ARCH+ 236

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Erschienen in ARCH+ 236,
Seite(n) 144-147

ARCH+ 236

Public Face

Von Bismarck, Julius von

Public Face entstand 2008 als temporäre Installation für den Gasometer Schöneberg in Berlin und wurde in den vergangenen Jahren mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten unter anderem in Lindau, Berlin, Wien, Stuttgart und Dessau gezeigt. Seit November 2018 ist an der Brücke am Kibbelsteg in der Hamburger HafenCity eine für den Ort überarbeitete Version zu sehen. 

Die Proteste zur geplanten Volkszählung von 1983, in deren Zuge das Bundes­verfassungsgericht den Zensus in Teilen als verfassungswidrig erklärte, haben mit Begriffen wie „gläserner Bürger“ das politische Vokabular wesentlich geprägt. Noch heute werden Debatten rund um Fragen des Datenschutzes in Deutschland basierend auf dem „Recht auf informa­tionelle Selbstbestimmung“ geführt.1 Jedoch hat sich der Kontext in Bezug auf das, was durch neue Technologien der Überwachung und Vermessung von Bürger*innen erfasst und ausgewertet werden kann, radikal gewandelt.

Die Kopplung von im physischen Raum erhobenen Datenmengen und digitaler Informationssphäre lässt immer intimere Zusammenhänge über die einzelne Person – das Datensubjekt – erkennen. Unter dem Namen INDECT (Intelligent Information System Supporting Observation, Searching and Detection for Security of Citizens in Urban Environment), wurde 2009 ein EU-Forschungsprojekt zur Entwicklung eines Verfahrens initiiert, das es möglich machen sollte, öffentlich zugängliche Internetprofile mit Daten aus Überwachungskameras und Polizeidatenbanken abzugleichen.2 Ziel des Projektes war es, durch den Einsatz von computergestützter Gesichts- und Mustererkennungssoftware in öffentlichen Überwachungskameras und deren Verknüpfung mit Kommunikationsdaten sowie einer Vielzahl weiterer Datenquellen auffälliges oder „abnormales“ Verhalten frühzeitig zu erkennen, um so die Wahrscheinlichkeit von kriminellen Handlungen vorhersagen zu können (predictive policing). Anders als in panoptischen Anordnungen ist das Objekt der hier aufscheinenden Form von Überwachung nicht mehr vorrangig der Körper eines bekannten Individuums, „sondern eine Masse anonymer Individuen oder eine Menge aggregierter Daten, die nur im Hinblick auf einzelne Variablen Sichtbarkeit erlangen“3. In diesem Sinne ist die Masse einerseits „Gegenbild der biometrischen Datenbanken und Identitätsverzeichnisse“ und zugleich deren „Voraussetzung, denn biometrische Identität ist stets relational – gegründet auf signifikante Differenzen innerhalb massenhafter Verteilungen“4.

Im Rahmen des von Ellen Blumenstein kuratierten Programms Imagine the City setzen sich die drei Künstler Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer in ihrer Arbeit Public Face mit den beschriebenen neuen Überwachungsformen und Taktiken zeitgenössischer Kontrolle auseinander. Weit in den Stadtraum hinein sichtbar installieren sie auf den Brückenbogen des Kibbelstegs in der Hamburger HafenCity eine sieben Meter hohe Stahlkonstruktion in Form eines Smileys, dessen bewegliche Mund- und Augenpartie aus Neonröhren besteht und die kollektive Stimmungslage der Bevölkerung in Echtzeit wiedergibt. Dazu wird die interaktive Skulptur mit Daten aus mehreren, in der Umgebung installierten Überwachungskameras5 gespeist. Abgeleitet von den aufgezeichneten Gesichtsausdrücken der Passant*innen, berechnet eine von den Künstlern entwickelte Gesichtserkennungssoftware, die auf Algorithmen des Fraunhofer Instituts basiert, jede Minute den jeweils aktuellen Durchschnitt der Grundstimmungen der Bevölkerung. Die Software erkennt auf Grundlage von maschinellem Lernen, welcher Gesichtsausdruck welche Gemütslage widerspiegelt: wütend, glücklich, traurig oder erstaunt. Die ausgelesenen Daten (Emotionen) verarbeitet der Algorithmus dann zu einem numerischen Mittelwert und überträgt diesen an die Skulptur, ohne dass personenbezogene Daten gesammelt und gespeichert werden.6 Der Datensatz bildet die Grundlage für die Mimik des Smileys: Wenn die allgemeine Stimmung der Menschen im Stadtteil mehrheitlich glücklich ist, hebt die mechanische Apparatur der Installation die Mundwinkel des Smileys nach oben, macht die Mehrheit der Passant*innen einen eher traurigen Eindruck, kehrt sich der Mundwinkel um; das weite Öffnen der Augen wiederum signalisiert Erstaunen und das Zusammenkneifen der Augenlider Wut.

