ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 58-63

ARCH+ 235

Die Goldene Morgenröte und der Mord an Pavlos Fyssas

Von Varvia, Christina /  Forensic Architecture

2017 erhielt Forensic Architecture den Auftrag, den Mord an Pavlos Fyssas zu untersuchen. Der Musiker und antifaschistische Aktivist war 2013 von Mitgliedern der griechischen Neonazi-Organisation Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) niedergestochen worden. Die Tat ereignete sich in Keratsini, einer westlich von Athen gelegenen Vorstadt an der Küste in der Region Piräus, in der die Goldene Morgenröte besonders aktiv ist. Viele der Bewohner*innen des Arbeiterviertels waren ehemals in der Metall­industrie oder in den Werften beschäftigt. Doch in der Folge des Zusammenbruchs der Schifffahrtsindustrie und der Wirtschaftskrise stieg die Arbeitslosigkeit auf über 40 Prozent. Im Jahr vor dem  Mord an Pavlos Fyssas breitete sich  die Goldene Morgenröte zunehmend in der Region aus, Anfang 2012 begannen Mitglieder mit wöchentlichen Patrouillengängen durch die Innenstadt von Piräus. Immer häufiger kam es zu gewaltsamen Übergriffen, die Angst und Schrecken unter Migrant*innen und linksgerichteten Aktivist*innen verbreiten sollten. Viele sahen darin einen bewussten Versuch, den „Kampf um die Straße“ für sich zu entscheiden, „eine Mission mit dem Ziel, die Reste der linken Arbeiterbewegung auszumerzen“ – in einer Region, die in der Vergangenheit eine Hochburg der Gewerkschaften  gewesen war. Dieser Artikel basiert auf  dem Abschlussbericht der Untersuchung, die Forensic Architecture über ein Jahr lang zu der politisch motivierten Straftat durchführte. ARCH+

 

Der 34-jährige Rapper Pavlos Fyssas, der sich klar gegen Rassismus positionierte, wurde am 18. September 2013 kurz nach Mitternacht mit einem Messer niedergestochen. Der Mord geschah im Zusammenhang mit einem organisierten Angriff auf Fyssas und seine Begleiter­*innen durch rund 50 Personen, die auf ihrer Kleidung Abzeichen der Goldenen Morgenröte trugen. Der mutmaßliche Täter, Giorgos Roupakias, wurde als einziger Angreifer am Tatort verhaftet, nachdem ihn das Opfer selbst noch identifiziert hatte. Später gestand er den Mord.

Die rechtsradikale Goldene Morgenröte ist bis heute als paramilitärische Organisation aktiv und zugleich im griechischen Parlament vertreten – seit den Parlamentswahlen im September 2015 als drittstärkste Partei. Der Mord stellte einen Höhepunkt der kriminellen Aktivitäten der Goldenen Morgenröte dar, zu denen seit der Gründung der Gruppierung Ende der 1980er-Jahre brutale Angriffe auf Migrant*innen und politische Gegner*innen gehören. In dieser gesamten Zeit wurde sie auch immer von einem beunruhigend starken Teil der griechischen Polizei unterstützt. Zwar wurde in dem Prozess, der immer noch andauert, eine umfassende Untersuchung der Goldenen Morgenröte als eine gewalttätige und sich immer weiter ausbreitende kriminelle Vereinigung eingeleitet, allerdings scheute sich das Gericht davor, die Verantwortung der griechischen Polizei zu untersuchen, die entweder aktiv oder aufgrund von Inkompetenz und Stillschweigen die kriminellen Machenschaften der Goldenen Morgenröte über Jahrzehnte gewähren ließ. Auch in diesem Fall war das Verhalten der Polizei nicht eindeutig geklärt.

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