ARCH+ 235


Erschienen in ARCH+ 235,
Seite(n) 226-231

ARCH+ 235

Blackout Berlin-Brandenburg – Spatialisierungen des deutschen Kolonialismus

Von Yeboah, Anna

Rechte Räume entfalten sich für mich als Schwarze Frau in Deutschland schneller, häufiger und teils auch unerwarteter als für die weiße Mehrheitsgesellschaft. Genauer gesagt, können sie – je nachdem, auf wen ich treffe –, aus heiterem Himmel um mich herum entstehen. Das Verlassen meines Hauses, meine bloße Existenz im öffentlichen Raum ist für viele eine Irritation – und manchmal sogar eine Provokation für eine Gesellschaft, die das Weiß-Sein als Standard konstruiert hat und beharrlich daran festhält.

Ich bin oft in Brandenburg, beispielsweise im Kreis Märkisch-Oderland. Im Sommer, bei schönem Wetter, formieren sich auf dem Supermarktparkplatz in Neuhardenberg zuweilen kreisrunde Wagenburgen mit Autos, deren Besitzer*innen ihre Geisteshaltung durch große Aufkleber auf der Motorhaube oder durch gewisse Zahlen- und Buchstabenkombinationen auf dem Nummernschild leicht zu erkennen geben. Ich gehe dort einkaufen, aber nie allein. Ich überquere den Parkplatz auf dem schnellsten Weg zum Eingang, immer schnurgerade – und damit auch ohne Einkaufswagen. Ich gehe nicht zum alljährlichen Fischerfest. Während die Dekolonialisierung der Welt mit dem letzten Jahrhundert formal zum Abschluss gekommen ist, kann ich versichern, dass der ihm zugrundeliegende Rassismus in Deutschland zäh fortbesteht.

Er lebt nicht nur in den Gedanken und Handlungen Einzelner weiter, sondern vor allem in den Institutionen, die ihn gesellschaftlich etabliert haben. Gerade diese – also Schulen, Sicherheitsorgane und dergleichen – prägen meine Existenz und die vieler anderer nicht-weißer Menschen in Deutschland. Wie viele andere, die sich im Rahmen der #MeTwo-Kampagne über ihre Erfahrungen rassistischer Diskriminierung auf Twitter äußerten, erhielt auch ich als Schülerin keine Gymnasialempfehlung. Als Angeklagte würde ich, wie Studien beweisen, für gleiche Delikte deutlich härter bestraft als weiße Angeklagte. Organe wie die Polizei oder der Verfassungsschutz schützen Menschen wie mich weniger als andere (gerade Letzteres zeigt sich einmal mehr durch die kürzlich ans Licht gekommenen, extrem rechten Umtriebe der hessischen Polizei). Die Journalistin Anke Schwarzer spricht hier vom „Ausdruck eines in der Gesellschaft vorherrschenden rassistischen Wissens, das jenseits individueller Haltungen wirksam ist“. Unter anderem auch – wie im Folgenden zu zeigen sein wird – in Architektur und Stadtplanung, in Denkmal- und Rekonstruktionsprojekten wie der Potsdamer Garnisonkirche und dem Berliner Stadtschloss sowie nicht zuletzt auch in Straßen­namen, die als Instrumente von Geschichtspolitik und Erinnerungs­kultur nicht zu unterschätzen sind. Die Verbindungen zwischen dem offenkundigen Rassismus Neuhardenberger Parkplatz-Nazis und ­gebildet daherkommenden Verharmloser­*innen des deutschen Kolonialismus in Berlin-Mitte sind enger, als letztere glauben.

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