ARCH+ 236


Erschienen in ARCH+ 236,
Seite(n) 24-31

ARCH+ 236

Handlungsmacht im Zeitalter der Dezentralisierung

Von Bridle, James /  Grawert, Olaf /  Friedberg, Michaela

Die uns umgebende analoge Welt wie auch die digitalen Sphären, in denen wir uns täglich bewegen, werden zunehmend komplexer. Obwohl wir im Besitz von immer mehr Daten sind, wird es immer schwerer, die Mechanismen zu durchblicken, die uns tracken, analysieren und unser Verhalten voraus­sagen. Dennoch glauben viele daran, dass mehr Daten, Technik und eine fortschreitende Digitalisierung ausreichen, um eine bessere Welt zu erschaffen. James Bridle entblößt in seinen Arbeiten einfache Annahmen, Ressentiments und unhinterfragte Konventionen, die sich tief in unser alltägliches Verhalten und damit auch in die Technologien, die wir verwenden, eingeschrieben haben. Michaela Friedberg und Olaf Grawert sprachen mit dem Autor, Künstler und Kurator über Handlungsräume im New Dark Age.

Olaf Grawert: Sie haben Ende 2018 in der Berliner Nome Galerie eine Ausstellung mit dem Titel Agency kuratiert. Welche Leitidee lag der Ausstellung zugrunde?

James Bridle: Agency präsentiert Künstler*innen, die Situationen nicht nur beschreiben, sondern darin selbst aktiv werden. Ihre Arbeiten haben also keinen dokumentarischen Charakter, sondern zielen vielmehr darauf ab, bestehende Situationen umzugestalten. Dabei werden in vielen Fällen Geschichten erzählt, statt rein dokumentarisch zu arbeiten. Diese Vorgehensweise reagiert auf die Erkenntnis, dass die meisten Narrative, die uns tagtäglich erreichen, von eben jenen Personen stammen, die die darin beschriebenen Situationen, Technologien und Geräte geschaffen haben. Einige Künstler*innen der Aus­stellung haben nun genau diese Narrative umgeschrieben. Sie beziehen sich auf dieselben Objekte, Prozesse und Systeme, gelangen jedoch zu radikal anderen Ergebnissen.

OG: Was verstehen Sie unter Agency, also Handlungsmacht, in einer Zeit, in der sich die Menschen zunehmend neuen Machtzentren, insbesondere techno­lo­gischer und digitaler Art, ausgeliefert fühlen?

JB: Meiner Ansicht nach sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass Handlungsmacht (agency) nicht dasselbe meint wie Beherrschung (mastery). Viele Menschen glauben, dass mit zunehmender Komplexität der Sachverhalte auf allen erdenklichen Ebenen zugleich auch ihr Verständnis von diesen Sachverhalten zunehmen müsse, damit sie weiterhin handlungsfähig sein können. Ich hingegen gehe immer mehr davon aus, dass dies nicht mehr möglich ist.

Niemand kann heute noch einen allumfassenden Überblick über das System haben. Selbst Menschen oder Organisationen, denen man die volle Kontrolle zutraut, verfügen insgesamt über erstaunlich wenig Handlungsmacht. Daher sollte man sich fragen, was genau erforderlich ist, um unter bestimmten Umständen handeln zu können. Genau darin besteht für mich Handlungsmacht.

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