ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 24-29

ARCH+ 235

Hans Poelzig, Paul Bonatz, Paul Schmitthenner

Von Nerdinger, Winfried

2011 wurde Winfried Nerdinger, damals Professor für Architekturgeschichte an  der TU München sowie Gründungs­direktor des Architekturmuseums der TU München, von der italienischen Architekturzeitschrift Casabella um eine Rezension einiger neuerer Publikationen über Paul Bonatz, Hans Poelzig und Paul Schmitthenner  gebeten. Die Besprechung wurde im  selben Jahr unter der von der Redaktion verfassten Überschrift „Prendere partito  per i vecchi architetti nazisti. Bonatz,  Poelzig, Schmitthenner“ („Partei ergreifen für die alten Nazi-Architekten“) in der  Ausgabe Nr. 808 veröffentlicht. Wie  der Autor berichtet, versuchten manche  der Angegriffenen damals vergeblich bei Casabella zu intervenieren, um den  Artikel zu verhindern. Und in Deutschland habe sich keine Zeitschrift gefunden,  die den Text abdrucken wollte. Wir haben uns dazu entschlossen, ihn nun erstmalig  in der deutschen Originalfassung zu  bringen. Seine Bedeutung für die  Aufklärung über revisionistische Tendenzen  in der Architekturgeschichtsschreibung  in Deutschland, die keineswegs nur auf rechte Milieus beschränkt sind und weit  in die sogenannte „bürgerliche Mitte“  hineinreichen, hat er nicht verloren. ARCH+

 

Bei jeder Betrachtung deutscher Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts liefert deren Verhalten während der Zeit des Nationalsozialismus einen Maßstab für die Beurteilung ihrer Biografie, aber auch ihres Werks. Wie nahezu alle anderen Berufsgruppen liefen auch die Architekten 1933 in Scharen zu den braunen Machthabern über, biederten sich an und wurden zu Mitläufern, Handlangern oder Mittätern. Mit diesen Zusammenhängen sind deren Bauten kausal und funktional verknüpft. Sie können deshalb nicht davon losgelöst und isoliert betrachtet werden. In den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende versuchte der Großteil der Architekturpublizistik in Deutschland, die kontaminierten Elemente der NS-Zeit entweder möglichst wenig zu beachten oder in ein neutrales Licht zu stellen. Beim Aufbau der Demokratie sollte an das Neue Bauen der 1920er-Jahre angeknüpft und ansonsten der Blick nach vorn gerichtet werden. Erst seit den 1980er- und 1990er-Jahren wurden Biografien über das Werk einiger mit dem Nationalsozialismus verstrickter Architekten verfasst, nun erschienen neben wenigen kritischen Aufarbeitungen auch positivistische Darstellungen, bei denen die ideologischen Implikationen weitgehend ausgeklammert wurden – wie beispielsweise in den Publikationen von Marco de Michelis über Heinrich Tessenow (erschienen 1991), der durchaus mit NS-Planungen verknüpft war, sowie von Norbert Borrmann über Paul Schultze-Naumburg (erschienen 1989), den üblen Propagandisten von Kunst und Rasse (zuerst erschienen 1928). Gravierender als diese Neutralisierungen sind die Versuche von Architekturhistorikern, die Bauten der NS-Zeit zu verharmlosen und deren Architekten zu rehabilitieren.

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