In der Installation Public Face wird der Smiley – die historisch erste anthropomorphe Grafik auf dem Personal Computer, die heute mehr denn je als Kommunikationsbrücke für die im digitalen Raum verborgen bleibenden Gefühle und Zwischentöne fungiert – zu einer „Plastik mit potentiellen Ausdrucksformen“7, einem Medium, das aus der digitalen Sphäre in den physischen öffentlichen Raum drängt und dort auf seine Umgebung reagiert.8 Was die Überwachungstechnik erfasst, wird vom Smiley wieder an die Bevölkerung zurück kommuniziert. Doch im Gegensatz zu gängigen Überwachungstechniken zielt die von den Künstlern programmierte Software nicht darauf ab, Individuen durch die Analyse von Daten gezielt zu bewerten (profiling, targeting). Zwar filtert sie aus der Menge an Menschen- und Datenströmen signifikante Muster (Gesichtsausdrücke) heraus, doch nutzt sie diese nicht zur Identifizierung und Adressierung einzelner, sondern um eine möglichst große gemeinsame Schnittmenge herzustellen. In dieser Verschiebung des Fokus vom einzelnen (privaten) Menschen zurück auf die (öffentliche) Gemeinschaft liegt ein subversives Moment, das auch eine implizite Kritik enthält. Denn die neuen Überwachungstechniken besetzen das Öffentliche – den Raum der Begegnung und der Teilhabe – und privatisieren es, indem sie ihm etwas nehmen und verwerten (lat. privare: „berauben“). Die Künstler interpretieren die von den intelligenten Überwachungskameras produzierten Daten, die normalerweise im Moment ihrer Erhebung in abgeschottete Über­wachungssysteme eingespeist werden, als Daten der Allgemeinheit, die sie – hier in Form des Public Face – der Öffentlichkeit zurückgeben wollen. MAK

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1    Vgl. „Vor 30 Jahren – Protest gegen Volkszählung“, bpb online, 22.5.2017, www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/248750/volkszaehlung-1987-22-05-2017 (Stand: 16.8.2019)

2    Vgl. hierzu unter anderem Kai Biermann: „Indect – der Traum der EU vom Polizeistaat“, in: ZEIT Online, 24.9.2009, www.zeit.de/digital/datenschutz/2009-09/indect-ueberwachung (Stand: 14.8.2019) oder auf Wikipedia, de.wikipedia.org/wiki/INDECT (Stand: 14.8.2019)

3    Thomas Christian Bächle: Digitales Wissen, Daten und Überwachung – zur Einführung, Hamburg 2016, S. 175

4    Roland Meyer: „Augmented Crowds – Identitätsmanagement, Gesichtserkennung und Crowd Monitoring“, in: Inge Baxmann et al. (Hg.): Soziale Medien – Neue Massen, Zürich/Berlin 2014, S. 111

5    Laut Pressestelle haben die Künstler eigene Überwachungskameras installiert (mit Genehmigung der privaten/städtischen Grundeigentümer), nutzen aber auch vereinzelt bestehende städtische Überwachungskameras, die sie mit ihrer Gesichtserkennungssoftware ausstatten. Neben jeder Kamera ist eine Informationstafel angebracht, die auf die datenschutzrechtlichen Bestimmungen hinweist.

6    Jedes minütlich von der Software ausgespielte Standbild verbleibt ausschließlich im Arbeitsspeicher und wird direkt vom nächsten Videostill überschrieben.

7    „Julius von Bismarck: Public Face“, in: District Berlin, www.district-berlin.com/de/public-face (Stand 14.8.2019)

8    Vgl. Ebd.

 

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