ARCH+ 237

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Erschienen in ARCH+ 237,
Seite(n) 3-4

ARCH+ 237

Vorbemerkung: Auf dem Weg zu einer neuen Architektur

Von Kuhnert, Nikolaus

Mit der Überschrift zu dieser Vorbemerkung greife ich den Titel von Julius Poseners Vorlesungen zur Geschichte der neuen Architektur auf. Posener sprach bewusst von der „neuen“ Architektur, um den Begriff der Moderne zu vermeiden, mit dem man zunehmend einen Stil verband. Posener wollte das Neue Bauen nicht ausschließlich auf den Funktionalismus hinauslaufen lassen. Die Abgrenzung von falschen Zuordnungen ist auch mein Motiv. Es geht in meinem Fall um die Abgrenzung von Entwicklungen wie Postmoderne oder Zweiter Moderne. Sie berühren Teile meiner Biografie, aber meine Laufbahn geht nicht in ihnen auf, gerade weil beide einen wesentlichen Punkt, den zivilisatorischen Fortschritt der Architektur, grundsätzlich ausblenden.

Diesen Weg zu einer neuen Architektur dokumentieren die Ausgaben von ARCH+, die ich in mittlerweile fast fünfzig Jahren verantwortet habe. Die Arbeit hat mein Leben bestimmt. Ein Resümee zu ziehen, wie ich es an dieser Stelle vorhabe, ist ein schwieriges Unterfangen. Ich habe es über die Jahre immer in der „toten Zeit“ zwischen der Abgabe des Heftes zum Druck und seiner Auslieferung versucht. In dieser heftfreien Zeit bin ich in der Regel in ein tiefes Loch gefallen. Oft habe ich sie durch Porträtzeichnen zu füllen versucht. So gibt es viele Selbstporträts aus diesen Zeiten. Die Versuche eines Rückblicks haben sich bereits mehrfach in der ARCH+ niedergeschlagen: beginnend mit den Bilderseiten „100 Hefte ARCH+“ in ARCH+ 100/101 Service Wohnung (1989), der Ausgabe ARCH+ 139/140 30 Jahre ARCH+ (1998), fortgesetzt mit einem Beitrag von Jesko Fezer zur Geschichte der Zeitschrift in ARCH+ 186/187 The Making of Your Magazines/Documenta 12 (2008), für den er mich interviewt hat, und schließlich mit einem Gespräch mit mir in ARCH+ 229 Am Ende: Architektur / 50 Jahre ARCH+: Projekt und Utopie (2017).

Mit den folgenden Überlegungen suche ich Themen zu destillieren, die sich durch meine jahrzehntelange Arbeit an der ARCH+ verdichten lassen.

Ein Thema wäre das diskursive Entwerfen. Eine Kartierung dieses Themas ergäbe eine Linie, die mit den Stadtbauwelt-Ausgaben beginnt, die ich Anfang der 1980er-Jahre zusammengestellt habe und sich mit denen der ARCH+ fortsetzt. Sie würde zeigen, dass sich im West-Berlin der 1960er-Jahre mit der Lehre von Oswald Mathias Ungers an der TU Berlin eine neue Entwurfsweise herausgebildet hat: diskursiv im Dialog zu entwerfen, nicht mehr einzeln, sondern in der Gruppe, nach Vorgabe eines Programms, in „Bindung“ an ein Thema.

Zu diesem Zeitpunkt war in Ungers noch vereint, was sich in den Folgejahren in gegensätzliche Richtungen aufspalten sollte: Ungers selbst flüchtete sich im Widerspruch zum Aufbruch der 60er- und 70er-Jahre in seinem Spätwerk in klassische Dispositionen und läutete damit eine konservative Wende in der Architektur ein. Sein Schüler Rem Koolhaas hingegen verfolgte in Projekten wie der Casa da Música in Porto oder der Public Library in Seattle eine konzeptuelle Architektur, die beispielhaft verdeutlicht, was ein diskursiver Entwurf für die Architektur bedeuten kann.

Die Fragestellung des diskursiven Entwerfens verfolge ich bis zu den Projekten einer jüngeren Generation, aus der ich Arno Brandlhuber und Peter Grundmann ausgewählt habe. Statt ein Thema oder Konzept akzentuiert Brandlhuber die Frage der Architektur als Argument, indem er kritisch eine Überlegung von Hans Kollhoff aufgreift, aber anders interpretiert, nämlich auf den Wandel der Lebensverhältnisse bezogen. Auf Peter Grundmann gehe ich als Vertreter eines performativen Raumverständnisses ein, das ich auf Mies van der Rohe zurückführe. Im Farnsworth House verorte ich einen Ursprung dieser neuen räumlichen Disposition, die den Raum einerseits freiräumt und ihn andererseits für die Projektionen der Bewohner-*innen öffnet. Sie ist zum einen die letzte Konsequenz der heroischen Moderne, zum anderen geht sie durch die Öffnung für die Nutzer*innen über diese hinaus. Die Frage der Wahlfreiheit wurde zum Thema der Architektur (die damit aber auch den Wandel der klassischen Industrie- zur Konsumgesellschaft widerspiegelt).

