ARCH+ 236

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Erschienen in ARCH+ 236,
Seite(n) 1-9

ARCH+ 236

Editorial

Von Brandlhuber, Arno /  Grawert, Olaf /  Ngo, Anh-Linh /  Hinterbrandner, Angelika

Ein unauflösbares Problem des post­modernen Diskurses liegt in der Ambiguität des Präfixes „post-“. Während im allgemeinen Verständnis damit eine historische Epocheneinteilung und vermeintliche Ablösung der Moderne gemeint war, wird im diskursiven Sinne damit eher ausgedrückt, dass das moderne Denken komplexer werden muss und einer kritisch-reflexiven Weiterentwicklung, einer „Komplikation“ bedarf. Wie jedoch kann eine „Revision der Moderne“, wie sie Heinrich Klotz bei Betrachtung der Postmoderne konstatierte, eine kritische Infragestellung der modernen Grundsätze gelingen, ohne in die Falle des Revisionismus zu tappen?

Einer, der diese Komplikation nicht nur im philosophischen, sondern bewusst auch im technischen Sinne – wie bei einem Uhrwerk – produktiv gemacht hat, ist der französische Philosoph Bruno Latour, der nonchalant feststellte: „Wir sind nie modern gewesen.“1 Denn wenn modern sein heißt, nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu handeln und eine „reinigende“ Trennung von Natur und Kultur, Technik und Gesellschaft, Mensch und Ding vorzunehmen, dann ist es uns in der Tat nie gelungen, diese Reinheit durchzuhalten.

Latour schreibt: „Wenn man […] von Embryonen im Reagenzglas, Expertensystemen, digitalen Maschinen, Robotern mit Sensoren, hybridem Mais, Datenbanken, Drogen auf Rezept, Walen mit Funksendern, synthetisierten Genen, Einschaltmeßgeräten, etc. überschwemmt wird, wenn unsere Tageszeitungen all diese Monstren seitenweise vor uns ausbreiten und wenn diese Chimären sich weder auf der Seite der Objekte noch auf der Seite der Subjekte, noch in der Mitte zu Hause fühlen, muß wohl oder übel irgend etwas geschehen. […] Es sieht so aus, als gäbe es nicht mehr genug Richter und Kritiker, um die Hybriden einzuteilen. Das Reinigungssystem ist genauso überfordert wie unser Rechtssystem.“2

Diese Chimären, Mischwesen oder Quasi-Objekte haben immer schon im Zwischenraum der kategorialen Trennung der Moderne existiert. Mit dem Vor- und Eindringen von Künstlicher Intelligenz in unseren Alltag werden sie jedoch zu Akteuren, die man nicht mehr ausblenden kann. Sind selbstlernende Algorithmen nicht Quasi-Objekte par excellence? Welchen Status weisen wir ihnen zu, und welche Handlungsmacht? Ist es nicht längst so, dass sie die Handlungsmacht besitzen und uns kontrollieren? Dies wirft radikale Fragen nach dem Status des Menschen auf, die seit einiger Zeit angesichts neuer technischer Bedingungen und Möglichkeiten wie Künstlicher Intelligenz, Genetik, Prothetik oder Bionik unter dem Stichwort des Posthumanismus diskutiert werden.

So wenig wie es in der Diskussion um die Postmoderne um eine Ablösung der Moderne ging, so wenig geht es beim Posthumanismus um eine dystopische Ablösung des Menschen. Vielmehr beobachten wir „eine Komplikation der Idee des Menschen und einer ‚menschlichen Natur‘ als solche“, wie es der Kulturtheoretiker Stefan Herbrechter formuliert hat.3 In Anlehnung an Latour gilt es zu fragen, ob wir jemals human gewesen sind. Statt den Humanismus also zu Grabe zu tragen, geht es wie bei der reflexiven Moderne um das Eingeständnis der menschlichen Fehler und Fehleinschätzungen, dieses Mal hinsichtlich der Frage, was uns überhaupt zum Menschen macht. Der Humanismus hat dem Menschen die zentrale Stellung zugewiesen. Aber dieser Anthropozentrismus steht heutzutage, angesichts des menschengemachten Klimawandels und der fortschreitenden Zerstörung der Umwelt, vor allem für die ethische Überhebung des Menschen.

Hinzu kommt die zunehmende Marginalisierung des Menschen durch autonom agierende Technik. Gerade für den Bereich der Architektur hat diese Entwicklung weitreichende Folgen. Mit dem Smart-City-Diskurs dringen Technologieunternehmen weit in das Feld der Architekt*innen und Planer*innen vor. Im Mittelpunkt steht dabei die algorithmische Postplanung, wie Deane Simpson diese Entwicklung nennt. In der Stadt der Zukunft werden aus Bürger­*innen User*innen, so Christian von Borries in dieser Ausgabe: „Architektur wird zum Instrument der Statistik und gibt Aufschluss über das Nutzerverhalten. Die Rolle der Architekt*in gibt es in diesem Szenario nicht mehr, beziehungsweise sie beschränkt sich auf die Gestaltung einzelner Punkte im Stadtraum, die vom Algorithmus vorbestimmt sind.“ Sind Architekt*innen in der Postplanung obsolet?

