ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 30-37

ARCH+ 235

Die Zeit als Scheibe

Von Hartmann, Tina

Mit den Worten „zum Raum wird hier die Zeit“ führt der alte Gurnemanz den staunenden jungen Parsifal in Richard Wagners gleichnamiger Oper an den sakralen Männerbund der Gralsgesellschaft heran. Anders als in den auch erotischen  Erzählungen der mit der Gralsgeschichte verbundenen Artusrunde tauchen Frauen hier nur noch buchstäblich  marginalisiert auf: in Gestalt der verlassenen Mutter Parsifals Herzeleide und der wie ein Satellit um die Männer kreisenden heiligen Hure Kundry. Noch Parsifals Sohn Lohengrin sollte folgerichtig später (werkgeschichtlich bei Wagner natürlich  früher) daran scheitern, sich mit seiner Gattin Elsa – stellvertretend für das Weibliche an sich – auch körperlich zu verbinden, um dem Raum männlicher Keuschheit wenigstens auf ein Jahr zu entkommen. Der rechte Raum teilt mit dem sakral-patriarchalen Raum von Wagners Bühnenweihfestspiel zwei zentrale Paradigmen: den Ausschluss beziehungsweise die Margina­lisierung von Frauen und Menschen anderer Hautfarben und Religionen, sowie den Versuch, die Zeit vom weltwandelnden Vektor in eine statische Scheibe zu verwandeln.

Raum und Zeit sind zentrale Paradigmen des Erzählens. Auch wenn die Literaturwissenschaft sich daher immer mit Topografien von Texten befasste, folgte auch sie mit leichter Verspätung dem seit den 1980er-Jahren ausgerufenen spatial turn der Kultur- und Sozialwissenschaften, der sich ab dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts unter anderem mit quantitativen Begriffen wie dem „Mapping“ (nach Franco Morettis „Kurven“ und Stammbäumen“) verbindet und als interdisziplinärer und intermedialer Zugriff versteht. Abseits eher metaphorischer oder topo­grafischer Verwendung scheint mir der Raumbegriff in der Literatur besonders ergiebig, wenn er diese als Herrschaftsräume offenbart. Im Folgenden soll der Frage nach dem rechten Raum in oder mittels von Literatur daher mit einem Dreischritt nachgegangen werden: 1. Dem Herrschaftsraum der Sprache. 2. Dem literarischen Versuch, ein reaktionäres Chronotop2 jenseits der Aufklärung zu etablieren. 3. Dem biblio­thekarischen Versuch, die Literatur- und Geistesgeschichte dem Chronotop eines „Konservatismus“ unterzuordnen.

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