Ich vermute einen unausgesprochenen Zusammenhang zwischen einer im diskursiven Entwerfen implizierten Virtualisierung des Entwurfs und der inzwischen Realität gewordenen Digitalisierung der Architektur, auch wenn ich dies nur ansatzweise belegen kann. Fragen müssen wir uns deshalb: Wie verbindet sich die virtuelle Welt des Entwurfes mit der analogen der Architektur, wie verbinden sich die zwei Weltentwürfe und zwei Raumvorstellungen, die symbolische Form des perspektivischen Raums mit den gelebten Räumen in der Architektur?

Der technologische Wandel geht mit einem grundsätzlichen Wandel der Gesellschaft einher, die Digitalisierung der Architektur ist eingebettet in eine umfassende Digitalisierung der Gesellschaft. Mit ihr zieht aber auch eine Kontrollgesellschaft herauf, die zur Folge hat, dass der reale Mensch zum Skandalon seiner in den digitalen Medien hinterlassenen Fußabdrücke wird. Damit besteht die Gefahr, dass sich die klassische Formation von ancien regime und Revolte umkehrt: Das konkrete Leben nimmt den Charakter der Revolte an, das aufgezeichnete den des ancien regimes.

Begleitet haben mich in all den Jahren Marc Fester und Sabine Kraft seit unserem gemeinsamen Seminar im Rahmen der Kritischen Universität, seit dem Diplom Günther Uhlig und Julius Posener, später Otl Aicher, Dieter Hoffmann-Axthelm, Bruno Schindler, Joachim Krausse und Vilém Flusser, die Redaktionsmitglieder Wolfgang Wagener, Philipp Oswalt, Angelika Schnell, Susanne Schindler, Anh-Linh Ngo und viele andere. Seit 2016 ist Anh-Linh Ngo alleiniger Chefredakteur und Mitherausgeber von ARCH+.

Begleitet haben mich meine Frau Capers, mit der ich seit 1991 verheiratet bin, und unsere drei Kinder Daniel, Lilly und Benjamin.

Begleitet hat mich aber auch meine Vergangenheit. Ich wurde am 7. März 1939 geboren, als Kind einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters. Aus den Erzählungen meiner Eltern wusste ich, dass die Nazihorden am 9. November 1938, also nur wenige Monate vor meiner Geburt, vor der Tür standen, um meine Eltern zu massakrieren. Gerettet hat uns unser Nachbar Ziesenitz. Aus der Recherche zu dieser Selbstbiografie weiß ich, dass die Aktion Sonderkommando J, auch Herbstaktion genannt, im Rahmen derer mein Vater in das Arbeitslager Zerbst bei Dessau kam, nur der erste Schritt sein sollte zur endgültigen Lösung der Frage der jüdischen „Mischlinge“. Gerettet hat uns der schnellere Vormarsch der Amerikaner und der Sowjets, die Ende April Dessau einnahmen und Anfang Mai Potsdam-Babelsberg, wo wir damals lebten.

Das Jüdischsein hat in meiner Jugend keine Rolle gespielt, es wurde überwölbt von einem allgemeinen Gefühl des Linksseins, das die spezielle Herkunft der Genossen in den Hintergrund treten ließ. So war ich mit Kindern von SS-Leuten bekannt, gleichwohl nicht befreundet, das war ich mit Linken jüdischer Herkunft wie Ines Lehmann und Peter Neitzke. Erst mit dem Zerfall der Linken in West-Europa begann sich das zu ändern. In Aachen noch habe ich dann die Jüdische Gemeinde besucht, später in Berlin die „Jüdische Gruppe“, einen Zusammenschluss linker Juden, die wie ich keiner politischen Gruppierung mehr angehörten. Umso mehr hat uns unsere jüdische Herkunft beschäftigt. Ihnen bin ich heute noch verbunden.

Zwar hat mich das Lebensgefühl des Überlebenden immer begleitet. Doch richtig aufgebrochen ist es, als die Bauwelt ein Foto von Peter Grundmanns Anbau an mein Haus veröffentlichte und dieses hämisch kommentierte. Es war die Rache für einen Artikel von Dieter Hoffmann-Axthelm zur Ökonomie deutscher Architekturzeitschriften in der ARCH+, den ich mit Informationen zur Ablösung der Chefredaktionen von Bauwelt, Baumeister und db gespickt hatte (ARCH+ 200 Kritik, S. 16 f.). Sonst hatte ich immer das Gefühl, als Überlebender alles überleben zu können, auch die schwere Krankheit 2015, als ich nach einem Blutsturz in die Charité eingeliefert wurde, immer mit dem Gefühl: Wenn ich schon Hitler überlebt habe, dann wird mich auch dieses Aneurysma nicht umbringen.

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