ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 122-129

ARCH+ 235

Normalisierung von Rechts

Von Kiesewetter, Rebekka

Thor Kunkel, Macher der AfD-Plakatkam­pagne zur Bundestagswahl 2017, wohnhaft auf der Schweizer Riederalp, posiert auf Fotos gerne vor einer Walliser Bergkulisse. In seinem Buch Wanderful schildert er sein Leben in einer Landschaft, die von der Hektik der Zivilisation noch weitgehend unberührt ist. Nicht bloß wegen Kunkel kommt man um die Schweizer Landschaft nicht herum, wenn man über rechte Räume sprechen möchte. Denn das identifikatorische Potential der Landschaft spatialisiert und nivelliert den politischen Diskurs und hat dazu beigetragen, dass „die Avantgarde des Rechts­populismus in Europa“ in der Schweiz gedeihen konnte. In der Landschaft werden nicht nur staatstragende Narrative von Sicherheit und Eigenverantwortung sowie das kooperative Staatsverständnis verankert, sondern auch ein liberal-konservativer Wunschtraum von Autarkie und die Idee einer „Schweiz ohne außen“.

Das identifikatorische Potential der Landschaft

Die Landschaft ist sowohl Bestandteil als auch Produkt der kohäsiven ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Infrastruktur, die ein Schweizer „Wir“ als „Willensnation“ seit der Gründung des modernen Bundesstaates im 19. Jahrhundert zusammenhält. Dieses „Wir“ wird mit Traditionen und Ereignissen der schweizerischen Geschichte verbunden und an konkreten Orten festgeschrieben. Sie dienen ebenso dem Ringen um Konsenskultur wie der realräumlichen Beschwörung liberal-konservativer und rechtsnationaler Ideale und der symbolischen Rückverankerung aktueller Debatten auf Schweizer Boden.

Exemplarisch dafür ist das Rütli, die Ur-Landschaft der umstrittenen Schweizer Identität: Das Rütli eint über die Landessprachen hinweg. Es ist nicht der Ort der Gründung der alten Eidgenossenschaft: Doch seit die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) das Areal 1860 erwarb, ist das Rütli Sinnbild des 1848 neu entstandenen Staates und Symbol des Widerstands gegen die Habsburger, die Franzosen und gegen das Bündnis des deutschen Nationalsozialismus mit dem italienischen Faschismus. 1940 berief General Henri Guisan hier den „Rütli-Rapport“ ein: Sein Entscheid für das Réduit, die Rücknahme der Truppen in die „Alpenfestung“, bewahrte die Schweiz – so das hart­näckige Gerücht – davor, in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen zu werden. Guisan wurde zur Personifizierung des kollektiven Schweizer Wehrwillens3. Der Nationalkonservative Markus Somm, bis 2018 Chefredakteur der Basler Zeitung, spricht sich gegen die „Relativierungen von Guisans Leistungsausweis“ aus. Unter jenen, die die Wichtigkeit des Réduit bezweifeln, seien nicht per Zufall viele EU-Befürworter*­innen, konstatiert Somm reduktiv: Wer für die EU ist, ist gegen die Schweiz und das Rütli, das auch für EU-Gegner*innen ein Zentralsymbol darstellt.

Als stellvertretende Instanzen für landschaftliche Erinnerungsorte fungieren Denkmäler: Das Winkelried-Denkmal in Stans, die Statue des Niklaus von Flüe im Obwaldner Flüeli-Ranft, oder die Wehrbereitschaft an der Zürcher Rämistrasse, eine Marmorreplik der Statue, die bei der Schweizerischen Landesausstellung von 1939, genannt Landi 39, in der Abteilung „Wehrwille“ präsentiert wurde. Zunächst als wirtschaftliche Leistungsschau geplant, stellte sie sich unter dem Eindruck der internationalen Entwicklungen in den Dienst der geistigen Landesverteidigung, die einen Großteil ihres Gehaltes aus der Verankerung schützenswerter Schweizer Tugenden in der Landschaft herstellte. Die Landi 39 – deren heimattümelndes Gesicht mit technokratisch-­modernistischem Einschlag der „Landistil“ war – wurde zum Symbol des gesamtschweizerischen Schulterschlusses zwischen Bürgertum und Sozialdemokratie.

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