ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 38-45

ARCH+ 235

Reaktionäre Architektur-Memes in den sozialen Medien

Von Krüpe, Philipp

Ethnopluralismus in alten Gemäuern

In den sozialen Medien scheint es einen neuen Trend zu geben. Es werden aktuell auffällig viele Bilder geteilt, auf denen junge weiße Menschen in traditionellen Trachtengewändern, unberührte Landstriche und traditionelle Bauten zu sehen sind. Beliebt ist da der Twitter-­Account European Beauty, der in regelmäßigen Abständen kitschig-dramatisch inszenierte Bilder von verschiedensten Kulturartefakten postet, die aus dem europäischen Raum stammen sollen. Oder der auf mehreren Kanälen verfügbare Account Architectural Revival (hat bei Twitter rund 42.000 Follower, bei Instagram rund 5.000), der sich auf Architektur fokussiert und für „Schönheit, Tradition, Erbe, Identität, Ordnung & Handwerkskunst“ stehen will. Zu sehen gibt es dort Steinmetze bei der Arbeit an einem Kapitell, rekonstruierte Gebäude, historisierende Neubauten oder Memes, in denen die vermeintlich hässliche und zerstörerische moderne und internationalistische Architektur einer harmonischen und ästhetisch ansprechenden traditionellen und regionalistischen Architektur gegenübergestellt wird.

Das ließe sich tatsächlich alles gerade noch unter Kulturpessimismus verbuchen (viele Follower hegen wahrscheinlich auch keine weiteren Absichten), würden nicht durch Bildunterschriften Analogien zu einem dezidiert rechten Denken gezogen werden. Eine Visualisierung des Siegerentwurfs von Staab Architekten für die Neugestaltung der südlichen Domumgebung in der Kölner Innenstadt wird auf Architectural Revival mit folgenden Worten untertitelt: „Die Moderne ist demoralisierend. […] Die Tilgung der deutschen Identität ebnet den Weg für den Austausch des deutschen Volkes“. Hier handelt es sich um eine klassische neurechte Erzählung, den „abendländischen“ Nationen stehe der „große Austausch“ durch überwiegend muslimische Einwanderer*innen bevor – neu ist, dass die Argumente hier mithilfe von Architektur untermalt werden. Als am 15. April 2019 die Kathedrale Notre-Dame in Paris bei einem großen Brand stark beschädigt wurde – der ersten Erkenntnisse zufolge durch Renovierungsarbeiten am Dach ausgelöst – meldet sich der rechte Architekturblog noch während die Flammen lodern zu Wort und setzt den Ton: Seit Beginn des Jahres seien dutzende Kirchen in Frankreich angegriffen worden. Damit ist das Feld in der Kommentarspalte für Verschwörungstheorien eröffnet: „Zufall? Ich glaube nicht“, schreibt eine Nutzerin. „Jemand hat etwas getan“, raunt ein anderer. Oder man insinuiert gleich: „Berichte stellen einen Zusammenhang zu den Renovierungsarbeiten her? Vielleicht die Arbeiten, um sie in eine Moschee zu verwandeln.“

Wenn auf derlei Seiten ein Europa zelebriert wird, das aus rein weißen Menschen besteht, die in traditionalistischen Gebäuden wohnen, geht es den Verantwortlichen vordergründig nicht um einen White-Supremacy-Rassismus, sondern um das neurechte Konzept des „Ethnopluralismus“.

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