Wenn man so will, ist das auch die Kernfrage des neuen Films Architecting after Politics von Brandlhuber+ und Christopher Roth, auf dem viele der Gespräche in dieser Ausgabe basieren. Was die Gesprächspartner*innen und Autor*innen beschreiben, ist eine Radikalisierung des ökonomischen Denkens, in dem Stadt als exklusiver Raum verstanden und produziert wird. Städte werden zum zentralen Geschäftsfeld großer Technologieunternehmen, die sich an eine urbane Elite wenden. Die Kritik an diesen Unternehmen beschränkt sich derzeit noch allein auf ihre enorme Monopolmacht und digitale Dominanz, die unsere Konsum-, Kommunikations- und Lebenspraktiken bestimmt. Ihr Wechsel vom digitalen in den physischen Raum stellt uns jedoch noch vor andere, neue Herausforderungen. Grundlage der Entwicklungen, von mobilen Anwendungen wie Liefer- oder Mobilitätsservices bis zu den städtebaulichen Projekten von Alibaba und Alphabet, bilden unsere (Nutzer-)Daten. Sie ermöglichen nicht zuletzt neue Planungs- und Entwurfswerkzeuge. Die Algorithmen, Gleichungen und Schlüsse hinter diesen Werkzeugen und Anwendungen sind jedoch keine unhinterfragbaren Wahrheiten. Sie sind weder neutral noch objektiv oder gar faktisch. Hinter ihnen stehen Menschen – Datenanalysten und Programmierer, Konzerne und private Netzwerke –, deren Entscheidungen unsere Vorstellungswelt prägen und über unser Zusammenleben bestimmen.

Die Smart City verspricht Sicherheit, Komfort und Nachhaltigkeit, ohne über gleiche Voraussetzungen und Lebensverhältnisse für die Bürger*innen zu sprechen. Sie unterwandert damit die tradierten Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als gesellschaftliche und städtebauliche Leitmotive der Stadt, wie es Rem Koolhaas formuliert hat. Doch was bedeutet es für die Stadtgesellschaft, wenn private Unternehmen zunehmend die Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen? Wenn Städte einer unternehmerischen Logik und technokratischen Idealen der Datafizierung folgen? „Die Quantifizierung von Menschen und Lebensräumen verwandelt sie in biometrische Einheiten und Streetscores. Diese ontologische Reduktion führt unweigerlich zu einer verarmten Vorstellung von Stadtplanung und bürgerlichem Engagement“, warnt die Anthropologin Shannon Mattern in ihrem Beitrag. In dieser Vision, so Mattern weiter, sind Stadt, Gesellschaft und Mensch nichts weiter als „algorithmische Assemblagen“. Die Implikationen betreffen also nicht nur das gesellschaftliche Miteinander, sondern auch unser Selbstverständnis. Entsprechend lautet der Anspruch des Center for Urban Science and Progress, das führend in urbaner Informatik ist und derzeit ein Forschungsprojekt mit dem sprechenden Namen HUMAN durchführt: „Zum ersten Mal sind wir jetzt in der Lage, das Menschsein zu quantifizieren.“4

Wie können Architekt*innen auf Smart City und Datafizierung reagieren? Auch hier ist der Blick in die Debatte um den Posthumanismus erhellend, weil er uns aufzeigt, was der Architektur als materieller Kulturform ins Haus steht: „Gegenwärtige Themen in der posthumanistischen Debatte […] sind zum einen ein Weiterdenken der Biopolitik […] im Zeitalter des globalen Kapitalismus, der Migration und dem Aufflammen diverser Fundamentalismen. Im Zusammenhang mit einer Ethik und Politik nichtmenschlicher Akteure steht die Frage nach dem Status der ‚Objekte‘.“5

Will heißen: Wir sollten damit aufhören, uns Sorgen um die Rolle von Architekt*innen zu machen. Stattdessen ist die Frage nach dem Status der Architektur als Quasi-Objekt, als nichtmenschlicher Akteur im Arsenal der Biopolitik zu stellen. Denn „woran uns die hier diskutierten Datenkörperprojekte schließlich auch erinnern“, um Shannon Mattern ein weiteres Mal zu zitieren, „ist die Tatsache, dass das liberale Subjekt einen physischen Körper hat, dessen Gesundheit und Krankheit, Freude und Schmerz, Affekt und Kogni­tion, Ethnie und Klasse, Geschlecht und sexuelle Orientierung seine Fähigkeit beeinflussen können, sich sicher durch die Welt zu bewegen und sich inmitten der unzähligen digitalen und physischen Öffentlichkeiten sichtbar und hörbar zu machen.“6 Das zu gewährleisten, war und ist die Kernaufgabe von Architekt*innen. Und daran sollte sich auch im Zeitalter der posthumanen Architektur nichts ändern.

1    Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen – Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt am Main 2015

2    Ebd., S. 67–68

3    Stefan Herbrechter: „Kritischer Posthumanismus und die ‚Humanities‘ der Zukunft“, philosophie.ch online, 22.12.2016, www.philosophie.ch/­philosophie/highlights/zukunft/kritischer-posthumanismus-und-die-humanities-der-zukunft (Stand 10.9.2019)

4    Shannon Mattern: „Datenkörper in Coderäumen“, S. 17 in dieser Ausgabe

5    Herbrechter 2016 (wie Anm. 3)

6    Mattern 2019 (wie Anm. 4), S. 23

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