ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 114-121

ARCH+ 235

Weder arm noch sozial abgehängt

Von Chwala, Sebastian

Bei der Verortung von rechten Räumen in Frankreich stößt man zunächst auf prestigeträchtige Wohnresidenzen von Politiker*­innen und Symbolarchitekturen eines französischen Chauvinismus. Jean-Marie Le Pen wurde 1976 von dem Zementmillionär Hubert Lambert sein Vermögen samt Anwesen im Pariser Nobelvorort Saint-Cloud vermacht. Dort wuchsen in der Villa Montretout mit Park und Nebengebäuden aus den 1830er-Jahren die FN-Politikerinnen Marine Le Pen und Marion Maréchal-Le Pen auf, und auch die Parteizentrale befand sich lange Zeit hier. Auch Renaud Camus, der rechtsradikale Philosoph und Theoretiker des „Großen Austauschs“, zelebriert das Leben auf großem Fuß im Château de Plieux im Département Gers, wo er seit den 1990er-Jahren lebt. Das Phänomen auf diese eine – herrschaft­liche – Seite der Medaille zu reduzieren, würde jedoch zu kurz greifen. Die viel entscheidenderen rechten Räume sind die Einfamilien­haussiedlungen an den Rändern großer französischer Städte. ARCH+

 

Vieles deutet darauf hin, dass rechtspopulistische Parteien bei den unmittelbar bevorstehenden Europawahlen Ende Mai 2019 in zahlreichen Mitgliedstaaten der EU erneut große Wahlerfolge erzielen werden. Vor diesem Hintergrund ist eine Debatte über die Ursachen des derzeit so erfolgreichen europäischen Rechtspopulismus bzw. -radikalismus dringend erforderlich. Über welche soziale Basis verfügen diese Parteien? Lassen sich räumlich fassbare Hochburgen ausmachen, die sich durch überdurchschnittliche Wahlergebnisse für radikal rechte Parteien auszeichnen? Diese Fragen lassen sich am besten beantworten, indem man sich spezifisch mit den einzelnen europäischen Mitgliedsstaaten befasst. Hier soll es um Frankreich gehen. Gerade dieses Gründungsmitglied der Europäischen Gemeinschaft verfügt bereits seit den 1980er-Jahren über eine starke rechte Bewegung in Gestalt des Front National (FN), der sich Anfang 2018 in Rassemblement National (RN) umbenannte.

Tatsächlich lassen sich regionale Hochburgen des FN/RN ausmachen. Seit etwa Mitte der 1990er-Jahre erzielte die Rechte besonders hohe Wahlerfolge im suburbanen Raum, welcher in Frankreich als périurbain bezeichnet wird (Anm. d. Red.: im Deutschen entspricht der Begriff am ehesten dem Konzept der Zwischenstadt von Thomas Sieverts). Im Großraum Marseille etwa weisen diese „periurbanen“ Gemeinden Stimmenanteile für den FN von bis zu 40 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen auf. Ein weiteres Beispiel ist die von der Soziologin Violaine Girard „La Riboire“ genannte periurbane Industrie­region, der sie zum Zwecke der Anonymisierung unter diesem Pseu­donym eine ethnografische Studie widmete. Hier verzeichneten die Kandidat*innen der Rechten seit den 2000er-Jahren bei Wahlen überdurchschnittliche Ergebnisse. 2002 erhielt Jean-Marie Le Pen hier 30 Prozent, 2012 erzielte seine Tochter Marine Le Pen 32 Prozent der abgegebenen Stimmen – bei einer Wahlbeteiligung, die teilweise auffallend hoch war und in einzelnen Gemeinden sogar bei 88 Prozent lag.

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