Hintergrund möchten wir zunächst einen Vergleich zwischen Forensic Architecture und dem Bauhaus anstellen. Wir haben uns die folgenden Fragen gestellt: Wenn das Bauhaus heute noch einmal entstehen würde, für welche gesellschaftlichen Logiken würde es sich interessieren? Wo würde es ansetzen? Unsere These: Während es dem historischen Bauhaus vorrangig um die Produktion von Gegenständen ging, ist es heute vielleicht notwendiger, sich mit der Produktion von Infrastruktur, Systemen und Organisationsformen zu befassen. Hast Du schon einmal über mögliche Parallelen zwischen der Werkstattstruktur des Bauhauses und der Struktur des Programms Forensic Architecture nachgedacht, das Du am Goldsmiths der University of London eingerichtet hast?

Eyal Weizman: Das historische Bauhaus schuf einen Rahmen, in dem sich angehende Gestalter*innen diverser Disziplinen mit den aufkommenden Medien und den politischen Heraus­forderungen der damaligen Zeit auseinandersetzen konnten. Ob wir mit dem Erbe des Bauhauses verbunden sind oder nicht, beschäftigt mich jedoch nicht. Was mich hingegen interessiert, ist die strukturelle Frage: Innovation in Bezug auf Gestaltung, Medien, Materialität, Produktion und so weiter lässt sich nicht innerhalb bestehender Organisations­strukturen lehren. Man muss das Ausbildungssystem verändern, wenn man etwas anderes produzieren will. Besonders interessant finde ich am Bauhaus die einzigartige historische Antwort auf eine Herausforderung, die zwei Ebenen betraf, nämlich das, was produziert wurde und die Art und Weise, wie Wissen und Produktion organisiert wurden. Ich glaube nicht, dass man
innerhalb der bestehenden Universitäts­strukturen einen ernsthaften Paradigmenwechsel in der Gestaltung vollziehen kann: die Art und Weise, wie das Semester strukturiert ist, wie das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Studierenden organisiert ist, wie Wissen produziert, geteilt und verbreitet wird.

VI/AA: War Dir die Notwendigkeit für institutionelle Veränderungen bei der Gründung von Forensic Architecture bewusst? Oder ist das, was Du gerade über das Bauhaus gesagt hast, ein Ergebnis Deiner Erfahrungen am Goldsmiths?

EW: Wie gesagt, mir war klar, dass wir das System neu denken müssen, wenn wir etwas anderes erreichen wollen. Den intellektuellen Unterbau für das Projekt Forensic Architecture, das 2010/11 ins Leben gerufen wurde, lieferte das Centre for Research Architecture am Goldmiths, das seit 2005 als Doktoranden- und Graduiertenprogramm besteht und nach dem Peer-to-Peer-Ansatz organisiert ist. Das Centre selbst ist das Ergebnis eines – recht bewussten – Versuchs von Goldsmiths, eine Alternative zur Ausbildung von Architekt*innen zu entwickeln. An der Goldsmiths-Hochschule machte man sich Sorgen darum, dass man eine der ganz wenigen Kunsthochschulen ohne Architekturfakultät war. Ab Anfang der 2000er-Jahre begannen sich der kulturelle und künstlerische Diskurs sowie die kuratorische Praxis verstärkt mit Architektur auf mehr oder weniger interessante Weise auseinanderzusetzen. Diese Entwicklung zwang die Architekt*innen dazu, ihre Tätigkeit als Wissensgebiet neu zu betrachten, das heißt, Architektur als eine spezifische architektonische Denkweise zu begreifen statt als Mittel zur Produktion von Raum und Gebäuden.

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