ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 206-213

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Aufklärung der Dialektik – Über rechte Räume in den USA

Von Trüby, Stephan

Die Vereinigten Staaten von Amerika machen derzeit eine bis vor kurzem noch für völlig unmöglich gehaltene politische Transformation in Richtung „Rechtsaußen“ durch, sodass selbst eine hart gesottene, krisenerfahrene Politikerin wie die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright sich 2018 bemüßigt fühlte, ein Buch mit dem Titel Faschismus – Eine Warnung zu veröffentlichen. Es ist auch und vor allem an den seit Januar 2017 amtierenden US-Präsidenten Donald Trump gerichtet, den Albright als „erste[n] antidemokratische[n] Präsident[en] in der neueren Geschichte der USA“ bezeichnet. Über die Gründe für diese politische Entwicklung verbleibt sie jedoch im Vagen. Wie konnte es so weit kommen in der modernen Paradedemokratie, die jahr­zehnte-, ja jahrhundertlang ausgewanderten Europäer*innen ein demokratischeres Leben versprach, die Entscheidendes dazu beitrug, Europa und insbesondere Deutschland vom Nationalsozialismus zu befreien?

Bieten möglicherweise die drei wohl bekanntesten Amerika-Interpretationen, die Europa bis dato hervorgebracht hat, Ansätze für die Erklärung der aktuellen US-Polit-Gemengelage? Alexis de Tocqueville (1805–59), der französische Publizist, Politiker und Historiker, warnte zwar in seinem 1835 erstmals erschienenen Buch De la Démocratie en Amérique (dt. zuerst 1956 Über die Demokratie in Amerika) vor den Gefahren demokratischen Regierens, die zu einer „Tyrannei der Mehrheit“ führen könnten, prägte mit dem Buch aber auch die „Vorstellung, dass die Vereinigten Staaten auf einer Idee anstelle einer in ‚Blut und Boden‘ verankerten nationalen Identität fußten“. Von den jüngeren Entwicklungen der US-amerikanischen Geschichte, die sehr wohl, wie im Folgenden zu zeigen sein wird, auf die Entstehung einer spezifisch amerikanischen Blut-und Boden-Ideologie hindeuten, wäre er sicherlich mehr als überrascht gewesen. Jean Baudrillard (1929–2007) beschreibt in seinem Buch Amérique (1984) die USA als „verwirklichte Utopie“, die von einer „primitive[n] Gesellschaft der Zukunft“ bewohnt würde, einer Gesellschaft der „Komplexität, der Gemischtheit und der größten Promiskuität“. Schließlich sind Max Horkheimer (1895–1973) und Theodor W. Adorno (1903–69) zu nennen: Die deutsch-jüdischen Philosophen vollendeten 1944 im kalifornischen Exil ihr gemeinsames Hauptwerk Dialektik der Aufklärung, in dem sie die Aufklärung einer radikalen Kritik unterziehen – und eine proto- beziehungsweise vollfaschistische „Entwicklung zur totalen Integration“ nicht nur in ihrer vor die Hunde gehenden deutschen Heimat, sondern auch am Ort der eigenen Rettung entdecken: in den kapitalistischen Vereinigten Staaten mit ihrer von Film, Fernsehen oder Jazz geprägten Kulturindustrie. Im Gegensatz zu de Tocqueville und Baudrillard hätten sich die beiden Hauptvertreter der Frankfurter Schule wohl kaum über den Triumph Trumps und des amerikanischen Rechtspopulismus beziehungsweise -radikalismus gewundert.

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