ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 12-23

ARCH+ 235

Eine „Neue“ Rechte gibt es nicht

Von Trüby, Stephan

Für die zeitgenössische Architekturtheorie, in Deutschland zumal, kann ein Wendepunkt diagnostiziert werden, der einem Aufwachen aus einem kurzen Traum gleichkommt: dem Traum vom „Ende der großen Erzählungen“, der bekanntlich in einer Tiefschlafphase namens „Ende der Geschichte“ kulminierte. In diesem Traum traten als Protagonist*innen in wechselnden Haupt- und Nebenrollen auf: der Glaube an die ewige Unerschütter­lichkeit eines liberalen Zeitalters westlicher Bauart; das frivole, aufmerksamkeits­ökonomisch befeuerte intellektuelle Spiel mit gefährlichen Gedanken; die kleinen Fluchten in Romantizismen oder in die Phänomenologie; und die großen Fluchten in die vermeintlich politikbefreiten Gefilde der Medientheorie („The medium is the ma/essage“ et cetera) oder der an­gewandten Techniktheorie (auto-)poietisch verfertigter Parametrismen.

Nun, da zumindest einige der Akteur*innen im weiten Feld der Architektur als Repolitisierte wiedererwacht sind, tritt deutlich vor Augen: Als ebenso umworbenster wie umkämpftester Begriff an diesem Wendepunkt darf die „Differenz“ gelten, also jene Schlüsselvokabel, die im Zentrum der beiden wohl avanciertesten Theorieoptionen der letzten Jahrzehnte steht: der Dekonstruktion und der Systemtheorie. In Abgrenzung zu marxistisch inspirierten Gleichheitstheorien stand (und steht) die „Differenz“ etwa in der Systemtheorie Niklas Luhmanns für eine Schöpfungsgeschichte aus dem Geiste des Konstruktivismus: Die Welt ist alles, was unterscheidend beobachtet werden kann. Und die Jacques Derridasche „différance“ lässt – absichtlich falsch mit „a“ geschrieben – die beiden Bedeutungen des französischen Worts „différer“, nämlich „unterscheiden“ einerseits und „aufschieben“ andererseits, in eins fallen, sodass deutlich werden konnte: Die Welt ist ein Konvolut von Texten, deren Signifikanten sich durch fortwährende Unterscheidungsakte in Aufschüben und Widersprüchen zerlegen. So weit, so relativ.

Im Windschatten dieser durchaus progressiven Differenzauf­fassungen, als deren Horizont die Weltgesellschaft (Luhmann) beziehungs­weise die Infragestellung althergebrachter Hierarchien gelten darf, wurde ein rechtes, reaktionäres Verständnis von Differenz reaktiviert, das Unterschiede zwischen Menschen und Menschen­gruppen absolut setzt, fest­zurrt, naturalisiert und in mythischen Urgründen zu erden versucht.

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