ARCH+ 173

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Erschienen in ARCH+ 173,
Seite(n) 8-9

ARCH+ 173

Weltkarte der Schrumpfung

Von Oswalt, Philipp /  Rieniets, Tim

Städte mit über 100.000 Einwohnern (Auswahl) Kurzzeitige oder dauerhafte Einwohnerverluste von über 10

Seit Beginn der Industrialisierung vor etwa 200 Jahren sind in den Industrieländern Bevölkerung, Wirtschaft, Wohlstand und Städte nahezu kontinuierlich und meist in rapidem Tempo gewachsen. Wachstum ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Diese historische Epoche geht zu Ende. Die Bevölkerung alter Industriestaaten wie Deutschland, Italien, Japan oder auch Rußland verringert sich. Die Wirtschaft wächst zwar noch geringfügig, aber die Beschäftigung nimmt schon seit einiger Zeit stetig ab. Einige Städte verschwinden, andere verlieren seit Jahrzehnten Bevölkerung und wirtschaftliche Aktivität. Dem Phänomen urbaner Schrumpfung liegen mehrere Transformationsprozesse zugrunde. Die vier exemplarischen Stadtregionen, die im Wettbewerb bearbeitet wurden, fokussieren jeweils eine spezifische Form der Schrumpfung:

Die Automobilstadt Detroit (USA) steht für Schrumpfung durch Suburbanisierungsprozesse; die Textilregion Ivanovo (Russische Föderation) für Schrumpfung im postsozialistischen Wandel und die ehemalige Industrieregion Manchester/Liverpool (Großbritannien) für Schrumpfung durch Deindustrialisierung. Alle drei Prozesse schlagen sich gleichzeitig im vierten Beispiel nieder – der Region Halle/Leipzig.

Während die Stadt Detroit schrumpft, wachsen die Vorstädte immer weiter in das Umland hinein. Mobilität hat die Stadt begründet, bedeutet aber auch ihren Untergang. Rassismus gehört zu den treibenden Kräften für ihr Schrumpfen. Die ständige Ausbreitung der Stadt nach außen hat ihr Gebiet aufgespalten zwischen Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Stadt und Vorstadt. Im Bewußtsein der Amerikaner ist Detroit zum Symbol für das Versagen der modernen Metropole geworden und damit zur Projektionsfläche für die Fantasien der Massenmedien und der Popkultur.

Nach der deutschen Wiedervereinigung setzte in ostdeutschen Städten eine dramatische Bevölkerungsschrumpfung ein. Die rapide Deindustrialisierung, die nicht nur auf dem maroden Zustand der Anlagen, sondern auch auf gravierenden wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen und westdeutschen Interesseneinflüssen beruhte, führte zu einer Dauerarbeitslosigkeit von 20 Prozent und der Abwanderung von über einer Million Menschen. Eine massive, staatlich beförderte Suburbanisierung führte zur weiteren Ausdünnung der Städte, in denen schon beim Fall der Mauer ca. 350.000 Altbauwohnungen leer gestanden hatten.

In der Textilregion Ivanovo nordöstlich von Moskau brachen mit dem Ende des Sozialismus die wirtschaftlichen Strukturen zusammen und die Industrieproduktion sank auf ein Fünftel. Mit der Deindustrialisierung büßte die Fabrik ihre zentrale Funktion im kulturellen und öffentlichen Leben ein, ohne daß vergleichbare neue Strukturen entstanden. Das städtische Leben paßte sich dem Rhythmus der landwirtschaftlichen Produktionszyklen an, weil viele Stadtbewohner zur Selbstversorgung auf Datschen- und Gartengrundstücke zurückgreifen müssen. Vormoderne und postindustrielle Praktiken überschneiden sich und bilden neue Lebensstile.

Nach jahrzehntelangem Niedergang gelang es Manchester und Liverpool ihre Stadtzentren zu revitalisieren. Eingeleitet wurde dieser Wandel durch Musik-, Gay- und Migrantenszenen, die sich im Leerstand entwickelten und die Städte überregional als Kulturmetropolen bekannt machten. Die Stadtverwaltungen griffen die Potentiale des Imagewechsels offensiv auf und setzten auf Public-PrivatePartnerships. Die Wiederaufwertung geht jedoch mit einer fortgesetzten Krise der äußeren Innenstadtviertel einher, die von hoher Arbeitslosigkeit, Armut und Wohnungsleerständen gezeichnet sind.

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