ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 182-185

ARCH+ 235

Brennglas Niederlande

Von Petermann, Stephan

In den frühen 1990er-Jahren schienen die Niederlande ein aufregendes Experimentierfeld für progressive Politik. Die Einführung von gleichgeschlechtlicher Ehe, Bürger­entscheiden, Legalisierung weicher Drogen und aktiver Sterbehilfe waren frühe Leuchtturmprojekte bei der Umsetzung liberaler Werte. Bald darauf feierten in dem Land die Rechtspopulisten ihre ersten Erfolge, und seitdem gibt es in den Niederlanden einen nicht zu vernachlässigenden Anteil von Mini-Trumps und AfD-ähnlichen Parteien.

Wie diese Entwicklung die Architekturlandschaft geformt hat, ist nicht nur auf den ersten Blick schwer zu erkennen, sondern generell schwer auszumachen. Es ist durchaus überraschend für ein Land mit hohen Selbstgestaltungsqualitäten wie die Niederlande, dass kaum von Architektur geträumt wird. In den Programmen links- wie rechtsgerichteter niederländischer politischer Parteien sucht man das Thema Architektur vergebens. Auf Hunderten Seiten der Wahlprogramme steht das Wort Architektur nur drei Mal, und in zwei Fällen wird es im übertragenen Sinne der Sicherheitsarchitektur verwendet.1 Von den 150 Parlaments­abgeordneten2 ist nur eine, Fleur Agema, Architektin3 (und sie, die rechte Hand von Geert Wilders, übte den Beruf kaum aus). In den vergangenen 25 Jahren gab es keine Sitzung im Parlament, auf der man sich in besonderer Weise mit Architektur beschäftigt hätte.4 Im öffentlichen Raum gibt es keine klare Gestaltung und keine spezifische Architektur, die für eine eindeutige politische Aussage stehen. In der Regel findet sich dort ein Mix aus politischen Einflüssen verbunden mit praktischen Überlegungen und recht vielen Einschränkungen durch Bauvorschriften. Behörden könnten auch Bankniederlassungen sein und umgekehrt. Politische Überzeugungen drücken sich in den Niederlanden nicht in Architektur aus. Es ist ein vielleicht sogar sehr grundlegender Fehler zu glauben, Architektur sei per definitionem politisch. Vielleicht sind Architekt*innen und Wissenschaftler*innen, die zu dieser Annahme neigen, Opfer eines Wunschdenkens, dass sie immer noch politische Relevanz besitzen. Aber was drückt sich dann in Architektur aus?

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