ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 50-57

ARCH+ 235

Von Brücken und Schildkröten – Fragmente einer Chronik und Geschichte des Faschismus im dritten Jahrtausend

Von Trentini, Matteo

Während seiner Inhaftierung durch die Faschisten, die von 1926 bis 1935 dauerte, verfasste der italienische Philosoph und marxistische Vordenker Antonio Gramsci zwischen 1929 und 1935 sein theoretisches Hauptwerk: die berühmten Gefängnishefte. Im 29. der insgesamt 32 Hefte formuliert Gramsci die Notwendigkeit einer „kulturellen Hegemonie“, die als „engere und zuverl­ässigere Beziehungen zwischen der Führungsschicht und der allgemeinen Bevölkerung“ neu zu denken sei. Kulturelle Hegemonie steht nach Gramsci für die Fähigkeit einer ideologisch definierten Gruppe, ein diffuses politisches Gefühl zu fassen und produktiv zu machen, auch mittels der Kontrolle der Instrumente der Konsensbildung.

In diesem Licht betrachtet, signalisieren die italienischen Nationalwahlen vom März 2018, bei der die Anti-Establishment-Bewegung Fünf Sterne 32,68 Prozent und die populistische Lega 17,35 Prozent der Stimmen holte, eine Radikalisierung der politischen Szenerie: Weit wichtiger als die Regierungsbeteiligung der „Nicht-Partei“ der Fünf Sterne scheint dabei die Wandlung der Lega, die sich unter Matteo Salvinis Führung von einer separatistischen, fast ausschließlich im Norden des Landes aktiven zu einer nationalistischen, gesamtitalienischen Partei entwickelte. Sie weitet damit ihren Kampf um kulturelle Hegemonie nicht nur auf ganz Italien, sondern auch auf Europa aus, indem sie den Diskurs der europäischen Rechten dominiert.

Es ist noch zu früh für die Einschätzung, ob es eine gemeinsame Strategie zur Schaffung rechter Räume in Europa gibt. Aber seit dem Einzug der Salvini-Lega ins Parlament lässt sich eine Übereinstimmung in den Programmen der europäischen Organisationen und Parteien, die am rechten Rand des politischen Spektrums zu verorten sind, nicht mehr übersehen. Um die Beweggründe dahinter zu verstehen, bediene ich mich im Folgenden der Chronik als historiografisches und daher politisches Instrument der Recherche. Damit folge ich dem Ansatz des römischen Historikers und Architekten Bruno Zevi, der mit der Gründung der Monatszeitschrift L’architettura – cronache e storia 1955 die Chronik als zentrales Moment seiner Arbeit als Architekturkritiker einführte. Für Zevi, der sich als Jude 1938 nach Erlass der Rassengesetze gezwungen sah, Italien zu verlassen, um sein Architekturstudium zunächst an der Architectural Association in London und anschließend in Harvard bei Walter Gropius abzuschließen, war sie ein Mittel, um Vergangenheit – oder besser die Geschichte – lesbar zu machen, und sie hinsichtlich ihrer Bedeutung für die zeitgenössische intellektuelle Produktion kritisch interpretieren zu können. Das waren die entscheidenden Punkte für Zevis Methodologie der „operativen Kritik“, mittels der er in der Vergangenheit Nützliches für die Gestaltung der Gegenwart zu finden suchte. Zevi, der bereits im Jahr 1950 die erste Storia dell’architettura moderna (Geschichte der modernen Architektur) in Italien geschrieben hatte, betrachtete Geschichte und Chronik demnach als zwei Elemente desselben historischen Prozesses. Sein operativer Vorschlag, Geschichte als Chronik zu verstehen, könnte dabei helfen, die jüngsten Veränderungen im politischen Spektrum Italiens zu dechiffrieren. Setzen wir also ebenfalls eine Chronik in Gang – diesmal eine umgekehrte –, und beginnen wir mit der unmittelbarsten Vergangenheit, um Schritt für Schritt ins Jahr 2003 zurückzugehen, als sich in Italien etwas Bemerkens­wertes zugetragen hat.

...

SSS Siedle Dornbracht Euroboden
Feedback erwünscht!